Als Reaktion auf die US-israelische Offensive hat Teheran eine weitreichende Gegenkampagne eingeleitet. Die strategische Aktivierung der Hisbollah, länderübergreifende Raketenschläge und die iranische Doktrin der „Mosaik-Verteidigung“ stellen die US-Streitkräfte vor komplexe Herausforderungen.

Am 28. Februar 2026 initiierte der Iran die „Operation True Promise IV“ als direkte Antwort auf die vorangegangene amerikanisch-israelische Bombardierungskampagne. Dabei weiteten sich die Angriffe auf US-Stützpunkte und Infrastruktur in insgesamt neun Staaten aus, darunter Bahrain, der Irak, Jordanien, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und die Republik Zypern.

Kinetische Schläge und deklarierte Ziele

Dabei wurden weitreichende Raketen- und Drohnenangriffe auf US-amerikanische Präsenzen im Nahen Osten und Israel durchgeführt. Schätzungen gehen von über 1.000 gestarteten Drohnen und hunderten ballistischen Raketen über die letzten sechs Tage aus. Die Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) erklärten in eigenen Pressemitteilungen, 27 amerikanische und israelische Stützpunkte angegriffen zu haben.

Zu den durch das US-Zentralkommando verifizierten Zielen zählen der Hauptsitz der 5. US-Flotte im bahrainischen Juffair-Gebiet sowie Stützpunkte in Katar und den VAE. Kuwaitische Behörden meldeten Angriffe auf das US-Botschaftsgelände in Kuwait-Stadt. In Saudi-Arabien zielten Drohnen auf die US-Botschaft in Riad. Einem unbestätigten Bericht der Washington Post zufolge, der sich auf zwei anonyme Quellen stützt, soll dabei auch die lokale CIA-Station getroffen worden sein.

Start einer Khorramshahr-4-Rakete durch die Raketenstreitkräfte der IRGC. Laut der staatlichen Agentur Tasnim soll sie auf den israelischen Flughafen Ben Gurion abgezielt haben. (Bild: X/Tasnim)

Unabhängige OSINT-Verifikationen dokumentieren zudem präzise Schäden an der militärischen Sensorik der USA. Zu den zerstörten Waffensystemen und Anlagen zählen Radare der Typen AN/FPS-132 in Katar, AN/GSC-52B in Bahrain und AN/TPY-2 in den VAE und Jordanien. Auch Satellitenkommunikationsinfrastruktur in Kuwait sowie die Prince Sultan Airbase in Saudi-Arabien wiesen Einschlagsspuren auf.

In Dubai wurden zivile Wohngebiete und Hotelanlagen von Projektilen getroffen. Ein gezielter Angriff auf Rechenzentren von Amazon Web Services (AWS) in Bahrain und den VAE wurde von iranischer Seite mit der behaupteten Unterstützung von US-Militär- und Geheimdienstaktivitäten durch das Unternehmen legitimiert.

Raketen und Drohnen als Hauptwirkmittel

Die Luft- und Raumfahrtkräften der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC-AF) spielten bei der Durchführung dieser Angriffe die zentrale Rolle. Da die deutlich veraltete und zahlenmäßig weit unterlegene iranischen Luftplattformen kaum offensivfähig sind, muss sich der Iran weitgehend auf sein breit aufgestelltes Raketenarsenal verlassen. Für die präzisen Schläge auf militärische US-Infrastruktur und zivile Ziele in der direkten Golfnachbarschaft (darunter Bahrain, Katar und die VAE) griffen die IRGC-AF primär auf feststoffbetriebene ballistische Kurzstreckenraketen (SRBM) zurück. Systeme aus der Fateh-Familie, wie die „Fateh-313“ oder die „Zolfaghar“ (mit einer Reichweite von ca. 700 Kilometern), verfügen über abtrennbare, lenkbare Gefechtsköpfe und einen sehr geringen Streukreisradius.

Die Bekämpfung der über 1.000 Kilometer entfernten Ziele in Israel erforderte hingegen den Einsatz schwererer ballistischer Mittelstreckenraketen (MRBM). Neben flüssigkeitsgetriebenen Legacy-Systemen wie der „Shahab-3“ kamen hier moderne Varianten wie die „Emad“, die „Ghadr“ und die massereiche „Khorramshahr-4“ (mit einer Nutzlast von bis zu 1.500 Kilogramm) zum Einsatz. Diese Systeme sind teilweise mit manövrierfähigen Wiedereintrittskörpern, die darauf ausgelegt sind, den exoatmosphärischen Abfang durch moderne Verteidigungssysteme durch Ausweichbewegungen im Endanflug zu erschweren.

Flankiert wurden diese ballistischen Wellen durch den massiven Einsatz von Einweg-Kampfdrohnen (Loitering Munition) der Shahed-Serie. Visuelle Evidenz bestätigt mehrere wirksame Einschläge von Shahed-131- und Shahed-136-Systemen. Die taktische Funktion dieser tief fliegenden Deltarumpf-Drohnen besteht in solchen kombinierten Angriffsszenarien weniger in ihrer begrenzten kinetischen Zerstörungskraft als vielmehr in ihrer Schwarmfähigkeit: Sie dienen gezielt dazu, die gegnerische Nahbereichs-Luftverteidigung zu binden, Radar-Ressourcen zu übersättigen und somit Korridore für die nachfolgenden, durchschlagskräftigeren ballistischen Flugkörper zu öffnen.

Einschlag einer ballistischen Rakete in Beit Shemesh, Israel, durch iranischen Beschuss. (Bild: Telegram/MES)

Die Doktrin der „Mosaik-Verteidigung“: Kalkulierte Dezentralisierung

Nachdem bereits in den ersten Stunden des Angriffs auf Teheran ein Großteil der iranischen Führungsstrukturen durch Luftschläge ausgeschaltet wurde, bleibt fraglich, wie die iranischen Streitkräfte ihre militärischen Gegenreaktionen koordinieren. Doch der Verlust einer zentralen Führungsstruktur ist für die IRGC ein erprobtes Szenario. Da die iranischen Streitkräfte einem konventionellen Schlagabtausch mit den Vereinigten Staaten materiell unterlegen sind, lag ihr doktrinärer Schwerpunkt traditionell auf asymmetrischer Kriegsführung. Der Kontrollverlust der zentralen Führung ist somit ein kalkuliertes Element der asymmetrischen Verteidigungsstrategie, welches die Vorhersehbarkeit weiterer Eskalationsschritte erschwert.

Um unter den Bedingungen der faktisch bereits umgesetzten gegnerischen Lufthoheit operieren zu können, setzt Teheran auf die sogenannte „Mosaik-Verteidigung“. Dieses Konzept sieht im Falle eines Angriffs durch die USA und ihre Verbündeten eine weitreichende Dezentralisierung der Kommandostrukturen vor. Lokalen Kommandeuren werden erweiterte Befugnisse übertragen, um auch bei einem vollständigen Zusammenbruch der übergeordneten Kommunikations- und Führungsnetzwerke autonom militärische Operationen fortzuführen.

Eine Übersicht der von den iranischen Vergeltungsschlägen getroffenen Staaten. (Bild: Jannis Düngemann)

Strategische Verschiebung: Eröffnung der Nordfront

Ein weiteres Schlüsselelement der asymmetrischen Reaktionsstrukturen des Irans ist die Aktivierung des iranischen Proxy-Netzwerks. Am 2. März beendete die libanesische Hisbollah den seit 2024 bestehenden, ohnehin fragilen Waffenstillstand und begann mit dem Beschuss Nordisraels. Als direkte Reaktion auf die Tötung des iranischen Obersten Führers feuerte die Miliz symbolisch Raketen und Drohnen auf militärische Infrastruktur, darunter die Luftwaffenbasis Ramat David und die Überwachungsanlage Meron. Obwohl die militärischen Kapazitäten der Hisbollah durch den langwierigen Konflikt mit Israel deutlich degradiert sind, bindet ein neu aufgeflammter Konflikt an der eigenen Grenze israelische Ressourcen.

Irans asymmetrische Blockadefähigkeiten in der Straße von Hormus

Die maritime Blockade der Straße von Hormus durch den Iran stellt aktuell ein Paradoxon dar: Obwohl die konventionellen Seekriegskapazitäten Teherans durch die Operationen der US-geführten Koalition weitgehend vernichtet wurden, bleibt die für den globalen Ölhandel essenzielle Meerenge de facto gesperrt.

Dabei beruht die iranische Blockadefähigkeit nicht länger auf Präsenz, sondern auf dem schwer zu bereinigenden Risiko asymmetrischer Bedrohungen. Den Kern der verbliebenen Bedrohungen bilden autonome IRGC-Schnellboote, die aus dezentralen Küstenverstecken heraus punktuelle Angriffe durchführen, flankiert von einer Bedrohung durch Seeminen, Unterwasserplattformen und Antischiffsraketen.

Die ökonomischen Daten bestätigen die Wirksamkeit dieser asymmetrischen Blockade. Obwohl keine formelle, geschlossene Militärblockade im klassischen Sinne vorliegt, brach der Tankerverkehr in der Meerenge – durch die regulär 20 Prozent des globalen Ölbedarfs transportiert werden – um ca. 90 Prozent im Vergleich zur Vorwoche ein.

Satellitenaufnahmen des größten Containerhafens im Nahen Osten: „Jebel Ali“ in Dubai brennt in Folge iranischer Angriffe. (Bild: X/ Mizar Vision)

 Verbleibendes Bedrohungspotenzial und Ausblick

Nach sechs Tagen scheinen die amerikanisch-israelische Lufthoheit Wirkung zu zeigen.  Während belastbare Daten zu den personellen und materiellen Verlusten der iranischen Streitkräfte aufgrund der strikten Informationskontrolle Teherans weitgehend fehlen, lässt sich von einer deutlichen Degradierung der iranischen Kapazitäten ausgehen.

Die anhaltenden Operationen der IRGC demonstrieren jedoch, dass die US-amerikanische Enthauptungsstrategie der initialen Kampagnenphase die Handlungsfähigkeit der asymmetrisch strukturierten iranischen Streitkräfte nicht vollständig neutralisieren konnte. Das signifikanteste Bedrohungsszenario seitens der Islamischen Republik Iran bleibt somit die Übersättigung der integrierten Luftverteidigungssysteme in der Region durch dichten ballistischen Beschuss. Bereits im Zwölftagekrieg stellte die Überforderung der Interceptor-Bestände der USA und ihrer Alliierten einen kritischen Risikofaktor dar. Allerdings relativierte US-General Dan Caine diese Gefahr in einem Interview am Mittwoch; er berichtete von einem Rückgang der iranischen Raketenstarts um 86 % und der Drohnenflüge um 73 % gegenüber dem ersten Kriegstag. Eine operative Übersättigung der Abwehrsysteme scheint folglich vorerst abgewendet.

Jannis Düngemann