Seit den Angriffen auf Iran im Zuge des Zwölftagekrieges im Juni wird debattiert, wie schwer Irans Atomprogramm beschädigt wurde und wie lange Teheran unter den neuen Bedingungen brauchen würde, um erstmals eigene Atombomben zu bauen.

An diesem Punkt gehen die Einschätzungen weit auseinander: von wenigen Monaten bis zu einigen Jahren. Weniger kontrovers scheint dagegen die dem Iran zugeschriebene Motivation zur Produktion der Bombe. Es herrscht große Einigkeit unter den Nuklearexperten, dass die israelischen und amerikanischen Militärschläge die Entschlossenheit Teherans dazu noch gestärkt haben dürften. Diese Sicht blendet aber aus, dass der Krieg ebenso gut Irans Risikoscheu erhöht haben könnte.

Netanjahus öffentliche Präsentation 2018 des „Atomarchivs“ des Iran, welches der Mossad 2018 aus Iran herausgeholt hatte, ist vielleicht das Symbol für Israels nachrichtendienstliche Durchdringung des iranischen Atomprogramms. Foto: gov. il

Die Einschätzung, die den Iran als entschlossen zum Kernwaffenerwerb darstellt, klingt zunächst einleuchtend. Die iranische Führung, so diese Sichtweise, habe ihr Atomprogramm über Jahrzehnte bewusst unterhalb der Schwelle zum Kernwaffenbau gehalten, sich dabei aber technisch die Option erarbeitet, die Bombe schnell produzieren zu können, sollte dies in Zukunft einmal nötig werden. Mit dieser Strategie der nuklearen Risikoabsicherung habe Teheran dazu beigetragen, dass Israel und die USA von größeren Angriffen abgeschreckt wurden. Das unkonventionelle Vorgehen der Regierungen von Benjamin Netanjahu und Donald Trump habe diesen zurückhaltenden Ansatz offensichtlich scheitern lassen. Weil Israels Angriffe auch den Machtzentren des Regimes gegolten hatten, sei der Führung in Teheran zudem demonstriert worden, dass effektive Abschreckung – und damit auch ihr eigenes Überleben – ohne Atombomben gegen diese Gegner nicht gesichert werden könne. Somit sei bei Irans Motivation aus einem „Vielleicht irgendwann“ ein „Jetzt“ beziehungsweise „Jetzt erst recht“ geworden.