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Der im bayerischen Schrobenhausen ansässige Flugkörper- und Luftverteidigungsspezialist MBDA Deutschland musste sich umstrukturieren, nachdem im vergangenen Jahr die Arbeiten am Taktischen Luftverteidigungssystem TVLS unterbrochen worden sind. Dies ist mittlerweile abgeschlossen. In den kommenden Jahren setzt das Unternehmen auf die Fortführung bewährter Produktlinien, arbeitet aber parallel dazu an neuen Lösungen. Dafür will MBDA mit Firmen wie der israelischen IAI kooperieren und schaut auch auf europäische Rüstungsvorhaben, wie Geschäftsführer Thomas Gottschild im Gespräch erläutert.

Die Rahmenbedingungen für Unternehmen mit Expertise in der Luftverteidigung scheinen im Augenblick günstig zu sein. Denn Konflikte wie der Krieg in Bergkarabach, bei dem Drohnen eine wesentliche Rolle gespielt haben, und der jüngste chinesische Test eines Hyperschallvehikels haben die Bedrohung, die von diesen Waffen ausgeht, Militärs und Politikern erneut vor Augen geführt.

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MBDA-Geschäftsführer Thomas Gottschild möchte sich mit seinem Unternehmen an der Entwicklung eines europäischen Abfangflugkörpers beteiligen

Nach Einschätzung von MBDA-Manager Gottschild nimmt die Bedrohung aus der Luft generell zu. „Was wir sehen, ist die Notwendigkeit für Luftverteidigungssysteme in allen Abfangschichten”, sagt er. Neben den unterschiedlichen Klassen von Drohnen, von denen kleine Exemplare mit Sprengstoff ausgestattet als fliegende Bomben eingesetzt würden und Hyperschallwaffen im oberen Spektrum, müsse auch weiterhin der Schutz vor „klassischen Bedrohungen“ wie Kampfflugzeugen und ballistischen Raketen sichergestellt werden, betont er.

Vor diesem Hintergrund sollten seiner Einschätzung zufolge unterschiedliche Abfanglösungen und Effektoren zur Abwehr eingesetzt werden. „Es macht wenig Sinn, eine Kleinstdrohne mit einem Flugkörper zu bekämpfen.“ Hier müssten nichtkinetische Wirkmittel zum Einsatz kommen. Auch ein Laser könne sinnvoll eingebunden werden.

Wichtig sei dabei das Thema „Plug and Fight“, also das einfache Integrieren von Wirksystemen in Abwehr-Verbünde.

MBDA sieht sich nach Aussage von Gottschild gut aufgestellt, seinen Kunden leistungsfähige Lösungen bieten zu können, nachdem das Unternehmen seinen Restrukturierungsprozess vor Kurzem abgeschlossen hat. Notwendig wurde dieser, als Ende 2020 die Bundesregierung entschied, die Finanzierung des Taktischen Luftverteidigungssystems (TLVS) nicht fortzusetzen. MBDA hatte im Vorgriff auf das erwartete Milliardenprogramm bereits zahlreiche Mitarbeiter eingestellt, für die dann keine Beschäftigung vorhanden war. „Wir haben mittlerweile die Personalmaßnahmen, was ja immer der schmerzhafteste Baustein einer Restrukturierung ist, abgeschlossen. Dabei konnten wir betriebsbedingte Kündigungen vermeiden“, sagt Gottschild. Um die Zielzahl an Mitarbeitern zu erreichen, wurden mehrere Instrumente genutzt: „Es gab sowohl Altersteilzeitregelungen als auch ein Freiwilligen-Programm sowie die Ausnutzung der natürlichen Fluktuation unserer Mitarbeiter, die uns in die Lage versetzt haben, den leider notwendigen Stellenabbau zu gestalten.“ Laut Gottschild beschäftigt sein Unternehmen jedoch noch immer mehr als 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, nachdem rund 250 Stellen abgebaut wurden.

„Auch wenn wir die Investitionen in TLVS zurückgefahren haben, sind wir als Unternehmen nach wie vor auf unseren beiden Standbeinen unterwegs: als Systemhaus für Luftverteidigungssysteme und als Systemhaus für Lenkflugkörper. Und diese beiden Säulen tragen uns auch in Zukunft“, blickt der Manager nach vorn. MBDA verfüge über ein starkes Basisgeschäft um seine Tochterunternehmen herum. Etwa die TDW auf der Seite der Wirkmittel und die Bayern-Chemie auf der Seite der Antriebe. Letzteres Unternehmen produziert den Ramjet-Antrieb für den Meteor-Flugkörper, der weltweit als technologisch einzigartig gilt.

In Partnerschaft mit Diehl erfolgt die Produktion des Marine-Flugkörpers RAM. „Wenn wir uns die Bedrohungslage anschauen, ist dieser Flugkörper nach wie vor relevant und damit auch für unser künftiges Geschäft von Bedeutung.“ Trotz des Engagements bei TLVS habe man die Partnerschaft mit Raytheon beim Luftverteidigungssystem Patriot aufrechterhalten, die man auch fortsetzen wolle. Neben dem Bestandsgeschäft fokussiert sich MBDA Deutschland auch auf Zukunftstechnologien. Gottschild zählt dazu exemplarisch das Engagement im Bereich Laser und die Beteiligung am Future Combat Air System (FCAS).

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Nach Vorstellungen von MBDA soll die Heeresbewaffnung durch eine Joint Strike Missile erweitert werden

„Das wird dann auch die Basis sein für zukünftiges Geschäft, sodass wir uns insgesamt gut aufgestellt sehen. Wir weisen für 2022 ein Ziel auf, das oberhalb der Durchschnittsumsatzlinie der Jahre 2015 bis 2019 liegt. Perspektivisch werden wir uns in Richtung 400 Millionen Euro plus entwickeln.“ Kommen die neuen Projekte wie erwartet, sei sogar ein Wachstum darüber hinaus möglich.

Beim größten europäischen Rüstungsprojekt der kommenden Jahre hat sich MBDA bereits gut positioniert. „Bei FCAS sind wir Hauptpartner von Airbus für den Remote Carrier unter dem nationalen Dach, und Airbus vertritt den Remote Carrier dann im Gesamtprogramm“, so Gottschild. Darüber hinaus sei MBDA auch auf der Systemebene aktiv. „Hier können wir auf den Fähigkeiten und Erfahrungen aufbauen, die wir auf der Lenkflugkörperseite mit dem Marschflugkörper Taurus mit seiner GPS-unabhängigen Navigation gemacht haben.

Davon können Teile eins zu eins für den Remote Carrier eingesetzt werden.“ Darüber hinaus habe man beim TLVS-Vorhaben Erfahrungen im System-Design und Model-based Engineering gewonnen. „Von daher sind wir ideal aufgestellt für das Thema FCAS.“ Gottschild geht davon aus, dass der Industrievertrag, der bei Redaktionsschluss noch ausstand, in Kürze geschlossen wird.

MBDA Deutschland hat sich im Rahmen von TLVS auch mit der neuen Kategorie der Hyperschallwaffen befasst, die mehr als die fünffache Schallgeschwindigkeit erreichen. Der MBDA-Geschäftsführer verweist hier auf die beiden Hyperschall-Waffenkategorien. So gebe es zum einen die Hyperschall-Glider, die nach der Wiedereintrittsphase aus dem exoatmosphärischen Bereich in der Atmosphäre „surfen“ und manövrierbar sind. „Dadurch ist es kaum vorherzusagen, welche Ziele sie angreifen. Eine klassische ballistische Kurve lässt sich hier nicht rechnen“, erläutert der MBDA-Geschäftsführer. Dann gebe es die klassisch angetriebenen Lenkflugkörper oder Cruise-Missiles, die durch neue Antriebstechnologien in den Hyperschallbereich vordringen. „Hier gibt es russische Beispiele für steuerbare Flugkörper im Hyperschallbereich. Auch hier ist es sehr schwer zu sagen, wo am Ende der Impact-Point liegt“, so Gottschild.

Diese Nichtvorhersagbarkeit habe natürlich Konsequenzen für Luftverteidigungssysteme. „Das erfordert eine gute Sensorabdeckung und ein Command- und Control-System, das in der Lage ist, sehr schnell auf die veränderte Lage zu reagieren und den Operator mit einer hohen Automatisierung auch in der Lösungsfindung zu unterstützen. Schließlich brauchen wir dann einen Lenkflugkörper, der Hyperschallwaffen auch tatsächlich bekämpfen kann.“

Europa will neuen Abfangflugkörper entwickeln

„Aber um uns und unsere Streitkräfte schützen zu können, brauchen wir eine andere Leistungsklasse. Und dieser Flugkörper muss entwickelt werden. Wenn es Europa ernst meint mit der strategischen Autonomie und Deutschland mit seiner Führungsrolle bei der bodengebundenen Luftverteidigung, dann wäre es gut, diesen Flugkörper auch in Europa zu entwickeln. Dazu gibt es auch erste Initiativen“, sagt er mit Blick auf ein aktuelles Projekt des European Defence Fund (EDF). MBDA Deutschland sei Bestandteil eines Konsortiums mit weiteren Partnern und unter Führung des europäischen MBDA-Konzerns, das einen solchen Abfangflugkörper entwickeln wolle. Der MBDA-Geschäftsführer ist zuversichtlich, dass es zu einem Vertragsschluss mit diesem Konsortium kommen wird.

Nach seiner Aussage sind Kooperationen in der DNA seines Unternehmens festgeschrieben.

Neben den bereits genannten Partnern habe man mit Lockheed Martin bei TLVS zusammengearbeitet und den Lenkflugkörper Taurus zusammen mit Saab aus Schweden entwickelt. Vor wenigen Wochen ist MBDA nun eine Partnerschaft mit dem israelischen Konzern IAI exklusiv für den deutschen Markt eingegangen. „Bei IAI sehen wir gute Möglichkeiten, im Bereich der bodengebundenen Luftverteidigung zu weiteren ergänzenden Kooperationen zu kommen. Wir schauen uns unterschiedliche Bereiche von der Technologieebene bis hin zu gemeinsamen Gesamtsystemlösungen in verschiedenen Leistungsklassen an. Auch in Abstimmung mit unserem Kunden. Ich sehe großes Potenzial in der Zusammenarbeit mit IAI“, so Gottschild.

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MBDA will seine Erfahrungen aus dem Lenkflugkörperprogramm Taurus für die Remote Carrier des FCAS-Projektes nutzen

Während der Schwerpunkt des Produktportfolios von MBDA Deutschland in Lösungen für die Luftwaffe liegen dürfte, hat das Unternehmen mit dem schulterverschießbaren Lenkflugkörper Enforcer auch eine Waffe für Heereskräfte entwickelt. Nach Angaben des Managers befindet sich der Enforcer gerade in der „Industrialisierungsphase“. Der Vertrag mit dem deutschen Kunden, der die Waffe als Wirkmittel 1800+ für die Spezialkräfte beschafft, werde gerade abgearbeitet. „Wir sehen auch ein hohes Interesse bei ausländischen Kunden.“ Gottschild will in Zukunft aus dem Flugkörper eine Familie entwickeln, auch mit Blick auf den Exportmarkt.

Darüber hinaus arbeitet MBDA im Verbund mit der ESG und KMW an einer Joint Fire Support Missile. „Es geht darum, die Heeresbewaffnung mit unserem Flugkörper hoher Präzision und hoher Reichweite zu ergänzen. Wir sehen, dass in Zukunft höhere Aufklärungsleistungen und das Wirken in der Tiefe notwendig sein werden“, sagt Gottschild.

Dafür sei der Joint-Fire-Support-Flugkörper vorgesehen. „Wir sind in der konkreten Konzeptionsphase und bereiten die nächsten Schritte vor. Grundlage dafür ist, wie sich die Anforderungen des Kunden gestalten.“

Lars Hoffmann