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Das US-Außenministerium hat den Verkauf von 91 modernisierten AGM-88E Lenkflugkörper zur Bekämpfung von feindlichen Radaranlagen (Advanced Anti-Radiation Guided Missile, AARGM) genehmigt. Für insgesamt 108 Millionen Euro erhält die Luftwaffe neben den 81 Raketen mit Gefechtsköpfen acht Üblenkflugkörper (Captive Air Training Missiles, CATM). Hinzu kommen sechs Telemetriesysteme, Flugdatenschreiber sowie technische und logistische Unterstützung einschließlich zugehöriger Geräte.

Die Bundesregierung hat die NATO Support and Procurement Agency (NSPA) mit der Durchführung der Beschaffung unter den Regeln der Foreign Military Sales (FMS) beauftragt.

Das AGM-88E AARGM ist eine Weiterentwicklung des seit 1988 in die Bundeswehr eingeführte AGM 88B HARM (High-Speed Anti-Radiation Missile). Der Flugkörper erhält eine neue Lenkeinheit inklusive GPS sowie verbesserter Zielsuchantenne und digitalem Signalprozessor. Der Endanflug wird mit einem Millimeter-Sucher effizienter. Die Bundeswehr liefert eine ausreichende Anzahl wiederverwendbarer Komponenten an den Hersteller, die in die neuen Flugkörper integriert werden.

Diehl Defence hat mit dem US-Unternehmen Orbital ATK (heute eine Geschäftseinheit von Northrop Grumman) eine exklusive Kooperationsvereinbarung über die Vermarktung und Produktion des modernen Antiradar-Lenkflugkörpers AARGM (Advanced Anti-Radar Guided Missile) in Deutschland geschlossen. Danach wird Diehl wesentliche Arbeitsanteile in Deutschland hinsichtlich Fertigung und Serviceleistungen im Einsatz übernehmen.

Die Umrüstung wird mindestens fünf Jahre dauern. Vertreter der US-Regierung und der US-Hersteller werden in diesem Zeitraum jährlich zwei Program Management Reviews durchführen.

Hintergrund zur AARGM (AGM-88E)

Die AARGM (Advanced Anti-Radiation Guided Missile) ist ein auf der Basis der AGM-88 von Northrop Grumman Innovation Systems  (ehemals Orbital ATK) und MBDA Italien weiterentwickelter Luft/Boden-Lenkflugkörper, der für die Bekämpfung aller Komponenten einer Flugabwehrraketenstellung, neben Radargeräten also auch Abschussgestelle und Gefechtsstandsfahrzeuge, optimiert wurde.

HARM wird zu AARGM - Upgrade für Anti-Radar-Raketen der Luftwaffe
Im Mittelpunkt des Kampfes gegen feindliche Luftabwehrkräfte steht nicht mehr deren Unterdrückung, sondern deren Zerstörung. (Graphik: Orbital ATK/Northrop Grumman Innovation Systems)

Der aus vier Modulen bestehende Lenkflugkörper, bietet die Möglichkeit auch ältere Bestände an z.B. AGM-88B einer Modifizierung zu unterziehen, so dass zur Verbesserung der SEAD-Fähigkeit (Suppression of Enemy Air Defences – deutsch Unterdrückung feindlicher Luftabwehr) nicht der komplette Flugkörper neu beschafft werden muss.

Gefechtskopf (Warhead)

Der Gefechtskopf ist unverändert der WAU-7/B. Seine Merkmale sind:

  • Hersteller Northrop Grumman Innovation Systems (ehemals ATK),
  • Gewicht ca. 68 kg,
  • Annäherungs- und Aufschlagzünder,
  • 25.000 Stahlsplitter.

Die Lebensdauer des Gefechtskopfes wird bis 2025 und darüber hinaus vorhergesagt.

HARM wird zu AARGM - Upgrade für Anti-Radar-Raketen der Luftwaffe

Antriebseinheit (Rocket Motor and Fins)

Der Antriebsteil mit seinen Lenkfinnen ist neben dem Gefechtskopf das zweite Modul, das aus älteren HARM-Versionen Verwendung findet. Seine Merkmale sind:

  • Hersteller Northrop Grumman Innovation Systems (ehemals ATK),
  • Feststoffantrieb mit geringer Rauchentwicklung,
  • Anfangsgewicht ca. 181 kg,

Die Lebensdauer des Raketenantriebs wird bis 2025 und darüber hinaus vorhergesagt.

Steuerungseinheit

Die Steuerungseinheit (Common Control Section, CCS) ist neu entwickelt und bildet mit der Lenkeinheit einen Sensorenverbund. GPS und INS werden durch eine Geländehöhendatei (Digital Terrain Elevation Database, DTED) unterstützt und verfügen über SAASM (Selective Availability Anti-Spoofing Module) zur Entschlüsselung präziserer Koordinaten. Damit werden folgende Fähigkeiten erreicht:

  • hohe Treffgenauigkeit zur Vermeidung von Kollateralschäden oder Gefährdung eigener Truppen,
  • Sicherstellung der Einhaltung von Restriktionen aus den ROEs durch Einplanung und Festlegung von Area of Regard (AOR) mit Impact Avoidance Zone (IAZ) oder Missile Impact Zone (MIZ),
  • Angriffe aus größerer Entfernung mit hoher Geschwindigkeit auch auf Objekte einer Luftverteidigungsstellung, die nicht abstrahlen oder auf Hochwertzielen, deren Koordinaten aufgeklärt wurden.

Lenkeinheit
Die Lenkeinheit (Guidance Section) setzt sich zusammen aus dem weiterentwickelten digitalen Zielsuchkopf mit Frequenzaufschaltung (Anti-Radiation Homing, ARH) und dem aktiven MMW-Endphasenlenkungsradar. Mit dem digitalen Zielsuchkopf ist der LFK in der Lage,

  • durch digitale Signalverarbeitung bei der Zielsuche und -verfolgung bis zur Endphase maximale Flexibilität und Wirkung im Ziel zu erreichen,
  • mit einem breiteren Frequenzband die meisten heutigen Bedrohungen zu entdecken und zu identifizieren,
  • durch einen sensibleren Suchkopf eine höhere Reichweite und damit frühere Bekämpfungsmöglichkeit zu erlangen,
  • durch einen erweiterten Blickwinkel ein größeres Suchgebiet abzudecken.

Völlig neue Fähigkeiten werden durch das aktive MMW-Radar aufgebaut. Dazu gehören:

  • Fähigkeit zur Identifizierung und Trennung zwischen Komponenten von IADS oder anderen Einrichtungen,
  • hohe Präzision und große Wirkung im Ziel durch aktive Endphasenlenkung,

hohe Durchsetzungsfähigkeit und Standfestigkeit gegenüber Abwehrmaßnahmen wie Radarabschaltung, GPS-Störung oder Stellungswechsel innerhalb des Erfassungsbereichs.

Gerhard Heiming und Ulrich Rapreger