In mehreren europäischen Streitkräften ist die sichtbare Anerkennung von Verwundung längst Teil des militärischen Auszeichnungssystems. Frankreich, Norwegen, Dänemark, die Niederlande, Polen und die Ukraine nutzen eigene Orden oder Ehrenzeichen für Soldatinnen und Soldaten, die im Dienst verwundet wurden. Andere europäische Staaten wiederum verzichten bewusst auf Verwundetenabzeichen und regeln die Anerkennung über andere Formen der militärischen Würdigung.

Spätestens die Einsätze auf dem Balkan, in Afghanistan und in Mali haben deutlich gemacht, dass Verwundung – physisch wie psychisch – auch in deutschen Streitkräften zur Realität des Dienstes gehört. Einsatzmedaillen, Gefechtsmedaille, Ehrenkreuz für Tapferkeit und Veteranenabzeichen bilden inzwischen auch im Auszeichnungssystem der Bundeswehr unterschiedliche Aspekte des Dienens ab. Die Verwundung als solche bleibt jedoch bisher ohne eigenes Zeichen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Debatte um ein Verwundetenabzeichen seit einiger Zeit erkennbar an Dynamik. Veteranenverbände, Verwundete, aktive Soldatinnen und Soldaten sowie Teile der sicherheitspolitischen Community diskutieren zunehmend darüber, ob und wie Verwundung künftig stärker institutionell gewürdigt werden sollte.
Studie zeigt deutliche Zustimmung
Um diese Fragen systematischer zu beleuchten, wurde zwischen Dezember 2025 und April 2026 eine Untersuchung zur möglichen Ausgestaltung eines Verwundetenabzeichens durchgeführt. Daran beteiligten sich 1.715 Menschen innerhalb und außerhalb der Bundeswehr.
Erste Ergebnisse einer Pilotstichprobe mit 98 Fragebögen erlauben bereits einen ersten Einblick in das Meinungsbild: Mehr als zwei Drittel der Befragten sprachen sich grundsätzlich für die Einführung eines Verwundetenabzeichens aus. Etwa ein Fünftel lehnte dies ab, rund jeder zehnte Befragte zeigte sich unentschlossen.
Viele Befürworter knüpfen ihre Zustimmung an klare Bedingungen wie nachvollziehbare Kriterien, faire Verfahren und eine nicht inflationäre Vergabepraxis.
Psychische Verwundungen bleiben Streitpunkt
Intensiv diskutiert wird zudem die Frage, ob und wie psychische Verwundungen berücksichtigt werden sollten. Zwar sprechen sich 89 Prozent derjenigen, die ein Verwundetenabzeichen grundsätzlich befürworten, ausdrücklich auch für die Einbeziehung psychischer Verwundungen aus. Zugleich wird im offenen Antwortteil auf Schwierigkeiten bei der Abgrenzung zu Erkrankungen, Unfällen und Verletzungen hingewiesen.
Gerade dieser Aspekt verdeutlicht, wie emotional und sensibel die damit verbundenen Entscheidungen sind.
Vor dem Hintergrund dieser und anderer zentraler Fragen wäre ein politischer Schnellschuss wenig sinnvoll. Die Diskussion verlangt stattdessen einen sorgfältiges, inklusives und fundiertes Verfahren. Verwundete, Einsatzveteranen, aktive Soldatinnen und Soldaten, Ordenskundler, Angehörige des Sanitätsdienstes und soldatische Interessenvertretungen sollten dabei gleichermaßen gehört werden.

Neue Befragung zum Auszeichnungssystem gestartet
Um den Prozess auf eine breitere Grundlage zu stellen, ist inzwischen eine Folgebefragung zum Auszeichnungssystem angelaufen. Sie richtet sich an aktive und ehemalige Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. Gefragt sind Erfahrungen, Einschätzungen und Wahrnehmungen zu Orden, Ehrenzeichen, Einsatzmedaillen und Anerkennungskultur.
Um ein realistisches Lagebild zu erhalten, kommt es auf möglichst viele Stimmen aus aktiver Truppe und Veteranenschaft an. Die Teilnahme dauert nur wenige Minuten und erfolgt anonym: https://shorturl.at/bF21A.
Anerkennung als Teil militärischer Kultur
Gerade für eine einsatzerfahrene Bundeswehr inmitten der Refokussierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung ist die Debatte um Auszeichnungen von Bedeutung. Für viele Soldatinnen und Soldaten sind Orden und Ehrenzeichen oft mehr als Metall, Band und Urkunde. Sie können Erinnerung, Anerkennung, Status, Zugehörigkeit und institutionelle Wertschätzung ausdrücken.
Ebenso können sie jedoch als ungerecht, beliebig oder bedeutungslos wahrgenommen werden, wenn Kriterien und Verfahren nicht überzeugen. Genau deshalb ist es notwendig, die Debatte auf eine möglichst breite Datengrundlage zu stellen.
Der „Runde Tisch der Veteranen“, an dem regelmäßig die wichtigsten Akteure der nationalen Veteranenbewegung zusammenkommen, hat auf seiner Sitzung am 9. Mai 2026 beschlossen, den Prozess zur Entwicklung einer gemeinsamen Position zum Thema einzuleiten. Als mögliches Ziel gilt derzeit eine Erstverleihung zum Veteranentag 2028.
Ob die Bundeswehr am Ende ein Verwundetenabzeichen einführt, bleibt offen. Die Diskussion sollte aber breit geführt und die Argumente sorgfältig gegeneinander abgewogen werden. Allein ein solcher Prozess würde bereits zeigen, dass sich der Umgang mit Verwundung, Einsatzfolgen und militärischer Anerkennung in Deutschland spürbar verändert.
Gastautor Marcel Bohnert ist Oberstleutnant im Generalstabsdienst der Bundeswehr.


















