Eine beispiellose, landesweite Offensive der Tuareg-Allianz FLA und der islamistischen JNIM erschüttert Mali. Der Fall der strategisch wichtigen Stadt Kidal, der Rückzug des russischen Afrikakorps und der Tod von Verteidigungsminister Sadio Camara beweisen die Schlagkraft der ideologisch ungleichen Rebellenallianz. Gleichzeitig offenbaren die Angriffe Schwächen in der Sicherheitsarchitektur des Landes, die durch Russland gestärkt werden sollte.
Der westafrikanische Staat Mali erlebt derzeit die schwersten militärischen Auseinandersetzungen seit Jahren. In einer hochgradig koordinierten Offensive haben Kämpfer der separatistischen Tuareg-Allianz FLA (Front zur Befreiung von Awazad) und der dschihadistischen Gruppe JNIM (Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin) Ende April zentrale militärische und politische Knotenpunkte des Landes angegriffen. Die Angriffe erstreckten sich über ein weites geografisches Gebiet von der nördlichen Wüstenstadt Kidal über Gao und Sévaré bis hin zur Hauptstadt Bamako und der angrenzenden Garnisonsstadt Kati.
Taktisch initiierte die Angreiferallianz den Vorstoß vereinzelt mit fahrzeuggestützten Sprengsätzen um gehärtete Ziele wie das Hauptquartier der Junta und die Residenz des Verteidigungsministers in Kati zu durchbrechen, gefolgt von massierten infanteristischen Sturmangriffen. Während die Regierungsgarnisonen im Süden (Bamako/Kati) die Vorstöße nach heftigen Feuergefechten weitgehend eindämmen konnten, verzeichneten die alliierten Kräfte von FLA und JNIM im Norden erhebliche Geländegewinne.
Das prominenteste Opfer dieser massiven Angriffswelle ist der malische Verteidigungsminister General Sadio Camara. Bei einem gezielten Anschlag auf seine schwer bewachte Residenz im Militärstützpunkt Kati detonierte ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug vor seinem Haus. Camara überlebte den ersten Angriff zunächst und wehrte sich laut einer Regierungserklärung gegen die Angreifer, erlag jedoch später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Camara galt als eine der absoluten Schlüsselfiguren der Militärjunta und war maßgeblich an den Putschen der Jahre 2020 und 2021 beteiligt. Er war zudem einer der einflussreichsten Akteure hinter dem Abzug der französischen Truppen sowie der Ankunft der russischen Streitkräfte – wenngleich die Gesamtverantwortung für diese strategischen Weichenstellungen bei Juntachef Assimi Goïta lag.
Eine strategische Zweckallianz: JNIM und FLA
Die aktuelle Offensive offenbart die operative Durchschlagskraft einer erneuerten, wenn auch hochgradig pragmatischen Allianz zwischen radikalen Islamisten und Tuareg-Separatisten. Beide Gruppierungen verfolgen grundverschiedene ideologische Ziele, bündeln jedoch derzeit ihre militärischen Ressourcen gegen den gemeinsamen Feind in Bamako.
Die JNIM, die 2017 als Koalition verschiedener dschihadistischer Gruppen – darunter der Sahara-Ableger von Al-Qaida im Islamischen Maghreb – gegründet wurde, verfügt nach Schätzungen über rund 10.000 Kämpfer. Unter der Führung von Iyad Ag Ghali strebt die Gruppe die Durchsetzung einer strengen Auslegung des islamischen Rechts an, bekämpft westliche Einflüsse und hat in der Vergangenheit gezielt die malische Wirtschaft attackiert, etwa durch die ab September 2025 verhängten und monatelang aufrechterhalten Blockaden wichtiger Treibstoffrouten, die die Hauptstadt Bamako zeitweise lahmlegten, oder den verheerenden Angriff auf den Flughafen von Bamako im September 2024, bei dem mehr als 77 Menschen ums Leben kamen.
Die FLA hingegen entstand Ende 2024, als sich die CSP-Mitglieder (Rahmenabkommen für den Frieden in Mali) in Tinzawatène offiziell auflösten und unter der Führung von Alghabass Ag Intalla zur Azawad Liberation Front als Koalition der von Tuareg dominierten Separatisten im Norden fusionierten. Ihr Ziel ist kein religiöser Staat, sondern eine unabhängige, autonome Region Azawad.
Trotz dieser Diskrepanzen und gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern in den Jahren 2019 und 2020, kooperieren die Gruppen derzeit effektiv. Bereits im Jahr 2024 hatten sie gemeinsam einen verheerenden Hinterhalt auf einen Konvoi aus malischen und russischen Truppen in Tinzaouaten verübt, der als Battle of Tinzaouaten in die jüngere Konfliktgeschichte des Sahels eingegangen ist.
Der Fall von Kidal und das Dilemma des russischen Afrikakorps
Besondere strategische und symbolische Bedeutung in der jüngsten Offensive hat der Kontrollverlust der Zentralregierung über die nordmalische Provinzhauptstadt Kidal. Die Stadt gilt als historische Hochburg der Tuareg und war erst 2023 im Zuge der sogenannten Kidal-Offensive durch malische und russische Wagner-Kräfte zurückerobert worden. Dieser Erfolg hatte damals als zentrales Argument für die Zusammenarbeit mit russischen Söldnerstrukturen gegolten. Umso schwerer wiegt sein Verlust nun: Die verbliebenen Regierungssoldaten und Angehörigen des russischen „Afrikakorps“ sahen sich nach Gefechten gezwungen, in Verhandlungen mit den Rebellen zu treten, um einen geordneten Abzug aus der Stadt zu erwirken. Verifiziertes Videomaterial zeigt den Afrikakorps-Konvoi beim Verlassen des ehemaligen MINUSMA-Lagers unter FLA-Begleitung in Richtung Gao. Anschließend hissten FLA-Kämpfer ihre Flagge auf dem zentralen Platz der Stadt. Auch in weiteren Städten kam es zu ähnlichen Abzügen.
Das russische Afrikakorps ist kein zufälliger Akteur in Mali, die Präsenz das Ergebnis einer grundlegenden Neuausrichtung der malischen Sicherheitspolitik, die westliche Akteure systematisch verdrängt hat. Den Anfang machte Ende 2021 die Ankunft der Wagner-Söldner auf Einladung der Junta, die damit unmittelbar den Abzug der französischen Anti-Terror-Mission Barkhane provozierte. Aufgrund der Behinderungen durch die malische Militärjunta und des Einsatzes russischer Söldner zogen Frankreich und weitere Staaten 2022 ihre Truppen ab. Auch die Bundeswehr, die seit 2013 im Rahmen der UN-Friedensmission MINUSMA und der EU-Ausbildungsmission EUTM Mali präsent war, geriet zunehmend unter Druck. Die Junta erließ immer mehr Beschränkungen für Flüge und Patrouillen, ganze Regionen im Norden wurden für MINUSMA gesperrt. Am 26. Mai 2023 beschloss der Deutsche Bundestag, die Beteiligung der Bundeswehr an MINUSMA zu beenden; die letzten deutschen Soldaten verließen das Land im Dezember 2023. Damit endete nach zehn Jahren das deutsche Engagement in Mali und hinterließ ein Vakuum, das Russland längst zu füllen begonnen hatte.
Die Militärkooperation mit Russland hat die Sicherheitslage dabei eher weiter verschlechtert: Die dokumentierte Brutalität der Söldner hat den Dschihadisten Zulauf gebracht, ohne dass die malische Armee nennenswerte Gebietsgewinne verzeichnen konnte. Nach der Wagner-Meuterei im Sommer 2023 wurden die Söldnerstrukturen in Mali in das „Afrikakorps“ überführt, das nun direkt dem russischen Verteidigungsministerium untersteht und in Mali rund 1.000 Paramilitärs umfasst. Da es sich nun um eine offizielle militärische Operation des Kremls handelt, sind die russischen Kommandeure bestrebt, medienwirksame militärische Niederlagen strikt zu vermeiden. Bemerkenswert ist zudem, dass die JNIM in ihrer Kommunikation nach den Angriffen russische Kräfte explizit adressierte: Moskau soll von der Unterstützung der Junta abgebracht werden, indem ihm ein „Ausweg“ angeboten wird.
Regionale Isolation und die Notwendigkeit zivilen Rückhalts
Die massive Eskalation trifft die Militärregierung in einer Phase regionaler sicherheitspolitischer Isolation. Mali hatte sich gemeinsam mit Niger und Burkina Faso aus der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS zurückgezogen und die Allianz der Sahelstaaten (AES) gegründet. Alle Mitgliedsstaaten der AES kämpfen im eigenen Land massiv gegen extremistische Gruppen und verfügen schlichtweg nicht über die Kapazitäten, um Truppen zur Stabilisierung Malis abzustellen. Der Sprecher der FLA, Mohamed Elmaouloud Ramadane, forderte die Behörden von Burkina Faso und Niger zudem bereits öffentlich auf, sich aus den Ereignissen in Mali herauszuhalten. Auch ausländische Mächte dürften angesichts der jüngsten Entwicklungen davor zurückschrecken, sich in den hochgradig volatilen Konflikt hineinziehen zu lassen.
Für Juntachef Assimi Goïta geht es in den kommenden Wochen um das politische Überleben. Unterdessen verhängte die Regierung landesweite Ausgangssperren und ließ die bewaffneten Kontrollpunkte an Ein- und Ausfahrten der Städte verstärken – Maßnahmen, die eher den Charakter einer Notfallreaktion tragen als eines überzeugenden Sicherheitskonzepts. Gelingt keine glaubwürdige Antwort, droht Mali eine weitere, tiefe Fragmentierung der staatlichen Ordnung, die die ohnehin prekäre humanitäre und Sicherheitslage des Landes weiter verschlimmern würde.
Denn seit 2012 haben die Kampfhandlungen Tausende von Menschenleben gefordert und laut Human Rights Watch über 375.000 Menschen zur Flucht gezwungen. Allein in der ersten Jahreshälfte 2023 wurden in Westafrika über 1.800 Angriffe mit knapp 4.600 Toten registriert und Mali macht dabei einen erheblichen Teil aus. Einzelne Massaker waren besonders verheerend: Allein in der zentralmalischen Stadt Moura wurden im März 2022 laut UN-Ermittlern und Human Rights Watch mindestens 500 Menschen getötet, mutmaßlich durch malische Truppen und Wagner-Söldner.
Insgesamt gehen Konfliktforscher davon aus, dass der Konflikt seit 2012 weit mehr als 10.000 Todesopfer gefordert hat, viele Schätzungen liegen deutlich höher, wenn man zivile Opfer durch Massaker, Hungersnöte als Kriegsfolge und Vertreibungssterblichkeit einrechnet. Eine gesicherte Gesamtzahl existiert nicht, da systematische Erfassung in weiten Teilen des Landes schlicht nicht möglich ist.
Jannis Düngemann
















