
Deutschland auf dem Weg zur stärksten konventionellen Armee Europas
Gerhard Heiming
Im Rahmen einer Pressekonferenz hat Bundesminister Boris Pistorius am 22. April neue strategische Leitlinien für die Bundeswehr vorgestellt. Ziel ist eine deutliche Steigerung der Einsatzbereitschaft angesichts der verschärften sicherheitspolitischen Lage, insbesondere seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die vorgestellten Strategien sollen mehr Klarheit schaffen und werden bewusst als „lebende Dokumente“ verstanden, die regelmäßig angepasst werden.
Militärstrategie „Verantwortung für Europa“
Erstmals erhält die Bundeswehr eine eigene Militärstrategie mit dem Titel „Verantwortung für Europa“. Sie analysiert zukünftige Bedrohungen, mögliche Konfliktszenarien und leitet daraus Anforderungen für die Verteidigung des NATO-Gebiets ab. Dabei spielen Erfahrungen aus aktuellen Konflikten – insbesondere aus der Ukraine – eine wichtige Rolle, etwa bei Ausbildung, Datenanalyse und Gefechtsführung.
„Es versteht sich von selbst, dass wir diese Szenarien nicht öffentlich machen können. Sonst könnten wir Wladimir Putin auch in unseren E-Mail-Verteiler aufnehmen“, sagte Pistorius.

Fähigkeitsprofil
Zentrales Element ist das neue Fähigkeitsprofil, das nicht auf Stückzahlen von Großgerät abzielt, sondern auf die Entwicklung konkreter militärischer Fähigkeiten. Im Fokus stehen unter anderem Luftverteidigung, weitreichende Waffensysteme sowie spezialisierte Fähigkeiten wie Minenräumung. Entscheidend ist die Rolle Deutschlands innerhalb der NATO und die Fähigkeit, verschiedene Systeme vernetzt einzusetzen.
„Es geht um Fähigkeiten von übermorgen, die wir derzeit, wenn überhaupt, nur ganz grob erahnen können“, so Pistorius.
Aufwuchsplan der Bundeswehr
Ein weiterer Schwerpunkt ist der personelle Aufwuchs. „Für die genannten Fähigkeiten brauchen wir aber mehr als nur Material. Wir brauchen auch das richtige Personal.“ Ziel sind mindestens 460.000 einsatzbereite Kräfte aus aktiver Truppe und Reserve. Der Aufbau erfolgt in drei Phasen: bis 2029 ein schneller Aufwuchs, bis 2035 ein strukturierter Ausbau entlang neuer Fähigkeiten und ab 2039 die Anpassung an zukünftige Technologien wie Künstliche Intelligenz und Automatisierung. Dabei sollen auch neue Wege beschritten werden, etwa flexible Personalplanung und gezielte Überbuchungen.
Strategie der Reserve
Die Reserve wird deutlich aufgewertet und künftig als gleichwertiger Bestandteil der Verteidigung „ausdrücklich auf Augenhöhe mit der aktiven Truppe“ betrachtet. Sie spielt eine zentrale Rolle beim Heimatschutz und bei der Sicherstellung Deutschlands als logistische Drehscheibe innerhalb Europas. Verbesserte Ausbildung und engere Zusammenarbeit mit Arbeitgebern sollen ihre Einsatzbereitschaft erhöhen.
Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda
Ergänzend wurde die Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda (EMA) vorgestellt. Sie umfasst über 150 Maßnahmen zur Beschleunigung von Prozessen, stärkeren Nutzung digitaler Lösungen und Reduzierung von Bürokratie. Dazu gehören der Einsatz von KI, digitale Workflows sowie neue Tools wie eine „Bundeswehr-Wallet“ und eine optimierte Reserve-App.
Ziel: Deutschland mit der stärksten konventionellen Armee Europas
Insgesamt markiert die Strategie einen grundlegenden Wandel: weg von starren Strukturen hin zu einem flexiblen, fähigkeitsorientierten Ansatz. Ziel ist es, Deutschland zur stärksten konventionellen Armee Europas zu entwickeln und gleichzeitig die Verteidigungsfähigkeit von NATO und Europa nachhaltig zu stärken.
„Wir haben vieles erreicht, aber klar ist auch, es gibt noch viel zu tun. Wir alle müssen uns darauf einstellen, dass Frieden und Freiheit, Wohlstand und Toleranz eben nicht mehr selbstverständlich sind, sondern dass sie verteidigt werden müssen und das heißt, wir müssen sie verteidigen können“, schloss Pistorius die Vorstellung der fünf Strategien für die Zukunft der Bundeswehr.
Gerhard Heiming



















