In der Nacht von Freitag auf Samstag starteten die russischen Luftstreitkräfte eine umfassende Operation, die Beobachter aufgrund des Flugprofils und der Masse der eingesetzten Wirkmittel als den potenziell größten Raketenangriff des laufenden Jahres werten. Flugdaten, ausgewertet von Militärbloggern, bestätigten die Beteiligung von insgesamt neun strategischen Bombern des Typs Tu-95MS „Bear“ sowie drei überschallfähigen Tu-160 „Blackjack“. Die Maschinen operierten von den weit entfernten Stützpunkten Belaya, Engels-2 und Ukrainka aus und steuerten ihre Abwurfzonen an, um die Sättigung der ukrainischen Luftverteidigung zu erreichen.

Strategische Bomberflotte mit hoher Schlagkraft

Die Schlagkraft dieser Bomberflotte ist beträchtlich, da ein Tu-95MS-Bomber bis zu acht und eine Tu-160 bis zu zwölf Marschflugkörper des Typs Kh-101 (NATO-Bezeichnung: AS-23 Kodiak) tragen kann. Dies entspricht einem maximalen Volumen von über einhundert Marschflugkörpern in einer Angriffswelle, wenngleich die operative Beladung im Angriff von Freitag wahrscheinlich deutlich darunter lag.

2005 wurde ein Modernisierungsprogramm initiiert, das die Bezeichnung Tu-95MSM trägt. Diese Version kann acht Marschflugkörper Kh-101 extern, unter den Tragflächen transportieren. Zur Selbstverteidigung sind in der Heckkanzel zwei radargesteuerte 23-mm-Zwillingskanonen GSch-23 verbaut. (Bild: CC3.0, Sergey Kustov)

Ergänzend zu den luftgestützten Marschflugkörpern setzte das russische Militär auf einen Mix aus ballistischen und aeroballistischen Systemen. Russische Quellen zählen Starts von vier Hyperschallraketen des Typs „Kinzhal“ (Ch-47M2), die unter anderem von MiG-31-Abfangjägern gestartet werden und Ziele in den Regionen Chmelnyzkyj und Kiew angriffen. Parallel dazu wurden ballistische Iskander-M-Raketen gegen Ziele in Dnepropetrovsk, Wischhorod in der Region Kiew sowie Piwdenne in der Region Odessa eingesetzt.

Brände in Kiew in der Nacht des Luftangriffes. Die Hauptstadt lag im Fokus der Drohnen. (Bild: Staatlicher Notdienst der Ukraine in der Region Kiew)

Kritische Infrastruktur im Fokus

Begleitet wurde der Raketenbeschuss von mehreren Wellen sogenannter „Geran“-Einwegdrohnen, die zu Hunderten in den ukrainischen Luftraum eindrangen. Das Zielprofil der Angriffe deutet auf eine konzentrierte Kampagne gegen die kritische Infrastruktur hin, mit Schwerpunkt auf Energieversorgung und Logistik. Erste Schadensberichte bestätigen die landesweiten Auswirkungen.

In der Region Kiew wurden laut dem ukrainischen Staatsmedium United24 Schäden an der Eisenbahninfrastruktur sowie an Energieanlagen gemeldet, außerdem wurde demnach auch ein Bahnhof getroffen. Auch die Westukraine blieb nicht verschont; so führten die Angriffe in Lviv zu Stromausfällen, während über Lutsk nach Drohneneinschlägen starke Rauchentwicklung beobachtet wurde, die den Himmel verdunkelte und ebenfalls die lokale Stromversorgung beeinträchtigte. In der Zentral- und Südukraine brachen in der Region Dnepropetrovsk infolge der Drohnenangriffe Brände aus, in Nikopol wurde durch den Beschuss ein elfjähriges Kind verletzt.

Übersicht der ukrainischen Luftwaffe über bekämpfte Ziele während des russischen Angriffs. (Bild: X/Ukrainian Air Force)

Der Tag 1381 des Konflikts markiert mit der gleichzeitigen Aktivität strategischer Bomber in dieser Größenordnung eine Intensität, die zuletzt Ende 2023 und Anfang 2024 beobachtet wurde. Laut ukrainischer Angaben wurden insgesamt 704 feindliche Lufteinheiten registriert, mit einem gefährlich hohen Raketenanteil. Die Sättigung des Luftraumes durch Drohnen-Schwärme, Marschflugkörper und ballistischen Raketen stellt die ukrainische Luftabwehr vor komplexe Herausforderungen bei der Priorisierung und Bekämpfung der anfliegenden Ziele.

Jannis Düngemann