Dänemark ist ein naheliegendes Ziel für hybride Angriffe aus Russland. Die Bevölkerung reagiert trotzdem gelassen auf potenzielle Bedrohungen, kommentiert unser Gastautor Walter Turnowsky. Womöglich liegt genau darin ein Grund für die gesellschaftliche Widerstandskraft.
Gleich eingangs, ein Geständnis: Ich habe nicht Konserven für drei Tage gebunkert. Meist haben wir im Küchenschrank Dosentomaten und Kokosmilch. Auch haben wir normalerweise Reis oder Nudeln. Und am Dachboden steht der Campingkocher, mit dem man daraus auch im Falle eines Stromausfalls etwas zaubern könnte, das durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Mahlzeit aufweist.

Foto: Karin Riggelsen
Allerdings war das bei uns schon immer so. Mit der offiziellen Empfehlung, die die zuständige Bereitschaftsbehörde im Sommer des vergangenen Jahres ausgegeben hat, hat das nichts zu tun. Mit Wohnsitz mitten in Kopenhagen verlasse ich mich außerdem darauf, dass ich irgendwo im Kiez am zweiten Tag eines Stromausfalls oder eines Cyberangriffs auf das Kreditkartensystem doch irgendetwas bekommen kann.
Eng könnte es beim Trinkwasser werden. Neun Liter pro Person für die drei Tage lautet die Empfehlung. Wir haben in unserem Zwei-Personen-Haushalt einen Liter Leitungswasser im Kühlschrank stehen. Ich bin nicht der Einzige in Dänemark, die oder der die offiziellen Empfehlungen nicht so ganz befolgt. Laut einer Umfrage vom April dieses Jahres sind es 62 Prozent der Bevölkerung.
Dänemark gehört zu den eifrigsten Unterstützern der Ukraine
Dabei hat die Bereitschaftsbehörde ausgesprochen pädagogisches Informationsmaterial herausgegeben. Und die zentralen Botschaften sind auch bei der Bevölkerung angekommen. 82 Prozent wissen laut einer Studie der Behörde, dass sie drei Tage ohne Strom- oder Wasserversorgung durchhalten können müssen.
Dieselbe Studie gibt gewissen Aufschluss darüber, weshalb Prepping nicht der große Hit geworden ist. Fast die Hälfte, 48 Prozent, gibt an, dass sie die Empfehlungen nicht befolgen, weil sie nicht daran glauben, dass in naher Zukunft eine Krise droht. 30 Prozent tun es nicht, weil sie niemanden kennen, der es tut.
Doch so richtig erklären diese Zahlen dann doch nicht diese Gelassenheit, manche würden sagen gefährliche Sorglosigkeit, der Bevölkerung. Es ist ja nicht so, dass uns nicht bewusst ist, dass Dänemark ein naheliegendes Ziel für hybride Angriffe aus Russland ist. Immerhin gehört Dänemark mit Premierministerin Mette Frederiksen an der Spitze zu den eifrigsten Unterstützern der Ukraine.
Das Vertrauen zum Staat ist in Dänemark ausgesprochen hoch
Eine mögliche Erklärung birgt ein Paradox in sich: Wir glauben daran, dass die staatliche Bereitschaft uns schon schützen wird – und wir deshalb die Empfehlung derselben Behörde nicht so genau befolgen brauchen. Das gegenseitige Vertrauen zwischen dem Staat und den Bürgerinnen und Bürgern ist nämlich in Dänemark und den übrigen skandinavischen Ländern ausgesprochen hoch. Die Grundannahme ist, bei aller Kritik an Politikerinnen und Politikern, dass der Staat sich um das Wohlbefinden und die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger sorgt.
Das gilt im Allgemeinen, doch auch die Erfahrungen aus bisherigen Krisensituationen unterstützen dies. Als ein heftiger Sturm auf die Ostseeküsten prallte, war der Unterschied zwischen der Situation in Dänemark und Deutschland augenfällig. Die dänischen Einsatzkräfte konnten auch nicht alles verhindern. So barst in Apenrade (Aabenraa) einer der Wasserschläuche, der die Stadt vor dem eindringenden Wasser schützen sollte. Im 30 Kilometer weiter südlich gelegenen Flensburg waren solche Schläuche gar nicht erst im Einsatz.
Danach gab es dort massive Kritik am Einsatz der Stadtverwaltung. Oberbürgermeister Fabian Geyer musste sich entschuldigen. In Dänemark setzten sich die Kommunen, die kommunalen Feuerwehren zusammen, um zu erörtern, welche Lehren sie aus der Sturmflut ziehen können – ohne jegliche Aufregung und Schuldzuweisung.
Die Regierung gründete ein Ministerium für die zivile Bereitschaft
Eine dieser Lehren: Wir werden uns auf mehrere gleichzeitige Krisen einstellen müssen. Das Wasser kam nämlich nicht nur von der Ostsee, sondern aufgrund von Dauerregen auch „von hinten“.
Die Erkenntnis, dass wir uns auf häufigere und komplexere Krisen einstellen müssen, veranlasste die dänische Regierung dazu, im Sommer 2024 ein eigenes Ministerium für die zivile Bereitschaft zu gründen. Ob hybride Bedrohung durch Cyberangriffe, Schutz kritischer Infrastruktur oder Klimaanpassung: Hier laufen die Fäden zusammen.
Es ist wohl typisch für Skandinavien: Fachleute analysieren und geben Empfehlungen ab; die politische Ebene ist imstande, relativ schnell auf die Empfehlungen zu reagieren. Das gilt für laufende Anpassungen der Bereitschaftspläne wie für die Gründung eines neuen Ministeriums.
Vielleicht ist ja die gewisse nüchterne Gelassenheit gegenüber Krisen sogar ein Teil der Widerstandskraft gegenüber hybriden Angriffen. Ihr Ziel ist es, Verunsicherung zu schaffen. Nehmen die Menschen Drohnen am nächtlichen Himmel eher gelassen hin, verfehlen diese ihr Ziel.
Walter Turnowsky ist Korrespondent in Kopenhagen beim „Nordschleswiger“
















