Northrop Grumman treibt seine Europa-Agenda rund um das Integrated Battle Command System (IBCS) voran und setzt dabei auf industrielle Partnerschaften in Deutschland. Auf der Berliner Sicherheitskonferenz unterzeichneten Northrop Grumman und MBDA Deutschland eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding), um die deutschen Luft- und Raketenabwehrfähigkeiten gemeinsam weiterzuentwickeln. Geplant sind technische Austauschformate und Demonstrationen, insbesondere mit Blick auf die Anbindung deutscher Systeme – darunter das ARANEUS™-Gefechtsstands- und Effektor-Ökosystem von MBDA.

Kooperation für vernetzte Luftverteidigung

Kenn Todorov, Vice President und General Manager für Command & Control sowie Weapons Integration bei Northrop Grumman, betont in einem Exklusivgespräch mit diesem Magazin die Bedeutung offener Führungs- und Kontrollarchitekturen: „Northrop Grumman arbeitet mit industriellen Partnern zusammen, um innovative, souveräne Lösungen zu entwickeln, die Leistung und Effektivität aktueller wie künftiger integrierter Luft- und Raketenabwehrsysteme steigern. Ein vernetzter Gefechtsraum in Deutschland und bei seinen europäischen Verbündeten – gestützt durch fortschrittliche Führungs- und Kontrolltechnologien wie IBCS – ist entscheidend, um Aggressionen abzuschrecken und ihnen entgegenzuwirken. Diese Vernetzung wird durch gemeinsame Anstrengungen in der Industrie zusätzlich gestärkt.“ Dazu zählen auch die Möglichkeiten, die das Unternehmen nun gemeinsam mit MBDA Deutschland evaluiert.

(v.l.) Kenn Todorov, Vice President und General Manager für Command and Control sowie Weapons Integration bei Northrop Grumman, und Guido Brendler, Leiter Vertrieb & Geschäftsentwicklung und Mitglied der Geschäftsführung bei der MBDA Deutschland GmbH, unterzeichneten am 18. November eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding), um gemeinsam an der Weiterentwicklung der deutschen Luft- und Raketenabwehrfähigkeiten zu arbeiten. (Bildquelle: MBDA Deutschland)

Thomas Gottschild, Executive Group Director Strategy MBDA und Geschäftsführer MBDA Deutschland GmbH sieht in der Vereinbarung einen industriepolitischen Hebel: „Das MoU ist von großer Bedeutung für die industrielle Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland. Wir evaluieren die Fähigkeiten und Stärken unserer Unternehmen, um mögliche integrierte Lösungen für die Luftverteidigungssysteme der Bundeswehr zu prüfen. Unser gemeinsames Ziel ist es, die Luftverteidigung in Deutschland und in NATO-Partnernationen zu stärken, um gemeinsame Einsätze zu ermöglichen.“ Das teilt das Unternehmen in einer Pressemitteilung vom 19. November mit.

Serienfertigung und Auslieferung von IBCS angelaufen

IBCS ist ein offenes, modular skalierbares Führungs- und Kontrollsystem, das Sensoren und Effektoren teilstreitkraft- und systemübergreifend zu einem gemeinsamen, handlungsrelevanten Lagebild vernetzt. Ziel ist eine verteilte, resiliente Feuerleitung mit mehr Reaktionszeit und höherer Zielbekämpfungswahrscheinlichkeit. Das System befindet sich in der Serienfertigung, ist in Polen unter Einsatzbedingungen erprobt worden und soll nun im Rahmen der Modernisierung der U.S. Army in Einsatzkommandos in Europa und im Indopazifik ausgebracht werden.

Integrated Battle Command System EOC – IBCS Engagement Operations Center (EOC) (Foto: US Army)

Im Gespräch mit der Redaktion erläutert Todorov, IBCS ziele nicht auf den Ersatz nationaler Systeme, sondern auf deren architektonische Verbindung. Vorhandene nationale Sensor- und Effektorfamilien würden über standardisierte Schnittstellen und Adapter gekoppelt, um ein integriertes Lagebild und eine verteilte Feuerleitung zu ermöglichen – inklusive Cross-Cueing in der Sensor-zu-Shooter-Kette. Die Tiefe der Integration sowie Fragen der Datenhoheit, Kryptologie und eines souveränen Hostings blieben nationale Entscheidungen und würden in konkreten Projekten definiert. Vor diesem Hintergrund dient die jetzt geschlossene Vereinbarung mit MBDA als Rahmen, um MBDA-C2-Elemente – darunter ARANEUS™ – mit IBCS zusammenzuführen und Souveränitätsanforderungen von Beginn an mitzudenken.

Integration in deutsche Linien

Für Deutschland zeichnet sich ein Integrationspfad ab, der an bestehenden und geplanten bodengebundenen Luftverteidigungsfähigkeiten ansetzt. Entlang der Linien Patriot, IRIS-T SLM und künftiger NNbS-Komponenten (NNbS: Nah- und Nächstbereichsschutz) ließen sich nationale Sensoren und Wirkmittel über Gateways an IBCS anbinden, um ein kohärentes, qualitätsgesichertes Lagebild zu erzeugen und die Feuerleitung zu entkoppeln. Der operative Mehrwert wird im Zusammenspiel sichtbar: kürzere Reaktionszeiten, höhere Durchhaltefähigkeit und ein verteilbarer, degradationsfester Gefechtsbetrieb.

Engagement Operations Center (EOC): Gefechts- und Führungszentrum für Battle Management, Einsatzplanung und Feuerleitung in der Luft- und Raketenabwehr. (Foto: US Army)

Parallel eröffnet die Kooperation mit MBDA die Option, nationale C2 (Command and Controll)-Elemente wie ARANEUS™ in diese Architektur einzubetten und industriepolitische Ziele wie lokale Wertschöpfung, Adapter-Entwicklung, Ausbildung und Depotinfrastruktur mit den technischen Erfordernissen der Interoperabilität zu verzahnen. Entscheidend ist, Rollen- und Rechtemodelle, Datenfilter grenzüberschreitende Wirkszenarien projektbegleitend mitzudenken und in Übungen zu verifizieren, um eine wirksame Kopplung an NATO-Air-C2-Gefüge bei gewahrter Souveränität zu erreichen.

Vernetztes Gefechtsführungs- und Luftverteidigungsumfeld: Sensor- und Effektorverbund mit gemeinsamem Lagebild und verteilter Feuerleitung (Darstellung). Grafik: Northrop Grumman

Nächste Schritte

Northrop Grumman und MBDA Deutschland bereiten technische Workshops und Demonstrationen vor, um die Kopplung von MBDA-Fähigkeiten (unter anderem ARANEUS™) mit IBCS praktisch zu belegen. Für die Bundeswehr entsteht damit eine Option, nationale Lösungen interoperabel zu erweitern, ohne Grundsatzentscheidungen zur Systemablösung zu erzwingen. Konkrete Projekt- oder Beschaffungsentscheidungen sind damit nicht verbunden und blieben einem separaten nationalen Verfahren vorbehalten.

Jürgen Fischer