AWACS-Neustart statt Weiterwursteln: Europa stoppt den gemeinsamen E-7A-Beschaffungsansatz und muss nun beweisen, dass strategische Autonomie mehr ist als ein Schlagwort. Wer die Lücke bis 2035 nicht schließt, spielt mit der sicherheitspolitischen Substanz des Bündnisses.

Sieben NATO-Staaten stoppen „Wedgetail“-Beschaffung

Mit deutlichen sicherheitspolitischen Auswirkungen haben die sieben europäischen NATO-Staaten Belgien, Dänemark, Deutschland, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen und Rumänien die geplante Beschaffung des Boeing E-7A „Wedgetail“ zur Ablösung der alternden E-3A-AWACS-Flotte gestoppt. Dies geht aus einer Mitteilung des niederländischen Verteidigungsministeriums vom 13. November hervor. Darin heißt es, dass die „strategische und finanzielle Grundlage“ des Vorhabens weggefallen sei. Der bereits im Juli 2024 angekündigte Rückzug der USA aus dem Programm habe wesentlich zu dieser Neubewertung beigetragen.

Die USA betrieben bereits Aufklärungs- und Feuerleitflugzeuge vom Typ E-7A Wedgetail, wie ihn die NATO für ihr AWACS beschaffen wollen. (Foto: Boeing)

Warum „Wedgetail“-Plan in der NATO ins Stocken gerät

Die NATO verfügt derzeit über 14 E-3A Sentry, stationiert in Geilenkirchen. Die Ausmusterung der markanten Maschinen mit der „Untertassen“-Radarkuppel auf dem Rumpfrücken ist bis spätestens 2035 vorgesehen. Parallel dazu ersetzt Großbritannien seine nationalen AWACS durch drei E-7A – ein luftgestütztes Frühwarn- und Führungsflugzeug auf Basis der Boeing-737-Plattform, international als „Wedgetail“ bekannt. Der erste britische E-7A absolvierte im Sommer seinen Erstflug. Das System gilt technologisch als modernisierter Nachfolger traditioneller AWACS-Plattformen mit AESA-Radar und reduzierten Betriebskosten.

Verzögerungen und erhebliche Kostensteigerungen sowohl im US-amerikanischen als auch im australischen Programm haben Zweifel an Zeit- und Planungssicherheit geweckt. Der nun beschlossene Stopp des gemeinsamen Beschaffungsweges bedeutet keine Abkehr von der Fähigkeit an sich, sondern eine grundlegende Neuordnung des weiteren Vorgehens.

Die Boeing E-3A NATO AWACS (Foto: NATO)

Europa auf der Suche nach einer tragfähigen Lösung

Laut Den Haag werde nun „eine breitere Palette möglicher Lösungen“ untersucht, einschließlich industrieller und operationeller Optionen mit stärkerem europäischem Anteil sowie einem leiseren, effizienteren System, das bis 2035 verfügbar sein soll. Namen möglicher Plattformen wurden bewusst nicht genannt.

Der schwedische GlobalEye-Ansatz, Airbus-basierte Lösungen sowie Multi-Layer-ISR-Architekturen unter Einbindung von Hensoldt und Indra werden in Fachkreisen als mögliche Entwicklungspfade diskutiert – eine offizielle Vorauswahl existiert jedoch nicht. Konkret bestätigte Saab, dass Frankreich über die DGA die Beschaffung von zunächst zwei GlobalEye-Systemen mit Option auf zwei weitere prüft. Parallel wird erörtert, ob Airbus und Thales im Rahmen laufender Multi-Domain-Fähigkeitsprogramme (unteranderem FCAS) eine langfristige Systemalternative entwickeln könnten. Ein solches Projekt wäre jedoch zeitlich und finanziell weitaus ambitionierter als ein marktverfügbares System.

Embraer als zusätzliche Option

Neben Saab positioniert sich Embraer zunehmend als Alternative im Bereich luftgestützter Überwachungs- und Führungsplattformen. Das brasilianische Unternehmen verzeichnet in den vergangenen Jahren deutliche Exporterfolge im militärischen Luftfahrtsektor. Die Royal Netherlands Air Force und die österreichische Luftwaffe bestellten gemeinsam neun C-390 Millennium (fünf für die Niederlande, vier für Österreich); Schweden orderte vier weitere plus sieben als Option. Portugal betreibt bereits erste C-390-Maschinen und ergänzt derzeit seine ursprüngliche Bestellung. Ungarn bestellte zwei C-390, von denen eine 2024 ausgeliefert wurde. Und eine Besonderheit aufweist: Es ist die weltweit erste mit einer roll-on/roll-off „Intensive Care Unit“ (ICU) ausgestattete C-390 und empfiehlt sich für humanitäre beziehungsweise medizinische Evakuierungs- (MEDEVAC) Aufgaben.

Embraer baut seine Präsenz in Europa gezielt aus – unter anderem über „Embraer Defense Europe“ und ein geplantes Regionalbüro. Laut Reuters führt der Hersteller Verhandlungen mit der Slowakei über mögliche Beschaffungen. Zudem bestehen Absichtserklärungen zur Zusammenarbeit mit Litauen. Im Bereich ISR-/Frühwarnfähigkeiten betreibt Embraer mit dem R-99/E-99M ein erprobtes System, genutzt unter anderem von Mexiko und Indien und in Brasilien modernisiert. Die Hellenic Air Force betreibt vier EMB-145H AEW&C mit Saab-Erieye-Radar als nationale Komponente.

Von zentraler Bedeutung für die schwedische Luftverteidigung: Frühwarn- und Überwachungssystem Saab 340 AEW&C Erieye über der Ostsee (Bild: Försvarsmakten)

Konkrete europäische Bestellungen für ein neues AEW-System existieren zwar noch nicht, doch Embraer spricht von wachsender Nachfrage.

Vor dem Hintergrund des gestoppten E-7A-Beschaffungsweges könnte Embraer perspektivisch zu einem Akteur für Staaten werden, die nach flexibleren, skalierbaren und logistisch wie personell tragfähigen Lösungen suchen – insbesondere im Kontext hybrider Bedrohungen, regionaler Luftraumüberwachung und Schutz kritischer Infrastruktur.

Neustart unter Zeitdruck

Der eingeschlagene Kurs markiert keinen Richtungsentscheid zugunsten einer europäischen Lösung, sondern ein erzwungener Neustart. Entscheidend wird sein, ohne Fähigkeitslücke zwischen dem geplanten Ausscheiden der E-3A bis spätestens 2035 und der Verfügbarkeit einer Nachfolgeplattform zu bleiben. Frühwarn- und Führungsfähigkeit ist eine kritische Komponente der integrierten Luftverteidigung und der Multi-Domain-Koordination – und damit unersetzbar für den Schutz europäischer Luft-, See- und Infrastrukturkorridore.

Die Herausforderung besteht darin, eine kritische Fähigkeit abzubilden, dabei technologische Souveränität sowie Bündnisfähigkeit auszutarieren, bevor sie zur Achillesferse des europäischen Luft- und Seeraumschutzes wird. Gelingt dies nicht, droht die AWACS-Fähigkeit zur Achillesferse des europäischen Sicherheitsraumes zu werden.

Fakten: NATO-AWACS E-3A Sentry (Stand 2025)

  • Aktive Flugzeuge: 14 Maschinen
  • Stationierungsort: NATO Air Base Geilenkirchen (Deutschland)
  • Indienststellung der ersten Maschinen: ab 1982
  • Geplantes Außerdienststellungsdatum: spätestens 2035
  • Finanziert durch: 16 NATO-Alliierte
    (Belgien, Dänemark, Deutschland, Griechenland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Polen, Portugal, Rumänien, Spanien Tschechien, Türkei, Ungarn, USA)
  • Primäre Einsatzrollen:
    – luftgestützte Frühwarnung (AEW)
    – Gefechtsführung und Luftraummanagement (C2)
    – ISR-Unterstützung bei NATO-Operationen (z. B. OAF, ISAF, Enhanced Air Policing)
  • Besondere Bedeutung:
    Schlüsselrolle in integrierter Luft- und Raketenverteidigung, Unterstützung bei militärischer Reaktion auf Luftraumverletzungen, Koordinationsdrehscheibe multinationaler Einsätze.
  • Flottenprobleme:
    steigende Betriebskosten, Ersatzteilverfügbarkeit, altersbedingte Ausfallraten, Lärmemissionen, eingeschränkte Sensorplattform-Modernisierungsmöglichkeiten

Hans Uwe Mergener