
Russisches U-Boot „Novorossiysk“ im Fokus widersprüchlicher Meldungen
Michael Nitz und Hans Uwe Mergener
Während Telegram-Kanäle von Havarie und „höchster Alarmstufe“ sprechen, zeigen amtliche Quellen und OSINT-Beobachtungen ein anderes Bild – die „Novorossiysk“ läuft kontrolliert nordwärts, begleitet und überwacht von NATO-Seestreitkräften.
Das dieselelektrisch angetriebene russische U-Boot B-261 „Novorossiysk“ (Projekt 636.3, Improved-Kilo-Klasse) steht seit Ende September im Fokus widersprüchlicher Meldungen: Während mehrere Boulevardmedien von einem „ernsten Zwischenfall“ mit Treibstoffleck und „Explosionsgefahr“ sprechen – als Ursprung wird durchweg der oppositionelle Telegram-Kanal VChK-OGPU genannt –, weisen nüchternere Berichte darauf hin, dass das Boot seinen Transit fortsetzt und nach dem Verlassen des Mittelmeers aus eigener Kraft nordwärts läuft. Französische Medien wie L’Express fassen die Lage daher explizit als Konkurrenz zweier Narrative zusammen: aufgeregte Telegram-Claims versus fehlende unabhängige Bestätigung. Parallel dokumentierten OSINT-Beobachter Ende September die Passage von „Novorossiysk“ zusammen mit dem Bergungsschlepper „Yakov/Iakov Grebelskiy“ durch die Straße von Gibraltar in den Atlantik.

Seit der Sperrung des Bosporus kann die 73,8 Meter lange Einheit nicht mehr in das Schwarze Meer zurückkehren und wird vornehmlich im Mittelmeer eingesetzt.
Mehr Evidenz als Alarm: „Novorossiysk“ auf Kurs nach Norden
Die jüngsten Bewegungen des Bootes sind aus mehreren amtlichen und offenen Quellen belegt: Vom 14. bis 18. September lag „Novorossiysk“ offiziell zu einem bilateralen Besuch in Algier – die algerische Regierung nennt das U-Boot und den russischen Marinerettungsschlepper ausdrücklich beim Namen. Kurz darauf meldeten Spaniens Streitkräfte die routinemäßige Identifizierung und Begleitung des U-Boots und des Hilfsschiffs durch die F-85 „Reina Sofía“ im Rahmen der nationalen Lageoperation „Sinergia 25“. Solche Beschattungen sind Standard. Schon im Juli hatte die Royal Navy öffentlich gemacht, dass sie „Novorossiysk“ im Ärmelkanal verfolgt und dabei See- und Luftmittel koordiniert einsetzt.
Eine Notsituation wurde beim jetzigen Transit bisher nicht kommuniziert. Zusammengenommen ergibt das ein Bild einer überwachten, aber technisch unauffälligen Verlegungsfahrt mit begleitendem Schlepper, wie er für längere Überführungen russischer U-Boote lang erlebte Praxis ist.
Echoraum Telegram treibt die Schlagzeilen
Die dramatischen Explosionserzählungen wirken bei näherer Betrachtung wie ein klassischer Echoraum: Britische und internationale Klick-Medien, einige spanische Lokalportale und diverse Blogs berufen sich nahezu wortgleich auf VChK-OGPU; harte Primärbestätigungen – Notruf, offizielles „distress“-Signal, gesichtete Havarie-Maßnahmen – fehlen. Selbst Berichte, die das „Explosionsrisiko“ groß herausstellen, führen als Quelle am Ende jenen Telegram-Kanal an, der im April 2025 nach behördlichem Druck zeitweilig von Telegram entfernt worden war. In den einschlägigen militärischen Lageupdates Spaniens und in britischen Navy-Mitteilungen finden sich dagegen lediglich nüchterne Verfolgungs- und Lagefeststellungen.

Genau diese Vorsicht bei unbestätigten, anonymen Telegram-Meldungen haben norwegische Beobachter aus dem Umfeld des Barents Observer wiederholt angemahnt. Solange es keine sekundär unabhängigen Sensor- oder Behördenbestätigungen gibt (Navy-Statements, staatliche Seenotmeldungen, konsistente Primärdaten), sind solche „Alarme“ potenziell als Elemente der russischen Desinformationskampagne zu sehen. Das ist hier besonders naheliegend, weil die ursprüngliche Behauptung (Leck in die Bilge, „höchste Alarmstufe“) global weiterverbreitet wurde, ohne dass sich das übliche Gefolge echter Notlagen zeigte: Notruf, Hilfsschlepp, Evakuierung, Hafennotlauf.
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