Die Mobilisierungskraft ist historisch: Seit mehr als zehn Monaten gehen in Serbien Studierende und andere Gruppen auf die Straße, um gegen die Zustände im Land aufzubegehren. Der Unmut über die regierende Clique rund um Präsident Aleksandar Vučić ist groß und erinnert an die letzten Tage des Milošević- Systems, bevor der als Kriegsverbrecher Gesuchte an das Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag (ICTY) überstellt wurde.

Auslöser der andauernden Protestwelle war ein eingestürztes Vordach am Bahnhof in Novi Sad mit 16 Toten. Nun prangern Demonstranten Korruption im Bauwesen an, massenhaft entlädt sich die Wut über Kleptokratie und Selbstbereicherung. Doch längst geht es nicht mehr nur um die endemische Korruption (laut Transparency International belegte Serbien im Jahr 2024 den 105. Rang im weltweiten Ranking, hinter Lesotho und der Dominikanischen Republik). Mehr und mehr geht es um die Frage, wer künftig das Land führen soll.

Die Ausdauer und Kreativität der Protestbewegung hat der serbische Machtapparat unterschätzt, das Regime wirkt nervös. Mit immer enthemmterer Brutalität gehen Sicherheitsorgane und Schlägertrupps gegen die vermeintlichen „Terroristen“ vor. Eine „bunte Revolution“ sei losgetreten worden, fabuliert Vučić, gesteuert würden diese aus dem Ausland.