Nur 18 Monate nach dem ersten Spatenstich hat Rheinmetall am Standort Unterlüß das „Werk Niedersachsen“ zur Herstellung von Artilleriemunition in Deutschland offiziell eingeweiht. Zu den Ehrengästen der Feier am 27. August gehörten Vizekanzler Lars Klingbeil, Verteidigungsminister Boris Pistorius und NATO-Generalsekretär Mark Rutte. Zudem waren der bulgarische Präsident Rumen Georgiew Radew und der rumänische Ministerpräsident Ilie Bolojan angereist.

(v.l.) Verteidigungsminister Boris Pistorius, Finanzminister, Vizekanzler Lars Klingbeil, Rheinmetall CEO Armin Papperger und NATO Generalsekretär Mark Rutte eröffneten gemeinsam das Rheinmetall Werk Niedersachsen zur Produktion von 155mm-Artilleriemunition. (Foto: Gerhard Heiming)

Rheinmetall startet Serienfertigung in Unterlüß

Mit einem Investitionsvolumen von 500 Millionen Euro sollen bei Vollausbau des Werks zunächst 350 und später weitere 150 neue Arbeitsplätze entstehen. Das Werk in Unterlüß besteht aus zwei Komplexen auf einem Gelände von 50.000 Quadratmetern. In der Hüllenfertigung werden vorwiegend mit Schmieden und mechanischer Bearbeitung die Geschosshüllen hergestellt. Davon abgetrennt ist der sogenannte LAP, in der die Geschosshüllen mit Sprengstoff gefüllt, komplettiert und verpackt werden. LAP bedeutet Laborating, Assembly, Packaging, also Laborierung, Montage und Verpackung.

Der Probebetrieb hat vor drei Monaten bereits begonnen. Nach der Eröffnung werden in den beiden Werken die militärische Sicherheit und die Arbeitssicherheit (Schwerpunkt Umgang mit Sprengstoff) hergestellt. Dann wird eine Besichtigung nur noch eingeschränkt möglich sein. Noch in diesem Jahr will Rheinmetall die ersten 25.000 Schuss produziert. Im nächsten Jahr ist die Auslieferung von 140.000 Schuss geplant bevor ab 2027 die volle Kapazität von 350.000 Schuss jährlich erreicht wird.

2026 soll die Produktion von Raketenmotoren für Artillerieraketen beginnen.

Bei Vollausbau des Werks Niedersachsen sollen ab 2026 jährlich 350.000 Schuss 155mm-Munition ausgeliefert werden. (Foto: Gerhard Heiming)

Milliardenaufträge sichern Produktion

Das Werk Niedersachsen reiht sich ein in das Rheinmetall-Netzwerk zur Produktion der zurzeit heißbegehrten 155mm-Munition. Zusammen mit den anderen Standorten in Spanien und Südafrika will Rheinmetall insgesamt 1,5 Millionen Schuss pro Jahr produzieren. Der Absatz für die nahe Zukunft ist zunächst einmal gesichert.

Am 20. Juni 2024 schloss Rheinmetall mit der Bundeswehr einen Rahmenvertrag über die Lieferung von 155 mm Artilleriemunition im Brutto-Wert von bis zu 8,5 Milliarden Euro ab. Ein erster Abruf in Höhe von 880 Millionen Euro dient ausdrücklich der Sicherung der Produktionskapazitäten in der Anlaufphase des neuen Werks in Unterlüß. Für das Haushaltsjahr 2026 sind im Regierungsentwurf 14,8 Milliarden Euro für Munitionsbeschaffung vorgesehen, ein erheblicher Anteil davon entfällt auf Artilleriemunition.

Standort Unterlüß – Herzstück der Rheinmetall-Produktion

Unterlüß ist der Sitz der Rheinmetall-Gesellschaften Rheinmetall Landsysteme GmbH und Rheinmetall Waffe Munition GmbH sowie ein wichtiger Standort der Rheinmetall IT Solutions GmbH. Auf rund 60 Quadratkilometern entwickeln, erproben und fertigen etwa 3.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Material für nahezu alle Bereiche der Wehrtechnik. Zum Areal gehört ein großflächiges Schieß- und Erprobungsgelände, nach Angabe von Rheinmetall das größte in privatem Besitz befindliche Test- und Versuchsgebiet Europas, das zu etwa 90 Prozent auch forstwirtschaftlich genutzt wird.

Aus dem umfangreichen Produktionsprogramm nannte das Unternehmen unter anderem den Schützenpanzer Puma, die neue Generation der Kampfpanzer-Hauptbewaffnung im Kaliber 130mm sowie die dazu gehörende Munition, die 120mm-Munition für den Kampfpanzer Leopard 2 und 155mm-Waffenanlagen inklusive der Munition für die Panzerhaubitze 2000. Hinzu kommen geschützte Kabinen für Logistikfahrzeuge, Mittelkaliber-Munition, der Schützenpanzer Marder für die Ukraine, Schützenpanzer Lynx, Kampfwertsteigerung des britischen Kampfpanzers Challenger, den neuen KF51 Panther, einen Kampfpanzer der Zukunft sowie die Aktivitäten mit Hochenergie-Lasereffektoren.

Hoher Verbrauch unterstreicht die Bedeutung der Artillerie

Artillerie ist eine wesentliche Fähigkeit der Landdimension. Der Abwehrkampf der Ukraine hat ihre Bedeutung eindrucksvoll unterstrichen. Nach aktuellen Schätzungen verbraucht die Ukraine täglich bis zu 15.000 Schuss, Russland etwa doppelt so viel. Mit der Friedensdividende haben die NATO-Staaten, darunter auch Deutschland ihre Bestände deutlich reduziert. Entsprechend gingen auch die Produktionskapazitäten der Industrie verloren. Jetzt gilt es nicht nur, den hohen Verbrauch in der Ukraine abzudecken, sondern zugleich den Nachholbedarf zu decken, um die Läger der NATO-Staaten wieder aufzufüllen. Die in der westlichen Welt verfügbaren Produktionskapazitäten sind für diese Mengen nicht ausgelegt.

Mit milliardenschweren Programmen werden weltweit Munitionswerke mit dem Schwerpunkt Artilleriemunition, vor allem im NATO-Kaliber 155mm, aufgebaut. Rheinmetall ist in Europa ein bedeutender Akteur. Das Unternehmen ist über Joint Ventures an der Produktion beziehungsweise am Aufbau in Ungarn, Ukraine, Litauen, Rumänien und Bulgarien beteiligt. Hinzu kommen die bereits genannten Werke in Spanien und Südafrika.

Gerhard Heiming