Nur drei Wochen nach dem Abbruch der Verhandlungen über die Zusammenarbeit von KNDS und Leonardo haben Leonardo und Rheinmetall am 2. Juli ein Memorandum of Understanding (MoU) zur Gründung eines neuen 50:50-Joint Ventures unterzeichnet, das auf die Entwicklung eines europäischen industriellen und technologischen Ansatzes im Bereich der Landverteidigungssysteme abzielt. Einer Mitteilung von Rheinmetall zufolge ist das erste Ziel die industrielle Entwicklung und anschließende Vermarktung von zwei Fahrzeugen – dem italienischen Kampfpanzer (Main Battle Tank, MBT) und der Lynx-Plattform als Schützenpanzer (Armoured Infantry Combat System, AICS) im Rahmen der Kampfsystemprogramme für das italienische Heer.
Die Umsetzung Absichtserklärung unterliegt der vorherigen Genehmigung durch die zuständigen Regulierungsbehörden, einschließlich der Europäischen Kommission und der jeweiligen nationalen Wettbewerbsbehörden.

„Gemeinsam wollen wir neue Standards setzen und die Türe für eine neue Generation hochmoderner Kampffahrzeuge in und für Europa öffnen“, sagte Armin Papperger, Vorstandsvorsitzender der Rheinmetall AG. „Wir adressieren damit den italienischen Markt sowie auch andere Partnerstaaten, die Modernisierungsbedarf im Bereich der Kampfsysteme haben.“
„Die technologischen und industriellen Synergien zwischen Leonardo und Rheinmetall sind eine einzigartige Gelegenheit, hochmoderne Kampfpanzer und Infanteriefahrzeuge zu entwickeln. Wir betrachten diese Vereinbarung als einen grundlegenden Beitrag zur Schaffung eines gemeinsamen europäischen Verteidigungsraumes“, ergänzte Roberto Cingolani, CEO von Leonardo.
Das künftige Gemeinschaftsunternehmen mit Sitz in Italien wird als Hauptauftragnehmer und Systemintegrator für die beiden italienischen Programme (MBT und AICS) fungieren und die Roadmap für die mögliche Beteiligung Leonardos am künftigen europäischen Hauptkampfsystem (Main Ground Combat System, MGCS) festlegen, schreibt Rheinmetall.
Im Rahmen der MBT- und AICS-Programme sollen nach Rheinmetall-Angaben Missionssysteme, Elektronik und Waffenintegration von Leonardo entsprechend den Anforderungen des italienischen Kunden entwickelt und produziert werden. Die Technologien sollen auch im Falle einer italienischen Beteiligung an MGCS eine mögliche Grundlage für die Entwicklung des künftigen europäischen Kampfpanzers und der neuen, für den internationalen Export bestimmten Versionen bilden.

Endmontagelinien, Homologationstests, Auslieferungsaktivitäten und die logistische Unterstützung sollen in Italien mit einem dortigen Arbeitsanteil von 60 Prozent durchgeführt werden. Der italienische Arbeitsanteil soll ein Abbruchkriterium für die Verhandlungen mit KNDS gewesen sein.
Italien hat einen Bedarf von rund 200 Kampfpanzern und 350 Schützenpanzern (ESuT berichtete). Der Wert einer möglichen Bestellung aus Italien werde von Insidern auf 20 Milliarden Euro geschätzt, berichtet das Handelsblatt. In dem Betrag sei zudem die Beschaffung von Unterstützungspanzern wie Pionier-, Brückenlege- und Bergepanzern sowie die logistische Unterstützung des Betriebs enthalten. Im Februar 2024 war bekannt geworden, dass erste Prototypen der Kampfpanzer ab 2026 erwartet werden. Der Beschaffungszeitraum wurde mit 2027 bis 2037 angegeben (ESuT berichtete).
Mit dem neu entwickelten Kampfpanzer Panther und dem neuen Schützenpanzer Lynx verfügt Rheinmetall über die entsprechende Basistechnologie, auf die in beiden Programmen aufgebaut werden kann. Beide Fahrzeuge sind Eigenentwicklungen von Rheinmetall, die modular so konzipiert sind, dass entsprechend dem Bedarf der Auftraggeber Komponenten anderer Hersteller integriert werden können. Rheinmetall hat u.a. mit dem Boxer in Australien und UK sowie dem Lynx in Ungarn und dem Challenger 3 in UK entsprechende Erfahrungen gesammelt.
Der Schützenpanzer Lynx ist in Produktion. Nachdem Rheinmetall vereinbarungsgemäß die ersten 46 Gefechtsfahrzeuge auf der eigenen Produktionsstraße hergestellt und dabei ungarische Mitarbeiter des Joint Ventures Rheinmetall Ungarn ausgebildet hat, ist im Dezember 2023 der erste Schützenpanzer Lynx in der Fertigungs-, Entwicklungs- und Testanlage für gepanzerte Fahrzeuge von Rheinmetall Ungarn in Zalaegerszeg fertig gestellt worden (ESuT berichtete).
In Zalaegerszeg wird auch der Kampfpanzer Panther KF 51 in der Version Evo zur Serienreife entwickelt, mit bemanntem Turm und 120-mm-Kanone mit automatischem Lader (ESuT berichtete). Bei der Eurosatory 2024 hat Rheinmetall den Panther KF 51 U mit unbemanntem Turm und automatisch geladener 130-mm-Kanone vorgestellt.
Zu den ersten Aufgaben des Joint-Ventures wird es gehören die Fahrzeuge als Ausgangspunkt der Entwicklung auszuwählen. Bis zur Lieferung von Demonstratoren 2026 ist nicht mehr viel Zeit.
Gerhard Heiming



















