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Annegret Kramp-Karrenbauer hat ihr Ziel erreicht. Ein verpflichtendes Dienstjahr, wie sie es seit ihrer Zeit als CDU-Generalsekretärin fordert, ist es zwar nicht geworden. Aber es gibt immerhin jetzt einen neuen Dienst, der mit ihrem Namen und ihrer Zeit als Verteidigungsministerin ebenso verbunden bleiben wird wie die kostenlosen Zugfahrten für Soldaten. Unter dem Slogan „Dein Dienst für Deutschland“ dürfen sich ab sofort junge Frauen und Männer bei der Bundeswehr für den Heimatschutz ausbilden lassen, wenn sie es denn wollen, und anschließend auf sechs Jahre als Reserve für Katastrophenfälle und andere Einsätze bereitstehen. Die ersten 325 Rekruten haben ihren Dienst bereits angetreten.

Gast-Kommentar – Besser als nichtsInsgesamt sind zunächst einmal 1.000 Stellen für die angehenden Heimatschützer vorgesehen. Das ist nur ein Bruchteil der Kapazitäten, die für den älteren, regulären Freiwilligen Wehrdienst vorgehalten werden. Dort engagieren sich gegenwärtig knapp 9.000 Menschen. Noch kleiner wirkt der Heimatschutz gegenüber zivilen Angeboten: Knapp 40.000 Menschen leisten gegenwärtig Bundesfreiwilligendienst, 50.000 befinden sich im freiwilligen sozialen und ökologischen Jahr. Der neue Heimatschutz-Dienst hat dementsprechend kaum die Kraft, Löcher zu stopfen, die in der Bundeswehr personell spätestens seit dem Ende der Wehrpflicht vor zehn Jahren gerissen wurden. Er schafft aber auch, anders als Lobbyvertreter oder Bundeswehrgegner es mitunter formulieren, keine neuen bei den zivilen Mitbewerbern. Nüchtern betrachtet ist der Heimatschutz-Dienst damit auch bei Weitem nicht der große Wurf, als den ihn die Verteidigungsministerin gerne verkaufen würde.

Aber er ist doch besser als nichts. Die Bundeswehr leidet unter chronischer Personalnot.

Neben dem fehlenden Grundwehrdienst leisten schrumpfende Jahrgänge, Fachkräftemangel und eine außerhalb Corona-Zeiten munter laufende Volkswirtschaft ihr Übriges. Die Truppe kann es sich schlicht nicht leisten, auf nur einen Mann und mehr noch eine Frau zu verzichten, die fähig und willens sind, sich die Streitkräfte genauer anzuschauen. Wen bislang ein Standort fern der heimischen Scholle oder ein möglicher Einsatz im Ausland abgehalten hat, der verfügt nun über eine interessante und gut bezahlte Option, zumal zwischen einem Schulabschluss und dem darauffolgenden Lebensabschnitt. Dass es dafür überraschend viele Interessenten gibt, darauf deuten die ersten Zahlen hin. 9.000 Bewerberinnen und Bewerber soll es auf die 1.000 Stellen schon gegeben haben, 70 Prozent von ihnen im Alter zwischen 17 und 27 Jahren.

Darüber hinaus schafft sich die Bundeswehr eine – wenn auch erst einmal dünne – neue Struktur, um ihre Reserve zu stärken. Sie kann über die Jahre weiterwachsen und die aktive Truppe bei ihren künftigen Einsätzen im Innern entlasten. Dass solche Missionen zunehmen werden, ist so sicher wie der nächste Lockdown. Und jenseits der Pandemie warten zahlreiche weitere Szenarien, in denen die Bundeswehr wird Amtshilfe leisten müssen. Dafür werden allein schon die Folgen des Klimawandels sorgen.

Die aktive Truppe kann die Entlastung gut gebrauchen. Die Aufgaben, vor denen sie steht, sind schließlich Legion. Und für die Verteidigung der NATO-Ostflanke lassen sich die meisten Reservisten ebenso schlecht einsetzen wie für Patrouillen in Mali oder Schiffspatrouillen im Mittelmeer. Im Impfzentrum, bei der Waldbrandbekämpfung oder bei der Objektsicherung sieht das schon ganz anders aus.

Gast-Kommentar – Besser als nichts

Schließlich trägt der neue Wehrdienst auch sein Scherflein zum Austausch zwischen den Streitkräften und der Gesellschaft bei. Menschen, die sich bislang nicht vorstellen konnten, in die Bundeswehr zu gehen, lernen sie kennen und können als Multiplikatoren das Bild der Streitkräfte in der Gesellschaft stärken. Stoßen sie – wie es die Regel ist – auf demokratiefeste Soldaten, zudem auf gute Kameradschaft und sinnvolle Aufträge, dann werden sie ihre Zeit in guter Erinnerung behalten; ja, vielleicht sogar Freundinnen und Freunde für den Dienst in den Streitkräften interessieren. Damit wäre einiges erreicht.

Überfrachten aber sollte man den Heimatschutz-Wehrdienst nicht. Er taugt weder dafür, die zahlreichen strukturellen Probleme der Bundeswehr zu lösen, noch, wie es Annegret Kramp-Karrenbauer anklingen ließ, den Begriff „Heimat“ Rechtsextremen streitig zu machen, der ihnen im Übrigen nie gehört hat. Wer mehr will und glaubt, dass allgemeine Gefahren von allen Mitgliedern einer Gesellschaft angegangen werden müssen, der wird an der Debatte über eine Dienstpflicht für Männer wie Frauen letzten Endes nicht herumkommen.

Lorenz Hemicker ist politischer Redakteur bei der Frankfurter Allgemeine Zeitung.