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Das neueste strategische Atom-U-Boot Russlands, „Fürst Wladimir“, hat die letzten Abnahmetests durchlaufen. Nach einer fast zehntägigen Erprobungsphase kehrte die Einheit am 21. Mai nach Sewerodwinsk in seine Bauwerft Sevmash zurück. Russische Medien berichten übereinstimmend, dass bis Ende Mai die Abnahmezertifikate erstellt sein sollen. Sie gehen von einer Indienststellung bis spätestens Ende Juni aus.

„Fürst Wladimir“ ist Baunummer 1 des Projekts 955A – „Borey-A“. Sie unterscheidet sich von ihren drei Schwesterschiffen des Projekts 955 durch vergleichsweise schlanker wirkende Konturen – die Raketensilos wurden ‚wulstlos‘ in die äußere Hülle integriert, der Turm verlor seinen vorderen Überhang -, eine andere Konfiguration der Seiten- und Tiefensteuerelemente, eine reduzierte Geräuschentwicklung sowie durch verbesserte Kommunikations- und Ortungssysteme. Medienangaben zufolge wurde der Water-Jet-Antrieb ebenso wie die Antriebs-Schrauben optimiert. Damit ist davon auszugehen, dass sich sowohl die akustische Signatur wie auch Handling bzw. Manövrierfähigkeit der 170 Meter langen, fast 25.000 Tonnen verdrängenden Einheiten verbessert haben.

Der Schiffsrumpf der Borey-A hat eine hydroakustische Beschichtung, die aus 10.000 jeweils 80 Kilogramm schweren Gummikacheln besteht. Zur Ausrüstung gehört auch eine Rettungskapsel, mit der die gesamte Besatzung evakuiert werden kann.

Das U-Boot kann unter Wasser Geschwindigkeiten von bis zu 30 Knoten erreichen. Die maximale Tauchtiefe soll 450 Meter betragen. Das Boot soll in der Lage sein, bis zu 90 Tage getaucht zu bleiben (Quelle: Sevmash).

Während andere Medien die Besatzung auf 107 Personen, davon 55 Offiziere, beziffern, wird in einer Werftbroschüre eine Kapazität von 130 angegeben, was nahelegt, dass die Borey-A zusätzliches Personal aufnehmen können. Den Besatzungen steht auf jedem Boot eine Sauna zur Verfügung.

Die U-Boote, denen der für nördliche Winde verantwortliche griechische Gott Boreas Namenspate stand, wurden bereits in den 1990er Jahren konzipiert. Die Kiellegung des ersten Bootes „Yury Dolgorukiy“ war im November 1996, seine Indienststellung erfolgte allerdings erst im Januar 2013. Baunummer 2 und 3, 2004 beziehungsweise 2006 aufgelegt, wurden 2013 als „Alexander Nevsky“ und 2014 als „Wladimir Monomakh“ in die Marine eingeführt.

Baubeginn der „Fürst Wladimir“ war Ende Juli 2012. Um ihre Taufe rankt sich die Anekdote, dass der Name, der ursprünglich war „Swjatitel Nikolai“ lauten sollte, kurzfristig in „Fürst Wladimir“ geändert wurde, als Präsident Putin bei der Kiellegung anwesend war. Ihre Auslieferung an die Marine wurde schon im letzten Jahr erwartet. Für die Verzögerungen wurden Probleme im Feuerleitsystem der Interkontinentalraketen verantwortlich gemacht. Vier weitere Schwestereinheiten der Borey-A-Klasse (Projekt 955A) befinden bei Sevmash in Bau: „Fürst Oleg“ (Kiellegung 2014), „Generalissimus Suvorow“ (Kiellegung 2014), „Kaiser Alexander III“ (Kiellegung 2015) und „Fürst Pozharsky“ (Kiellegung 2016). Unbestätigten Berichten zufolge soll der Baubeginn der „Marschall Schukow“ und der „Marschall Rokossowski“ bereits erfolgt sein. Zurzeit kursiert die Information, dass zwei weitere Borey-A in Auftrag gegeben werden sollen. Damit würde die Flottille dieser strategischen U-Boote der vierten Generation auf zwölf anwachsen.

Sie gelten als geräuschärmer als andere strategische U-Boote Russlands. Dazu trägt der Jet-Antrieb bei – ein Novum für russische Atom-U-Boote. Während die Vorgängergeneration bei Geschwindigkeiten zwischen fünf und zehn Knoten als noch geräuscharm galten, sollen die Borey noch bei zwanzig Knoten leise sein.

Russische Marine erwartet Indienststellung des ersten U-Bootes der Klasse Borey-A
Russische Marine erwartet Indienststellung des ersten U-Bootes der Klasse Borey-A

Die Kosten für das erste Boot des Projekts 955 sollen sich, russischen Quellen zufolge, auf 23 Milliarden Rubel, für Baunummer zwei und drei auf jeweils 23,2 Milliarden Rubel (letzteres entspricht 296,5 Millionen Euro) belaufen. Diese Daten stammen aus dem Jahr 2012. Für Borey-A-Boote (Projekt 955A) werden keine Preise genannt.

Zum Vergleich: Die Kosten für den Bau des Typbootes der Columbia-Klasse der US-Navy werden (Preisstand 2010) mit 6,2 Milliarden US-Dollar (6 Milliarden Euro) beziffert. Für die vier Neubauten strategischer U-Boote der Royal Navy werden insgesamt 31 Milliarden britische Pfund veranschlagt, womit ein Boot der Dreadnought-Klasse auf umgerechnet 8,625 Milliarden Euro kommt.

Bemerkenswert: strategische Auswirkungen

Borey-U-Boote verfügen über 16 Bulava-SLBM (russisch ‚Bulava‘: Morgenstern, Streitaxt) mit jeweils sechs Mehrfachsprengköpfen (MIRV) mit einer Sprengkraft von jeweils 150 Kilotonnen. Die Reichweite wird mit 8.000 Kilometern angegeben. In russischen Medien wird der Ersatz der Bulava durch leistungsfähigere Kurzstreckensystme in naher Zukunft diskutiert. Bei den RSM-56 Bulava (auch: 3K30 oder 3M30, NATO: SS-N-32) handelt es sich um die navalisierte Version der Topol-M (NATO: SS-27).

Mit dem Zulauf des neuen strategischen U-Bootes ändern sich die Margen innerhalb des zwischen den USA und Russland geltenden Vertrages zur Verringerung strategischer Waffen (START). Zum letzten Datenaustausch (veröffentlicht zum 1. März 2020 vom US-Außenministerium) verfügten die USA über 1373, Russland über 1326 Gefechtsköpfe. Die nun hinzugekommenen 96 der „Fürst Wladimir“ verschieben das Pendel zugunsten Russlands.

Bezüglich der Dislozierung gibt es unterschiedliche Informationen. Einige Quellen sehen eine ausgewogene Verteilung der Borey-U-Boote (jeweils vier) auf Nord- und Pazifikflotte vor. Anderen zufolge (z.B. Izvestia vom 23. März 2020) soll die Pazifikflotte bevorzugt werden. Neben der „Ryazan“, einem strategischen Atom-U-Boot der Delta-III-Klasse, sind dort zwei Borey-U-Boote des ersten Loses (Projekt 955), „Alexander Nevsky“ und „Wladimir Monomakh“, stationiert. Delta-III-Boote können ebenfalls sechzehn Interkontinentalraketen aufnehmen. Eine der möglichen Bewaffnungsversionen ist die RSM-50 R-29R Vysota mit einem dreifachen Mehrfachsprengkopf. Somit sind mindestens 240 Mehrfachsprengköpfe in der russischen Pazifikflotte verfügbar.

Mit der Ankunft der Borey-Klasse vollzieht sich nicht nur ein Generationswechsel strategischer Atom-U-Boote in der russischen Marine. Der Reichweitenzuwachs moderner ballistischer Waffen im Zusammenhang mit den technologischen Möglichkeiten im Schiffbau lassen es zu, die Patrouillengebiete der strategischen U-Bootflotte auf die Meere in der Nähe des russischen Territoriums und in die Arktis zu verlagern. Die strategische U-Boot-Komponente Russlands braucht sich nicht mehr einer unmittelbaren Bedrohung durch die U-Boot-Abwehrkräfte der NATO auszusetzen. Ein Einsickern in den zentralen Atlantik durch das Nadelöhr des GIUK-Gaps gehört der Vergangenheit an. Nicht nur ausländische Beobachter erwarten die Außerdienststellung älterer Boote, darunter auch der Typhoon-Klasse (russisch Akula-Klasse, bekannt aus ‚Jagd auf Roter Oktober‘), von der noch ein Boot im aktiven Dienst ist.

Kerndaten Borey-A-Klasse
Verdrängung:
  • 14.720 Tonnen über Wasser
  • 24.800 t getaucht
Länge: 170 Meter
Breite: 13,5 Meter
Tiefgang: 10 Meter
Antrieb:
  • OK-650V Atomreaktor
  • AEU Dampfturbine
  • 1 Welle
Geschwindigkeit:
  • getaucht – 30 Knoten
  • über Wasser – 15 Knoten
Besatzung: 107, davon 55 Offiziere (andere Angaben: 130)
Bewaffnung:
  • 16 × R-30 Bulava SLBM
  • 6 × 533 mm Torpedorohre (in US Quellen teilweise auch mit acht Torpedorohren)

Hans Uwe Mergener