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Durch den sicherheitspolitischen Paradigmenwechsel seit 2014 rückte die Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) wieder in den Fokus militärischen Handelns der NATO und der Bundeswehr. Das Weißbuch 2016 und die daraus abgeleitete Konzeption der Bundewehr (KdB) legten dafür die strategisch-politischen sowie konzeptionellen Vorgaben.

Für den Großverband Gebirgsjägerbrigade 23 (GebJgBrig 23) bedeutet dies, dass Ausbildung und Übungstätigkeit stringent auf die anspruchsvollste Aufgabe – Landes- und Bündnisverteidigung – ausgerichtet werden müssen, denn die Intensität eigenen Handelns herab zu setzen ist leicht umsetzbar, der umgekehrte Weg nahezu unmöglich.

Besonderes Fähigkeitsprofil

Mit der Gleichrangigkeit der Landes- und Bündnisverteidigung rückt auch das NATO-Bündnisgebiet von Nordnorwegen über Zentraleuropa bis zur Türkei als südlichstem Pfeiler als potentielles Einsatzgebiet deutscher Streitkräfte in den Fokus. Dieses Gebiet weist eine erhebliche Spreizung von Klimazonen und Geländebeschaffenheit auf und erfordert Flexibilität sowie Robustheit und Resilienz von Personal und Material. Die GebJgBrig 23 hat den Auftrag, Einsätze im gesamten Intensitätsspektrum durchzuführen, insbesondere auch im schwierigen bis extremen Gelände, einschließlich großer Höhen und unter extremen Klima- und Wetterbedingungen. Durch eine konsequente Ausrichtung der einzelnen Verbände der GebJgBrig 23 auf dieses besondere Fähigkeitsprofil ist eine – in der Bundeswehr einmalige – Systemfähigkeit gegeben, die es erlaubt, in Gebieten zu operieren, deren Anforderungen durch andere Kräfte nicht bewältigt werden können. Für die Gebirgsjägerbrigade 23 bedeutet dies: Hochgebirge, große Höhen jenseits der 3000 m über Normal Null, Regionen, die von großer Kälte und Schneehöhe geprägt sind, sowie Wüstengebiete. Gerade Nordnorwegen, im äußersten Norden des NATO-Bündnisgebietes gelegen, bildet diese Herausforderungen in besonderer Weise ab. Darüber hinaus gelten für die GebJgBrig 23 dieselben Anforderungen wie die der querschnittlichen Infanterie, namentlich der Kampf in Waldgebieten und urbanen Räumen. Die Übung EISKRISTALL 2019 sollte wesentliche Erkenntnisse und Handlungsbedarf für die zukünftige Ausbildung sowie Grundsätze, Verfahren und Techniken beim Einsatz von Kräften der Gebirgstruppe im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung liefern.

EISKRISTALL 2019 – Absicht und Ziel

Brigadegeneral Jared Sembritzki formulierte seine Absicht wie folgt: „Ich will, dass meine Hochgebirgsjägerzüge, der Hochgebirgsspähzug und die Hochgebirgspioniergruppe mindestens einmal jährlich geschlossen zum Kampf unter extremen Klima- und Wetterbedingungen ausgebildet werden.“

Extreme Rahmenbedingungen

Um der Einsatztauglichkeit im besonderen Fähigkeitsprofil Rechnung zu tragen, wurde die Übungsserie EISKRISTALL aufbauend auf den Erkenntnissen der Vorläuferübungen in 2017 und 2018 in Norwegen fortgesetzt. An das Ausbildungsgelände sowie die äußeren Rahmenbedingungen mussten mit Blick auf das Ausbildungsziel hohe Anforderungen gestellt werden. Der Raum Bardufoss-Skjold in Nordnorwegen erfüllte diese Anforderungen, denn das Übungsgelände liegt 1. 700 Km nordöstlich von Oslo und damit nördlich des Polarkreises. Die in dieser Region herrschenden Temperaturen von bis zu minus 40 Grad und Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometern pro Stunde, bilden die Voraussetzungen für eine Ausbildung zum Kampf unter extremen Klima und Wetterbedingungen.

Ein entscheidender Faktor für die erfolgreiche Durchführung von EISKRISTALL 2019 war die äußerst kooperative Zusammenarbeit mit dem 2. Bataillon der Brigade Nord (Norwegen), das in Skjold stationiert ist. Das Bataillon ist der Patenverband des Gebirgsjägerbataillons 232. Durch die uneingeschränkte Unterstützung des norwegischen Verbandes mit Unterkunft, Verpflegung und Fahrzeuge konnte eine reibungslose und zielgerichtete Ausbildung durchgeführt werden.

Ausgestattet für die Arktis

Darstellung verschiedener Ausrüstungsgegenstände des Arktiksatzes. (Bundeswehr / Neumann)

Ein weiterer Faktor, der positiv zum Ausbildungserfolg beigetragen hat, war die zusätzlich bereitgestellte Ausrüstung. An alle Teilnehmer der Übung EISKRISTALL 2019 wurden die „Kälteschutzbekleidungssätze Gebirgstruppe C1 und C1-C3“ ausgegeben. Der sogenannte Arktiksatz beinhaltet spezielle Unterwäsche, Handschuhe, einen Schlafsack, Expeditionsschuhe sowie einen speziellen Kocher und wird zukünftig allen Soldaten der GebJgBrig 23 zukommen. Für die Soldaten bei EISKRISTALL war es das erste Übungsvorhaben mit der neuen Ausstattung.

Das Bekleidungssystem hat sich bereits bei den Spezialkräften der Bundeswehr bewährt. Die Bekleidung ist modular aufgebaut, so dass der Soldat nach dem Zwiebelschalenprinzip agieren kann.

Personalansatz

Der Personalansatz für EISKRISTALL 2019 war auf das Notwendigste reduziert und darauf ausgerichtet, dem Ausbilderpersonal und den Ausbildungszügen alle erforderlichen Unterstützungsleistungen zukommen zu lassen, um eine bestmögliche Ausbildung sicherstellen zu können.

Organigramm Personal EISKRISTALL 2019 (Graphik: Bundeswehr)

So war es jederzeit möglich, Unterstützungskräfte für die Vorbereitung und Durchführung der jeweiligen Ausbildungsstationen zu generieren, wie auch die Gefechtsübung und die Zuggefechtsschießen (Leitung- und Sicherheitsorganisation) durchführen zu können. Die Zug- und Gruppenführer der Ausbildungszüge konnten sich auf die taktische Führung ihrer Soldaten konzentrieren.

Ausbildungssystematik

Als Teil der brigadeinternen Klimazonenausbildung wurde EISKRISTALL 2019 erstmalig unter der Leitung des Stabes der GebJgBrig 23 geplant, durchgeführt und nachbereitet. Der Kernübungszeitraum umfasste, Anfang Januar, 18 Ausbildungstage.

Ausbildungssystematik EISKRISTALL 2019 (Graphik: Bundeswehr)

EISKRISTALL 2019 folgte einem dreiteiligen Ansatz von Stationsausbildung in den Bereichen Überleben, Verbringung und Kampf mit einer anschließenden mehrtägigen Gefechtsübung, die in einem Zuggefechtsschießen endete. Der Schwerpunkt lag im Schaffen von Grundlagen zum Überleben, unter arktischen Bedingungen, um diese Grundlagen mit dem Gefechtsdienst zu verbinden.

Überleben bei arktischen Bedingungen

Ein Übungsteilnehmer beim Bau einer Feldunterkunft. (Bundeswehr / Neumann)

Der Schwerpunkt bei der Überlebensausbildung ist der Abschnitt Leben im Felde. Im Biwak-Bereich erstellen die Auszubildenden ihre Unterkünfte für die bevorstehenden Nächte. „Die Soldaten bauen Notunterkünfte aus Hilfsmitteln, aus allem, was sie in der Natur finden oder dabeihaben“, erklärt Hauptfeldwebel Alexander S. Handwerkliches Geschick und Fantasie sind von Vorteil. Aus Ästen, Zweigen und Schnüren fertigen die Gebirgsjäger ein Gerüst. Darüber spannen sie Planen. „Die Besonderheit hier in Norwegen ist, dass die Unterkunft nicht wie in den Alpen aus Schnee gebaut werden kann. Wegen der extremen Kälte ist der Schnee zu locker und kann nicht komprimiert werden“, erklärt der Hauptfeldwebel den Nachteil des Pulverschnees. Darüber hinaus gelten besondere Regeln zur Sicherung eines verschneiten Bereiches gegen feindliche Aufklärung.

Verbringung – Der Eissprung

Zum weiten Ausbildungsabschnitt Verbringen gehören die Teilabschnitte Orientierungsmärsche, der Eissprung, das Skijöring (dabei werden Soldaten hinter einem Gefechtsfahrzug auf Skiern gezogen) und das behelfsmäßige Bergen von Fahrzeugen.

„Im Winter werden zugefrorene Gewässer für Marschbewegungen genutzt“, erläutert Hauptmann Niels D. Um für ein mögliches Einbrechen auf dem gefrorenen Gewässer vorbereitet zu sein, wird die Selbstrettung mit Hilfe der Skistöcke trainiert. Aus Sicherheitsgründen wird ein Seil um die Hüfte gelegt. Darüber hinaus werden alle Auszubildenden vorab medizinisch untersucht. Auch Sanitäter und ein Arzt sind vor Ort. In den Händen halten die Protagonisten ihre Skistöcke, mit Hilfe derer sie sich aus dem Wasser ziehen.

Der Eissprung ist für die überwiegende Mehrzahl der Auszubildenden eine Erstausbildung. Die Ausbildung wurde wie folgt durchgeführt: Rucksack ablegen und vor an die Wartelinie, dann das Kommando „der Nächste“. Die Übungsteilnehmer kämpfen sich durch Schnee und Eismatsch vor zu einer Absperrung. Dort wartet ein Ausbilder mit einem Seil. Er gibt letzte Anweisungen: „Vor bis an die Kante und mit einem Ausfallschritt ins Wasser“.

Ohne zu zögern, springen die Übungsteilnehmer in das drei mal drei Meter große Loch, schwimmen zur Kante, und rammen die Stöcke ins Eis, um sich schnellstmöglich aus dem kalten Wasser zu retten. Mit nasser Bekleidung laufen sie zurück zur Wartelinie. „Ab in den Schnee und wälzen“, tönt es von einem Ausbilder. Dieser Abschnitt dient nicht der Abhärtung. Vielmehr ist es wichtig, dass sich die Soldaten im Schnee wälzen, um die Feuchtigkeit zu binden.

Die Fähigkeit zum Kampf unter Beweis gestellt

Das Ausbildungsziel, im Kampf unter diesen extremen Bedingungen erfolgreich zu bestehen, wurde erreicht. Anhand der Gefechtsübung wird nachfolgend dargestellt, wie dies gelang.

Mit einer Leuchtpatrone wird das Vorfeld beleuchtet. Ein Soldat bekämpft feindliche Kräfte mit einer Granatpistole. (Bundeswehr / Neumann)

Die Übungstruppe befindet sich im Verfügungsraum. Sie sind Teil der eigenen Bataillonsreserve. Dann kommt die Meldung, „feindliche Luftfahrzeuge von Nordost aufgeklärt, vermutlich Luftlandung feindlicher Kräfte in Bataillonsstärke, Flankenbedrohung rechts“. Die Reserve wird aktiviert, um den Einbruch in die rechte Flanke zu verhindern. Die Gebirgsjäger haben nun den Auftrag, vorab in Richtung Norden aufzuklären und den Weg für die Folgekräfte gangbar zu machen. Der Hochgebirgsspähzug befand sich bereits auf dem Marsch. Doch jetzt liegt der Schwerpunkt bei dem plötzlich auftretenden Feind aus Nordosten und die Truppe muss nun mit allen Kräften in Richtung der vermuteten Luftlandung aufklären. Mit schwerem Gepäck machen sich die „Jager“ auf den Weg. Es muss sich orientiert, ein Gewässer überquert und ein Biwak-Platz für die Nacht eingerichtet werden. Temperaturen von minus 20 Grad, eingeschränkte Lichtverhältnisse und wechselnde Windstärken verlangen den Übungsteilnehmern alles ab. Sie bilden die vordersten Kräfte und müssen stets mit Feindkontakt rechnen, dementsprechend konzentriert ist ihr Vorgehen. Nach zweieinhalb Tagen und einer Wegstrecke von 20 Kilometern ist es so weit. Schwacher Feind wurde aufgeklärt, vermutlich feindliche Aufklärung. Der Entschluss lautet „Angriff und schwachen Feind vernichten“. Mit der Leuchtbüchse wird das Vorfeld beleuchtet. Unter dem flackernden Licht einer Leuchtpatrone setzen die Gebirgsjäger zum Angriff an. Immer wieder schießt die Leuchtbüchse und ein heller Feuerball macht die Nacht zum Tag. Der Zugführer führt das Gefecht und befiehlt seinen Soldaten: „Erste Gruppe bindet Feind, zweite und dritte wirft Feind linksumfassend“. Der Feind wurde vernichtet, die Leuchtbüchse schweigt und es kommt die Meldung über Funk: „Übungsende – Übungsende“. Dieser letzte Abschnitt im scharfen Schuss beendet die dreiwöchige Übung Eiskristall.

Die Schilderungen der Gefechtsübung zeigen, dass die Ausbildungsinhalte (Überleben, Verbringen und Kampf) mit einander verschmelzen und auf einander aufbauen.

Zusammenfassung und Ausblick

Der methodische Aufbau der Ausbildung in den drei Themengebieten hat sich bewährt und wurde in Form einer Standard Operation Procedure (SOP) „Einsatz unter extremen Klimabedingungen (Kalt)“ im Laufe der Übung verschriftlicht.

Diese SOP bildet die Grundlage, um im Bereich der GebJgBrig 23 eine einheitliche und methodisch sinnvolle Ausbildung für den Einsatz unter extrem kalten Klimabedingungen zu gewährleisten.

Autorenteam: Stab Gebirgsjägerbrigade 23