Unser Gastautor Jörg Thadeusz hat einen Antrag gestellt, um sich als Reservist bei der Bundeswehr melden zu können. In diesem Text erklärt er seine persönliche Zeitenwende.

Meine persönliche Zeitenwende hieß Udo. Der Mann hat mich nach der Schule in einen weiteren Ernst des Lebens eingewiesen. Er zeigte mir die Beißkeile, die Absaugschläuche und die Amputatsbeutel, die zu meinem Alltag als Zivildienstleistender im Rettungsdienst gehören würden. Viel später fiel mir auf, was sich an meinem Dienst von dem unterschied, den Schulkameraden bei der Bundeswehr leisteten. Die übten, wir lebten den Ernstfall. Die Menschen, die uns gerufen hatten, bluteten in echt. Die Herzinfarkte waren genauso real wie die Schreie derjenigen, die sich bei einem Grillunfall verbrannten. Manche waren echt tot.

Journalist Thadeusz: „Wir haben das persönliche Risiko der Soldatinnen und Soldaten immer wieder ignoriert.“ Foto: privat

Ich habe damals selbstverständlich nicht benennen können, was sich an mir veränderte. Aber es geschah. Der eben noch oberschlaue Gymnasiast war plötzlich überfragt und gefordert. Ich musste mich zusammenreißen, nicht die Nerven verlieren. Tun, was ich gelernt hatte. Improvisieren, wenn sich etwas ereignete, auf das mich niemand hatte vorbereiten können. Zuallererst für den Menschen, der sich auf unsere Hilfe verlassen können sollte. Aber auch für Udo. Oder Max. Oder Roland. Oder Willi. Fast alle ehemalige Zeitsoldaten der Bundeswehr, meistens aus dem Sanitätsbereich.

Diese Männer kannten etwas, was wir damals nicht mit dem passenden Wort benannt haben. Denn für uns gehörte „Kameradschaft“ in die Schmuddelrucksäcke, die unsere Wehrmachts-Großväter für immer unsichtbar auf dem Rücken trugen. Udo oder Max oder Roland oder Willi waren aber mehr als Arbeitskollegen.

Bundeswehr? Viele junge Männer sagten: lieber nicht

Die ehemaligen Soldaten veränderten mein Bild der Bundeswehr. Aha, wohl doch nicht alles fiebrige Kommissköpfe, die ein Rückspiel in Stalingrad im Schilde führen. In der Rückschau lassen es Politiker und Journalisten gerne so aussehen, als hätten sich Ende der 1980er-Jahre sorgfältig argumentierende Denkschulen gegenübergestanden. Hier die Friedensfreunde mit den Gewissensgründen, die im Alltag viel Mahatma Gandhi zitierten. Dort die Systemkonformen, die sich zuerst einen Helm aufsetzten und sich dann bald eine Junge-Union-Mitgliedschaft zuzogen.

Dabei waren wir nur junge Leute und dementsprechend konfus. Bundeswehr? Immer nass, immer draußen und sich anschreien lassen, damit uns am Ende irgendein steinalter Knochen aus Moskau doch mit seinen Nuklearraketen pulverisiert? Auf diese Frage gaben viele junge Männer die Antwort: lieber nicht.

Damals konnte und wollte ich mir einen hohen Bundeswehroffizier nicht als einen wägenden und konzilianten Intellektuellen vorstellen. Persönlichkeiten wie den Generalinspekteur Carsten Breuer oder Generalleutnant André Bodemann habe ich viel später im Leben getroffen. Die nicht nur argumentativ, sondern auch mit ihrem vornehmen Stil diejenigen überragen, die ihnen spuckefeucht „Kriegstreiber“ entgegenbrüllen.

Wohlstandsnaturen, die über „diese Zeiten“ jammern

Als Mensch im sechsten Lebensjahrzehnt erwarte ich von mir, dass mich mehr steuert als der naheliegende Affekt. Ich gehöre zu einer Generation von Menschen, die unter prächtigen Bedingungen älter werden durfte. Auf keinen Menschen, mit dem ich Weihnachten feiere, ist jemals geschossen worden. Mein israelischer Bekannter Dror in Tel Aviv musste ein lange im Voraus gebuchtes Cocktailseminar in den Luftschutzkeller verlegen. Bombardierungen durch Todfeinde kennt keiner meiner deutschen Freunde. Die wissen dafür theoretisch besser, wie die Israelis mit diesen Todfeinden klarkommen sollten.

Wir Medienmenschen haben immer wieder ignoriert, welches persönliche Risiko Soldatinnen und Soldaten eingegangen sind. Im Kosovo, in Mali, selbstverständlich in Afghanistan. Wir haben diejenigen, die ihr Leben im parlamentarischen Auftrag geben würden, damit beschieden, sie hätten sich ja auch einen anderen Beruf aussuchen können. Ich höre immer wieder, wie alle möglichen Wohlstandsnaturen über „diese Zeiten“ jammern, die ihnen angeblich schlimm zusetzen. So viele schlechte Nachrichten, als wäre es in der „Tagesschau“ in einem unbestimmten „Früher“ immer nur um Prilblumen gegangen.

Es gibt viel Wertvolles zu verteidigen

Mit Udo oder Max oder Roland oder Willi habe ich mich damals in Situationen wiedergefunden, die mindestens unübersichtlich waren. Zu viel für uns, auf den ersten Blick. Hilflosigkeit kam aber eben nicht in Frage. Wegen dieser Einstellung konnten selbst wir abgebrochenen Gestalten oft die Rettung sein. Wahrscheinlich wird sich das Erschrecken in Moskau in Grenzen halten. Aber ich habe meine Kriegsdienstverweigerung bereits zurückgezogen und ich werde zufrieden sein, wenn ich wirklich die Uniform eines Heimatschutzsoldaten anziehen darf.

Ich bin sicher, ich werde dort Leute wie Udo oder Max oder Roland oder Willi treffen. Leute, die unsere Art zu leben genießen und schätzen. Denen ihre Freiheit viel zu wichtig ist, als dass sie die Feinde unserer Lebensart als unabwendbares Schicksal akzeptieren könnten. Es gibt viel Wertvolles zu verteidigen. Damit ich begreife, wie sehr das auch meine Aufgabe ist, brauchte es eine persönliche Zeitenwende.

Jörg Thadeusz ist Journalist, Hörfunk- und Fernsehmoderator