Fu Wanjuan von der chinesischen Universität der Verteidigungstechnologie hat in einem offiziellen Grundsatzkommentar die langfristige Militärstrategie Chinas bis zur Mitte des Jahrhunderts konkretisiert. Das Ziel ist der Aufbau eines „Weltklasse-Militärs“, das sich explizit an der stärksten Militärmacht der Welt – den USA – messen müsse. Diese Doktrin formuliert nicht nur den technologischen Ehrgeiz Chinas, sondern rahmt auch die jüngsten militärischen Entwicklungen und Manöver in einen größeren strategischen Kontext.

Umfassende Überlegenheit bis 2049
Ein am Donnerstag in der „People’s Daily“, dem offiziellen Sprachrohr der Kommunistischen Partei, veröffentlichter Kommentar legt die Vision von Präsident Xi Jinping für die Volksbefreiungsarmee (PLA) detailliert dar. Demnach bedeutet „Weltklasse“ nicht nur eine Überlegenheit bei Waffensystemen und Ausrüstung, sondern auch in den Bereichen Militärtheorie, Personalentwicklung und Ausbildungsqualität. Das Ziel sei es, so der Artikel, „auf Augenhöhe mit den Weltmächten zu stehen und sich im internationalen Wettbewerb durchzusetzen“.
Die chinesische Militärführung wird angewiesen, ausländische Streitkräfte, besonders die USA, als Maßstab zu nehmen. Ein solches Militär müsse Chinas Status als globale Macht entsprechen und die nationale Sicherheit umfassend schützen können. Die Doktrin setzt klare Zeitmarken: bis 2027, dem hundertjährigen Bestehen der PLA, soll ein erster Meilenstein erreicht werden. Bis 2035 ist eine „grundlegende Modernisierung“ avisiert, bevor bis 2049 der Status eines „Weltklasse-Militärs“ erreicht sein soll.
Technologischer Sprung durch „Informatisierung“
Ein Kernpunkt der Strategie ist die von Xi Jinping neu definierte Triade der „integrierten Entwicklung von Mechanisierung, Informatisierung und Intelligenzsteigerung“. Damit reagiert China auf die Ära der intelligenten Kriegsführung, die von Künstlicher Intelligenz, maschinellem Lernen und Cloud-Computing geprägt ist.
Dabei müsse die PLA eine pragmatische Strategie für die Umsetzung dieser Triade anwenden. Besonders Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz erfordern eine nicht zu starre Herangehensweise.

Einordnung: aktuelle Manifestierung und Hindernisse
Diese neu formulierte Doktrin liefert verspätet den strategischen Überbau für die bereits seit Jahren zu beobachtenden Entwicklungen. Die Ambition, technologisch und operativ zur Weltspitze aufzuschließen, manifestiert sich in konkreten Projekten und Handlungen, über die die ES&T bereits ausführlich berichtete. Darunter die Entwicklung von Kampfflugzeugen der sechsten Generation wie der „J-36“mit ihrem unkonventionellen dreistrahligen Antrieb, die erstmalige Durchführung von Operationen mit zwei Flugzeugträgergruppen im Pazifik oder Chinas ausgeprägte Drohnenstrategie.
Der im „People’s Daily“ veröffentlichte Kommentar ist eine Handlungsanweisung, deren Umsetzung die strategische Konkurrenz, insbesondere mit den USA, weiter prägen und die Spannungen im Indopazifik auf absehbare Zeit hochhalten wird. Ob Peking jedoch das aktuelle Momentum seiner Innovation und Investition in die Fähigkeitssteigerung der People‘s Liberation Army beibehalten kann, bleibt fraglich. Auch die im Gegensatz zu den USA fehlende Kampferfahrung der in den letzten Jahren oft als „Papiertiger“ beschriebenen, chinesischen Streitkräften ist ein entscheidender Faktor im strategischen Wettstreit der beiden Supermächte. Trotzdem sollten die chinesischen Ambitionen mehr als ernst genommen werden, vor allem von den Anrainerstaaten im Südchinesischen Meer.
Jannis Düngemann


















