In Deutschland herrscht derzeit großes Interesse an Rüstungsaufträgen – auch bei Firmen, die damit bis zum russischen Angriff auf die Ukraine nichts zu tun hatten. „An allen Ecken und Enden melden sich momentan Unternehmen, die gerne bei der Abarbeitung der Rüstungsaufträge mithelfen wollen“, sagte Hans Christoph Atzpodien, Chef des Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV), dem Portal „Web.de News“. Hintergrund dafür sei, dass es in vielen anderen Branchen „einen Rückgang der Auslastung, zum Beispiel bei der Automobilzulieferindustrie“ gebe.

Das schafft Atzpodien zufolge Kapazitäten bei den Firmen, um bei der Aufrüstung mitzuhelfen. „Übrigens tun sie das nicht nur, weil sie ein gutes Geschäft wittern, sondern auch, weil sie in der aktuellen Situation etwas für unser Land tun wollen“, zeigte er sich überzeugt. „Wie schwierig oder leicht das im Einzelfall ist, hängt davon ab, von welchem Level die Unternehmen kommen.“

Notwendig seien auch Anpassungsprozesse, etwa mit Blick auf die Qualifizierung von Facharbeitern und den Umbau von Produktionsanlagen. „Es gibt auch Grenzen dessen, was an einem Band, das für Autoteile verwendet wurde, überhaupt hergestellt werden kann. Aber wir reden über hoch entwickelte Unternehmen und Facharbeiter. Da lässt sich eine Menge machen.“

„Rüstungsunternehmen sind ins Risiko gegangen“

Die deutsche Politik habe laut dem BDSV-Hauptgeschäftsführer inzwischen größtenteils die Voraussetzungen geschaffen, damit die Rüstungsindustrie liefern könne. So würden durch die Reform der Schuldenbremse, „die notwendigen Finanzmittel zur Ausrüstung der Bundeswehr mobilisiert werden können“. Auch habe es zuletzt Erleichterungen bei der Beschaffung von militärischem Material „und auch für uns als Industrie“ gegeben.

„Was es jetzt noch braucht, ist eine klare Ansage bezüglich der Bedarfe“, forderte Atzpodien. Die Industrie müsse wissen: „Wer kauft welches Produkt in welcher Stückzahl? Und zwar möglichst aggregiert über ganz Europa hinweg.“ Nur so könne man planen, „welche industriellen Kapazitäten wir jetzt aufbauen müssen“.

Schon seit Beginn der russischen Aggression in der Ukraine seien viele Rüstungsunternehmen ins Risiko gegangen. „Die Industrie weiß beispielsweise, dass im großen Stil Munition gebraucht wird und hat die Kapazitäten dafür aufgebaut. Aber das geht nur in gewissen wirtschaftlich vertretbaren Grenzen.“

Atzpodien rechtfertigt hohe Militärausgaben

Atzpodien beklagte Reglementierungen im Rüstungsmarkt. „Wir dürfen quasi nichts produzieren, wofür wir vom Staat keine Genehmigung erhalten“, sagte der BDSV-Chef. „Da kann man nicht erwarten, dass wir endlos in Vorleistung gehen. Es gibt schließlich auch noch ein öffentliches Vergaberecht.“

Atzpodien rechtfertigte die Militärausgaben mit dem Bruch der europäischen Friedensordnung. „Wir sind zurück in einer Situation, wo international das Recht des Stärkeren gilt“, sagt er. „Wenn wir unsere Abschreckungsfähigkeit nicht schnell erhöhen, laufen wir in das Risiko, dass ein Angriff auf die NATO wahrscheinlicher wird. Deswegen müssen wir jetzt schnell die Rüstungsgüter beschaffen, die die Bundeswehr braucht, um abschreckungsfähig sein zu können.“ Weil Deutschland in den Jahren 2010 bis 2021 viel zu wenig für die Ausrüstung der Soldatinnen und Soldaten getan habe, sei der Nachholbedarf immer noch groß.

jf