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Das Verteidigungsministerium und das Parlament haben mit Erstellung und Billigung der beiden sogenannten 25-Mio-Euro-Vorlagen für die Beschaffung des Luftverteidigungssystems Iris-T SLM sowie des Raketenabwehrsystems Arrow 3 gezeigt, dass sie Schwächen der Bundeswehr erkennen und in der Lage sind, schnell und unkonventionell zu handeln. So soll den Planungen zufolge bereits 2024 die erste Iris-T SLM zulaufen – was militärische Beschaffungen angeht, handelt es sich geradezu um Lichtgeschwindigkeit.

Endlich wurden in kurzer Zeit zwei wichtige Ausrüstungsprogramme gestartet. Bemerkenswert dabei ist, dass nicht auf die Fertigentwicklung einer umfassenden Luftverteidigungslösung gewartet wird, die alle Eventualitäten berücksichtigt und entsprechend sperrig und teuer in der Umsetzung ist.

So sollte die Iris-T SLM ursprünglich erst in das Luftverteidigungsprojekt Nah- und Nächstbereichsschutz (NNbS) eingebettet werden. Dies wird jedoch erst zum Ende dieser Dekade umgesetzt. Für den weiteren Fortgang von NNbS gibt es vermutlich erst im Lauf dieses Jahres eine Entscheidung, während der Iris-T-Hersteller Diehl dann schon längst in die Produktion eingestiegen ist.

Mit der Iris-T SLM wird ein System beschafft, das bereits im Ukraine-Krieg seine große Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt hat. Es kann dann später in NNbS eingebunden werden, um die mittlere Reichweite abzudecken. Für diese nachträgliche Integration werden schon jetzt die entsprechenden Vorbereitungen getroffen.

Am Beispiel des Luftverteidigungssystems wird gleichzeitig deutlich, welche Bedeutung der Export für die deutsche Rüstungsindustrie hat: Nur weil ein ausländischer Kunde den Auftrag zur Entwicklung des Gesamtsystems erteilte, konnten die beteiligten Unternehmen Diehl, Hensoldt, Airbus Defence & Space, Rohde & Schwarz die einzelnen Komponenten zu einer Weltklasse-Lösung zusammenfügen. Das heißt mit anderen Worten: Ein Exportkunde sorgt nicht nur dafür, bestehende Produktionskapazitäten auszulasten und Skaleneffekte zu erzielen, wie das in der Vergangenheit oft der Fall war. Der Abnehmer im Ausland finanziert überhaupt erst die Entwicklung des gesamten Systems. Dabei erstaunt, dass es sich um ein Land südlich des Mittelmeeres handelt, das über deutlich geringere Finanzmittel als das vergleichsweise reiche Deutschland verfügt.

Hätten die Industriepartner dagegen auf einen Bundeswehr-Auftrag gewartet, würde vermutlich noch immer die Studienphase laufen. Die Ukraine wäre wesentliche schlechter gegen die russischen Luftangriffe geschützt und Deutschland würde vermutlich „Off the Shelf“-Lösungen im Ausland mit geringerer Leistungsfähigkeit einkaufen. Wobei sich die Bundeswehr dann in die Schlange der Kunden hinten einreihen müsste.

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Neben Politik und Ministerium hat sich auch die Luftwaffe schnell an die neue Lage angepasst. So werden die Mantis-Systeme zum Schutz von stationären Einrichtungen an die Slowakei abgegeben und die freiwerdenden Dienstposten für die Aufstellung der neuen Iris-T-Einheiten genutzt.

Bemerkenswert ist überdies, dass sich das Verteidigungsministerium für den Aufbau einer neuen Fähigkeit, nämlich der Raketenabwehr außerhalb der Atmosphäre, entschieden hat und dazu in Israel das Arrow-3-System einkauft. Auch hier ist die Umsetzungsgeschwindigkeit für eine Anfangsbefähigung im Jahr 2025 geradezu atemberaubend und ein positives Signal hinsichtlich der engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Israel und Deutschland.

Jetzt bleibt abzuwarten, ob Deutschland auch ohne ein in alle Verästelungen ausdiskutiertes Vorab-Konzept in der Lage sein wird, die beiden neuen Luftverteidigungssysteme mit den vorhandenen Patriot-Einheiten NATO-konform zu verknüpfen.

Grundsätzlich bleibt zu hoffen, dass die schnelle Projektumsetzung bei der Luftverteidigung als Blaupause für andere Rüstungsvorhaben genutzt wird.

Lars Hoffmann ist Chefredakteur der Zeitschrift Europäische Sicherheit & Technik