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Das U.S. Marine Corps (USMC) beabsichtigt tiefgreifende Strukturänderungen, um sich für mögliche Herausforderungen der 2030er Jahre zu wappnen. Einem Bericht des Wallstreet Journals nach, liegt der Fokus der Anpassungen in potentiellen Konfliktszenarien mit der Volksrepublik China im west-pazifischen Raum. Das USMC beabsichtigt sich zukünftig aller Kampfpanzer zu entledigen, die meisten Artilleriebatterien auflösen und sich ganz dem Kampf von Insel zur Insel, mittels einer leichten Mobilität, zu verschreiben. Operationen rund um Inselketten sollen in zahlenmäßig beschränkten und infanteristisch kämpfenden Kampfgruppen (50 bis 100 Marines) unterstützt durch unbemannten Systemen und mobilen Anti-Schiffsraketen erfolgen.

Der Zehnjahresplan zur Erneuerung des USMC, von dem erwartet wird, dass er noch in dieser Woche vorgestellt werden soll, folgt jahrelangen, als geheim eingestufte, Simulationsstudien. Diese hätten gezeigt, dass Chinas Raketen- und Seestreitkräfte die militärische Überlegenheit der US-Streitkräfte in der west-pazifischen Region untergraben.

Das Marine Corps ist derzeit nicht für die Anforderungen der aktuellen Nationalen Verteidigungsstrategie optimal aufgestellt, so General David Berger, amtierender Kommandeur des U.S. Marine Corps. Bei der Neuausrichtung wurden als Eckpunkte die Beiträge des U.S. Marine Corps zur Seekriegsführung und zu teilstreitkraftübergreifenden Operationen festgelegt. Auch sollten die neusten Technologien einbezogen werden. Dies alles führt nun zu wesentlichen Änderungen in der Struktur.

Schon früh wies General Berger darauf hin, dass das USMC einige seiner Fähigkeiten aufgeben werden muss, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Dabei handelt es sich vor allem um die schweren Komponenten. Die Zukunft benötigte kleine und leichte Einheiten, die ständig in der Bewegung sind, so der Kommandeur in früheren Aussagen. Einige alte Fähigkeiten wären auch zu kostenintensiv, um sie zu erhalten. Das USMC muss in neue Fähigkeiten investieren, und dass bei gleichbleibenden oder sinkenden Budgets, so der General weiter. Daher werden in den Bereichen schwere Bodentruppen sowie Luftstreitkräfte die größten Einsparungen erfolgen.

Das USMC beabsichtigt dem Vernehmen nach bis 2030 unter Anderem alle Bataillone der Militärpolizei, alle Panzerkräfte sowie Brückenlegekompanien aufzulösen. Zusätzlich werden die Infanteriebataillone von 24 auf 21, die Artilleriekanonenbatterien von 21 auf fünf sowie die amphibischen Fahrzeugkompanien von sechs auf vier reduziert. Weitere Reduzierungen treffen die Kräfte der Kipprotor-Wandelflugzeuge (Bell/Boeing V-22 Osprey), die Kampfhubschrauber sowie die schweren Transporthubschrauber Geschwader.

Obwohl derzeit noch in der Einführung sollen auch die Staffeln der Lockheed Martin F-35B (STOVL, Kurzstart und senkrechte Landung mit Hubtriebwerk von Rolls Royce) und F-35C (Variante für den Einsatz auf Flugzeugträgern) ebenfalls verkleinert werden. Jede Staffel soll dem Bericht zur Folge zehn anstelle von bisher geplanten 16 Flugzeugen aufweisen. Zusätzlich sollen das Marine Medium Tiltrotor Squadron 264, das Marine Heavy Helicopter Squadron 462, das Marine Light Attack Helicopter Squadron 469, die Marine Wing Support Groups 27 und 37, die 8. Marine Regiment Headquarters Company sowie das 3. Bataillon des 8. Marines Regiment komplett deaktiviert werden.

Zehnjahresplan des U.S. Marine Coprs

  2020 2030
Unbemannte fliegende Systeme (Geschwader) 3 6
Lufttransport mittels C-130 (Geschwader) 3 4
Kampfflugzeuge (Geschwader) 18 18
Tilt-Rotor (Geschwader) 17 14
Kampfhubschrauber (Geschwader) 7 5
Schwerlasttransporthubschrauber (Geschwader) 8 5
Raketenartillerie (Batterien) 7 21
Kanonenartillerie (Batterien) 21 5
Kampfpanzer (Kompanien) 7 0
Brückenleger (Kompanien) 3 0
Infanterie (Bataillone) 24 21

Weniger Personal, neue Technik

Insgesamt wird das USMC bis 2030 rund 12.000 Soldaten, oder ca. sieben Prozent der gesamten Streitkräftestruktur abbauen. Dank der geringeren Personalkosten sollen dann Spielräume für Investitionen in neue Technologien eröffnet werden.

In den kommende zehn Jahren soll vor allem in die Bereiche weitreichendes Präzisionsfeuer mit großer, erweiterte Aufklärungsfähigkeiten, unbemannte Systeme und belastbare IT-Netzwerke investiert werden. Viele Fähigkeiten und Funktionen sollen dann unbemannt erfolgen, hier verspricht das USMC der Industrie die besten Einnahmemöglichkeiten bei zukünftigen Ausschreibungen.

Im Mittelpunkt aller Bemühungen steht die III Marine Expeditionary Force (MEF). Major Joshua Benson, Sprecher des USMC Combat Development Command gab dazu in der amerikanischen Fachpresse folgendes zu Protokoll: “Das USMC wird über drei Marine Littoral Regiments (MLRs) verfügen, die dann gänzlich trainiert und ausgerüstet sind, um Sea Denial und Sea Control Operationen durchführen zu können.

Diese pazifische Ausrichtung wird durch drei weltweit einsetzbare Marine Expeditionary Units (MEUs) ergänzt, die sowohl über traditionelle als auch über Expeditionary Advanced Base-Funktionen verfügen und mit nicht standardmäßigen Amphibious Ready Groups eingesetzt werden können. I MEF und II MEF werden Kräfte generieren, die die MLRs und die MEUs unterstützen, und gleichzeitig in der Lage sein, ihre Kräfte gegen andere Herausforderungen auf der ganzen Welt einzusetzen.“ Unbemannte Systeme werden dabei die Art ändern, wie das USMC kämpft. Sie werden im Nachschub auf See oder am Strand, zur Generierung eines besseren Lagebildes, in der Verteidigung oder Angriff eingesetzt werden, oder als Köder dienen. Allein die Anzahl an Unmanned Aerial Systems (UAS) Staffeln soll sich bis 2030 verdoppeln. Unbemannte, bewaffnete Systeme sollen am Boden und in der Luft eingesetzt werden. Der Bereich der weitreichenden (Raketen) Artillerie soll um 300 Prozent gesteigert werden, und das obwohl die Artillerie gesamt extrem schrumpft. Außerdem soll sie in Zukunft auch Anti-Schiffsraketen verschießen können.

Schiffsseitig sollen neue mittelgroße amphibische Schiffe, Landungsboote sowie Versorgungsboote beschafft werden.

Der amphibische Kampf im Pazifik

Wenn eine militärische Konfrontation drohte, würden die Regimenter kleine Teams von Marines zerstreuen, die in schnellen Landungsbooten zu den kleinen Inseln eilen würden, die das Süd- und Ostchinesische Meer durchziehen, so General Berger im Wallstreet Journal. Unterstützt durch unbemannte Systeme (Land, Luft und See), würden die Marines chinesische Kriegsschiffe angreifen, bevor diese in den weiten Pazifischen Ozean eindringen können. Die durch die Marines generierten Zieldaten würden auch an die U.S. Air Force und die U.S. Navy weitergegeben werde, welche den Kampf der Marines mit den ihnen zur Verfügung stehenden weitreichenden Effektoren unterstützen würden. Um potentiellen Vergeltungsschlägen entgehen zu können, würden die Marines alle 48 bis 72 Stunden von Insel zu Insel “springen” und sich dabei auf eine neue Generation von amphibischen Schiffen verlassen, die auch ferngesteuert bedient werden könnten.

Die Simulationen zeigten, dass die neuen Fähigkeiten und Taktiken des USMC “eine Menge Probleme” für die chinesischen Streitkräfte schaffen würden. “Es ist sehr schwierig für sie, einer aufgelockerten Marineexpeditionstruppe entgegenzutreten, die klein und mobil ist, aber die Fähigkeit hat, die Hand auszustrecken und Sie ergreifen zu können”, so General Berger.

André Forkert