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ES&T: Schuberth hat sich insbesondere dem Kopfschutz verschrieben, welche Besonderheiten gibt es hierzu im Behördenbereich?

Milad Youkhanna ist Geschäftsbereichsleiter Behörden und Streitkräfte der Schuberth GmbH (Foto: Schuberth Gmbh)

Youkhanna: Grundsätzlich hat sich Schuberth in allen Bereichen von Anfang an der Innovation verschrieben. Während in vielen Nationen noch bis weit in die 80er Jahre der Stahlhelm das Bild der Polizei bei Demonstrationen prägte, entwickelte unser Unternehmen bereits in den 60er Jahren einen speziellen Schlagschutzhelm mit Visier und Nackenschutz. Seit 1968 ist Schuberth der Ordnungsdiensthelm Hersteller für die deutsche Polizei. Mit dem aktuellen Einsatzhelm P100N (siehe Titelbild) konnten wir an diese Erfolgsstory anknüpfen und diese sogar ausbauen. Als einziger Hersteller, der mit seinem Produkt die strenge Technische Richtlinie für Einsatzhelme von 2011 erfüllt, ist uns seit einigen Jahren auch ein beachtlicher Exporterfolg gelungen. Auf Grundlage dieses Helmes entwickeln wird das System Einsatzhelm Schritt für Schritt weiter. Neben zusätzlichen Features wie einem neuen Kinn- Zahnschutz zur Steigerung der Kommunikationsfähigkeit oder Abreißvisieren sind auch zukunftsrelevante Aspekte wie ein integrierter und modularer Laserschutz ein absolutes Schwerpunktthema.

ES&T: Was macht heute einen modernen Polizei- bzw. Militärhelm aus? Gibt es da Gemeinsamkeiten?

Youkhanna: Im ballistischen Bereich nähern sich die Lösungen an. Dabei verlangt der polizeiliche Bereich nach einer VPAM Zertifizierung. Dies ist übrigens kein rein westeuropäisches Phänomen mehr. Der Trend schwappt bereits über den Atlantik, wie die neusten Forderungen des FBI zeigen. Im militärischen Bereich ist der Splitterschutz immer noch ein signifikanter Aspekt auch wenn VPAM als Standard im Anforderungskatalog an Relevanz gewinnt. Sowohl polizeilich als auch militärisch wird die Montagemöglichkeit von Peripheriegeräten zunehmend wichtiger. Hier wird sich in Zukunft zeigen, welchen Energiebedarf diese Geräte haben werden, ob bestimmte Sichtachsen freizuhalten sind und wie das zusätzliche Gewicht durch die Innenausstattung kompensiert werden kann.

Eine der ersten firmeninternen Projektskizzen des IdZ ES Helmes von Schuberth aus dem Jahr 2000 (Skizze: Schuberth GmbH)

ES&T: Mit der zweiteiligen Lösung, den Schuberth für den IDZ-ES angeboten hat, habt ihr einen innovativen Gefechtshelm konstruiert der seiner Zeit voraus war. Wird das Konzept weiterverfolgt?

Youkhanna: Nein, der Trend geht eindeutig in eine andere Richtung. Zusatzpanzerungen sind heutzutage aus Plattenmaterial. Ein Weichballistikpaket verdeckt die Interfacemöglichkeiten für Peripheriegeräte und wird gemeinhin als zu voluminös betrachtet.

ES&T: Welche Trends im Bereich von Gefechtshelmen sind zu beobachten und welche Neuerungen kann man kurz-, mittel- und langfristig erwarten?

Youkhanna: Den Herausforderungen angepasste Materialkomposite sind sicherlich ein wichtiger Faktor. Die homogen aus nur einem Material bestehende Helmschale wird in manchen Bereichen verdrängt werden. Die ballistische Schale wird ebenfalls modular ausgestaltet sein. Bereits auf Nutzerbene kann so durch Zusatzelemente sowohl die ballistische Leistung als auch die Schutzfläche der Bedrohung angepasst werden. Ebenso ist eine variable, nach den Anforderungen der Nutzer gestaltete und individualisierbare Innenausstattung etwas, woran in Zukunft kein Anbieter vorbei kommen wird. Dies muss, wie bereits erwähnt, im Verbund mit der Integration der Peripheriegeräte erfolgen. Auch muss ein Interface zu den sich immer weiter entwickelnden CBRN Schutzmasken berücksichtig werden. Der Helm steht nicht mehr nur für sich. Er muss im System funktionieren, sich einfügen. Die ballistische Bedrohung zu mindern oder zu egalisieren ist natürlich weiterhin der Schwerpunkt, aber die Integration in das Ausrüstungsgefüge des Systems Soldat wird immer wichtiger.

ES&T: Schutz wird im „Strategiepapier der Bundesregierung zur Stärkung der Verteidigungsindustrie in Deutschland“ von 2015 als Schlüsseltechnologie definiert, welche national gefördert werden soll. Was heißt das für Schuberth in der Praxis? Gibt es Zugang zu F&T Mitteln für Forschung und Entwicklung neuer Schutztechnologien für den Kopf?

Youkhanna: Nein, solche Förderungen haben wir bis jetzt nicht erfahren.

Die Fragen stellte Waldemar Geiger