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Taktik bestimmt die Technik, nicht umgekehrt. Gleichwohl nimmt die Technisierung der Taktik stetig zu. Während sich bei Bekleidung und persönlicher Ausrüstung die Trends der letzten Jahre als Standards etablieren, fällt den Themen Robotik, Unbemannte Systeme und Ausbildung immer höhere Aufmerksamkeit zu. Beobachtungen von der diesjährigen 8. EnforceTac, der 3. U.T. Sec und der 46. IWA&Outdoor Classics in Nürnberg.

Hexonia-Einsatzkampfbekleidung im Bundeswehr-Multitarndruck (Fotos: Jan-Phillipp Weisswange)

Bei Bekleidung und Ausrüstung setzen sich die Standards Modularität, Miniaturisierung und Gewichtsersparnis, verbesserter Schutz und Ergonomie sowie Tarnung (einschließlich „taktischen Zivils“) weiter fort. Dabei verschwimmen mitunter die Grenzen zwischen taktischem Nutzen und tactical lifestyle. In Deutschland engagieren sich Dr. Florian Winkler (Phantom Leaf) und Matthias Bürgin (Concamo) auf dem Gebiet der Tarnmuster, so dass namhafte Hersteller und Händler wie MD Textil, Recon, Tacwrk, Tasmanian Tiger oder UfPro inzwischen Bekleidung und Ausrüstung in diesen Mustern anbieten. Daneben erlebt das klassische „Steingrau oliv“ gerade im polizeilichen Spezialeinheiten-Bereich wieder einen Aufschwung. Zu den weiteren „Hinguckern“ gerade in Deutschland zählt der bundeswehreigene Multitarndruck. W.L. Gore, Lindnerhof-Taktik und Hexonia zeigten Bekleidung und Ausrüstung in diesem Muster.

Kurzwaffen

Auffällig viel Bewegung gibt es im Kurzwaffensektor. So stehen Großprojekte an. Frankreich hat erst Anfang März eine neue Dienstpistole ausgeschrieben. In Deutschland erwartet die Industrie noch in diesem Jahr das Bundeswehr-Projekt „Pistole, querschnittlich“. Zudem steht ein „System Pistole Spezialkräfte“ in Rede, welche sich im Hinblick auf höhere Magazinkapazitäten oder Zurüstmöglichkeiten von Optiken und Schalldämpfern von dem Standard-Projekt unterscheidet.

Erstmals in Deutschland war auf der EnforceTac die neue kompakte U.S. Army-Standardpistole M18 von SIG Sauer zu sehen. Zu den weiteren „Hinguckern“ im Behördensektor zählten eine Studie einer SFP9 in Spezialkräfteausführung bei Heckler & Koch, die neuen Steyr-Pistolenmodelle A2, die Multikaliberpistole PSD von FK Brno, die neue CZ P-10 F (Full Size), eine Spezialkräfteversion der neuen Lauco Arms Alien aus Tschechien sowie die Glock 46. Diese verfügt über ein neues Drehlaufverschlusssystem. Diese Konstruktion ermöglicht es, dass sich die Waffe ohne Betätigung des Abzugs entspannen und zerlegen lässt – eine zentrale Vorgabe der deutschen Technischen Richtlinie für Polizeipistolen. Immerhin konnte sich die Glock 46 damit als neue Dienstpistole der Polizei Sachsen-Anhalt durchsetzen. Die B&T AG aus der Schweiz zeigte als Messeneuheit ihren Umrüstsatz USW-G17, mit dem der Schütze seine Glock 17 oder 19 sowohl als Pistole als auch mit Anschlagschaft nutzen kann.

Die Glock 46 lässt sich von der Größe her mit einer Glock 19 Gen5 vergleichen (Foto:Fotos: Jan-P. Weisswange)

Langwaffen

Das Kaliber .300 Blackout scheint – mit etwas Verspätung – jetzt in Europa Fuß zu fassen. Steyr Arms (vormals Steyr Mannlicher) zeigte die neueste Variante seines Armee Universal-Gewehrs (AUG) in diesem Kaliber. Die modernisierte Bullpup-Waffe befindet sich dem Vernehmen nach bei den österreichischen Spezialeinheiten Cobra und WEGA bereits im Dienst. FN Herstal stellte seine subkompakte Mitteldistanzwaffe FN SCAR-SC offiziell zur Enforcetac in .300 vor. Sie zielt unter anderem auf ein Beschaffungsprojekt der belgischen Bundespolizei, die 1.500 solcher Waffen beschaffen will. Die Suhler Firma C. G. Haenel arbeitet ebenso an einem neuen Mitglied seiner CR-Familie in diesem Kaliber. Ein Prototyp dieses CR300 war am EnforceTac-Stand ausgestellt. SIG Sauer und B&T hingegen zählen schon länger zu den Lieferanten von 300er-Gewehrsystemen.

C. G. Haenel CR300 mit 10.5“-Lauf und Leupold 1,5-5 x 24 und DP Pro-Optikpaket
HK433 Prototyp-Status 5 mit 11“-Lauf in sandbraun (RAL8031)

In den „klassischen Kaliberklassen“ zeigte FN Herstal beispielsweise die durch die Polizei Bayern als Mitteldistanzwaffe beschaffte halbautomatische Variante des FN SCAR-L in 5,56 x 45 mm. Corvus Defensio stellte ein AUG in der Version vor, wie es die österreichische Polizei derzeit erhält. So verfügen diese Waffen serienmäßig über ein Aimpoint-Visier und einige Anbauteile des österreichischen AUG-Tuningspezialisten.

Heckler & Koch zeigte verschiedene Ausführungen des HK433-Prototypenstatus 5: einmal in schwarz mit 14.5“-Lauf und einmal in dem Farbton „sandbraun“ RAL8031 mit kurzem 11“-Lauf. Ebenso war das HK416A7 in der Konfiguration „Sturmgewehr Spezialkräfte“ (G95K) am Messestand. Es gilt als wahrscheinlich, dass sich HK433 und HK416 sowie der Maschinenkarabiner MK556 aus dem Hause C.G. Haenel derzeit im Rennen um das neue „System Sturmgewehr Bundeswehr“ befinden. Allerdings hüllen sich aufgrund der laufenden Ausschreibung sowohl die Vertreter der Industrie als auch die der Streitkräfte verständlicherweise in Schweigen.

Doch nicht nur Langwaffen für die „Linie“ stehen im Fokus der militärischen und polizeilichen Beschaffer. Das Spektrum reicht von leicht zu verbergenden ultrakompakten Maschinenpistolen bzw. Sturmgewehren für schnelle Feuerüberlegenheit („Bailout Guns“) über schallgedämpfte Spezialwaffen bis hin zu verschiedenen Präzisionsgewehren einschließlich eigens entwickelter Munition. Kein Wunder also, dass etliche im europäischen Behördenbereich nicht stark vertretene Anbieter ihre Produkte vorstellten: IWI, MTAN (aus Israel, Import: Messer Waffenhandel), MKEK oder Taurus, um nur einige wenige zu nennen.

Das derzeit in den USA angestoßene Vorhaben einer neuen Handwaffengeneration spielte zumindest in Nürnberg allenfalls bei Flurgesprächen eine Rolle. So planen die US-Streitkräfte eine neue Infanteriewaffengeneration in einem neuen 6,8er-Kaliber. Bei diesem „Next Generation Squad Weapon“-Projekt ist jedoch nur das Geschoss vorgegeben. Die interessierten und für den Wettbewerb ausgewählten Unternehmen sollen Waffen und passende Laborierungen entwickeln. Dass bis dahin noch eine Menge Wasser den Potomac herunterfließen dürfte, erscheint klar. Dass lässt sich nicht zuletzt aus den Ersatzbeschaffungen für M4-Sturmgewehre schließen: Bis 2024 sollen über 450.000 Stück in die Army-Arsenale kommen.

Optiken

Die Next Generation Squad Weapon umfasst auch eine neuartige intelligente Optik mit integriertem Laserentfernungsmesser und Ballistikrechner. Steiner hat beispielsweise mit dem Intelligent Combat Sight so etwas bereits im Angebot. Die israelische Firma Meprolight stellte mit dem Foresight eine Lösung vor, die verschieden Absehen bereitstellen kann und einen digitalen Justiermodus sowie einen integrierten Kompass aufweist. Es steht außer Zweifel, dass an ähnlichen Optiken gearbeitet wird.

Überhaupt gehören zu den sich rasant fortentwickelnden Standards im Felde der Optik- und Optronik-Miniaturisierung, Gewichtsersparnis, geringerer Energieverbrauch bei höherer Leistung sowie die Möglichkeit der Vernetzung. Dazu kommt die Verfügbarkeit. Immer mehr Anbieter erweitern ihr Portfolio um Optiken, wie zuletzt die Krefelder Firma Schmeisser mit den Falke-Visieren. Diesen Systemhausanspruch verfolgen auch andere Hersteller wie etwa SIG Sauer oder DND, die zu ihren Waffen ebenfalls passende Optik anbieten.

Wirkmittel

Ein deutscher Polizeivollzugsbeamter führt im Streifendienst oft den Einsatzstock, kurz, ausziehbar (EKA), Lampe und Pfefferspray mit sich. Ein Frankfurter Kollege hat mit der „Multibridge“ eine durchdachte Vorrichtung entwickelt, um alle Elemente mit einer Hand nutzen zu können. Diese „Multibridge“ stellte Bonowi als Messeneuheit vor.

Distanz-Wirkmittel unterhalb der Schusswaffe stehen zunehmend im Mittelpunkt des behördlichen Interesses. Hierzu zählen etwa der Taser oder verschiedene Abschussgeräte für diverse Munitionssorten in unterschiedlichen Kalibern. Während Polizeibehörden in zahlreichen europäischen und außereuropäischen Staaten solche Einsatzmittel vermehrt nutzen, bilden sie in Deutschland noch eher eine Ausnahme und sind meist Spezialkräften vorbehalten. Immerhin, die Diskussion darüber läuft an. Neben 37/40-mm-Werfern für verschiedene Anwendungen bilden diverse Konzepte zur Abwehr kleiner Unmanned Aerial Systems („Drohnenfaust“) einen zukunftsträchtigen Markt. Auf der EnforceTac zeigten Dynamit Nobel Defence und MBDA darüber hinaus ihrer schultergestützten Mehrzweckwaffen einschließlich des Kleinflugkörpers Enforcer.

Das modulare Einsatzhelmsystem Schuberth P100N bietet jetzt auch ein Laserschutz-Visier

Ausbildung

Auffallend aufstrebend entwickelt sich der Markt für einsatzbezogene Schießausbildung. Das reicht von Virtual Reality-Lösungen wie etwa GAIM aus dem Hause Aimpoint über laserbasierte Anwendungen wie FN Expert, LACS oder Simgun bis hin zum Betrieb kompletter Anlagen für den scharfen Schuss. Die Firma Messer Waffenhandel baut derzeit ein modernes Schießausbildungszentrum, welches im März 2020 in Offenbach eröffnen soll. Andere Firmen, wie etwa die seit Jahresbeginn als GmbH organisierte Lahner-Academy, Teuto-Defence oder ZST spezialisieren sich darauf, behördliche Kunden ebenso vor Ort zu schulen. Sowohl für den einen als auch den anderen Ansatz gibt es weitere Anbieter wie beispielsweise KL Strategic, Marathon-Targets, Meggitt, Proreta oder Swiss Defence, die orstfeste oder mobil zu nutzende Schießstandinfrastruktur liefern.

Ausblick

Mit über 300 Ausstellern und 5.000 Fachbesuchern aus aller Welt erwiesen sich Enforce Tac, U.T. SEC und die parallele Fachtagung der Polizeitrainer in Deutschland e. V. einmal mehr auf Wachstumskurs. Die Teilnehmerzahlen bedeuteten Aufwüchse um 25 beziehungsweise 35 Prozent – und das trotz strenger Akkreditierungsrichtlinien. Dass das Bundeministeriums des Innern, für Bau und Heimat und das bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie als Schirmherren fungierten, zeigt die Bedeutung der Veranstaltungen im politischen Bereich. Die nächste Doppelmesse findet am 4. und 5. März 2020 im Vorfeld der IWA statt. Einzelne Neuheiten der taktischen Messen wird ES&T in den nächsten Wochen auch über seine online-Medien vorstellen.

Autor: Dr. Jan-Phillipp Weisswange arbeitet als Referent Öffentlichkeitsarbeit in der wehrtechnischen Industrie. Dieser Artikel gibt seine persönliche Meinung wieder.