Die vierte Ausgabe der Paris Naval Conference (2./3. Februar) zeichnete den Übergang Europas von einer „Nachkriegsflotte“ zu einer „Kriegsflotte“ in seinen strategischen, operativen und industriepolitischen Dimensionen. Leitmotiv der 2026er Konferenz war „Naval Rearmement and Operations in Contested Waters“. Während Tag 1 die Wiederkehr hochintensiver Seekriegsführung und den Bedarf an industrieller Skalierung darstellte, zogen militärische Spitzenvertreter am zweiten Tag eine ungewöhnlich drastische Schlussfolgerung: Europa bereitet sich faktisch auf Krieg vor und seine maritime Abschreckung hängt maßgeblich von industrieller Geschwindigkeit und politischer Entschlossenheit ab. Nach Admiral Nicolas Vaujour, Chef der französischen Marine, bietet in einer Zeit machtpolitischer Konkurrenz das Meer keinen Schutzraum mehr. Die Freiheit des Handelns werde zunehmend herausgefordert.
Deutlich wurde zudem, dass die Alliierten intensiv an neuen Flottenmodellen arbeiten – ohne bereits Lösungen parat zu haben. Der Chef der US‑Navy, Admiral Daryl Caudle, skizzierte eine High-Low-Mix-Flotte mit hochgerüsteten Großkampfschiffen wie der Trump‑Klasse als energiestarke Träger für laser‑ und andere Hochenergiewaffen, umgeben von einer Masse leichter, vor allem unbemannter Einheiten – Kennwort „Masse“. Die US Navy werde auch künftig „very large, heavily armed warships“ brauchen. Sie seien jedoch in ein Gefüge verteilter Kräfte und einer wachsenden Drohnenflotte eingebettet. Konkrete Zahlen zu neuen Zerstörern oder „super‑cruisern“ vermied er. Deutlich war dagegen die Botschaft, dass unbemannte Systeme einen substanziellen Teil der künftigen Flottenverdrängung stellen sollen.
Seine Amtskollegen aus den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich beschrieben demgegenüber eine Hybridflotte aus kleineren, auch kommerziellen und modular ausgerüsteten Schiffen. Der niederländische Marinechef, Admiral Harold Liebregs, stellte Überlegungen – etwa mit containerisierten Startern für Barak‑Flugkörper als Übergangsmodell vor. Weil der parallele Betrieb einer vollwertigen klassischen und gleichzeitig autonomen Flotte nicht leistbar sei, plädierte für „keep it simple“ und dafür, Unvollkommenheit am Anfang in Kauf zu nehmen und „along the way“ zu lernen.
Politischer Rahmen und strategische Stoßrichtung
Die Konferenz, von Ifri (Institut Français des Relations Internationales) und der französischen Marine ausgerichtet, stand unter dem Leitmotiv „Naval Rearmament and Operations in Contested Waters“. In seiner Eröffnung zeichnete Ifri‑Direktor Thomas Gomart ein Bild wachsender maritimer Rivalität, verwundbarer Seewege und kritischer Infrastruktur – vom Meeresboden bis in den Weltraum. General Fabien Mandon, der französische Generalstabschef, brachte den politischen Kern auf den Punkt: „Today, we are preparing for war“ und offerierte seine Diagnose, dass die derzeitigen Kräfte Frankreichs und Europas für künftige Szenarien nicht ausreichen.
Politisch richtet sich diese Botschaft an Berlin, Brüssel und andere Hauptstädte: Verteidigungshaushalte, Prioritäten und Beschaffungslogik müssen darauf ausgerichtet werden, bis etwa 2030 kriegsfähige und durchhaltefähige maritime Kräfte zu stellen – nicht nur symbolische Flottenpräsenz.
Tag 1: Rückkehr der Seekriegsführung und industrielle Logik
Tag 1 legte die strategischen, operativen und industriepolitischen Grundlagen der Konferenz. Das erste Panel („The revival of naval confrontation: decisive factors for victory at sea“) beleuchtete die Rückkehr echter Seekriegsführung gegen einen ebenbürtigen Gegner. Kommandanten und Planer aus Frankreich und Partnerstaaten diskutierten Faktoren für Seeherrschaft in einem hochumkämpften Umfeld: vernetztes Lagebild, U‑Boot‑Bedrohung, Flugzeug-, Drohnen- und Flugkörperangriffe, Schutz von Verbänden und Handelsrouten. Das Fazit war einhellig: Europa muss sich von der Logik einer „ungefährdeten Machtprojektion“ lösen und zurück zur Befassung mit im Ernstfall verlustreichen und langwierigen Operationen.
Industrie als Schlüssel zum „naval rearmament“
Im zweiten Panel wurde es industriepolitisch („Industrial logic and stakes in responding to the challenges of naval rearmament in Europe“). Vertreter der DGA, von MBDA, Naval Group und Thales diskutierten nicht Einzelprojekte, sondern die industrielle Logik eines europäischen maritimen Wiederaufrüstungszyklus: Serienfertigung statt Kleinserien, planbare Auslastung der Werften, standardisierte Systeme, verkürzte Beschaffungswege und resiliente Lieferketten.
Daraus resultieren industriepolitische „Hausaufgaben“:
- Rüstungsindustrie als strategische Ressource, nicht nur Zulieferer.
- Staatlich gesteuerte Kapazitätsplanung, um im Krisenfall Produktionsspitzen zu ermöglichen.
- Harmonisierung europäischer Standards, damit Sensorik, Waffen und Plattformen wirklich interoperabel sind.
Am Ende des Tages stand die Erkenntis, dass Abschreckung auf See heute mindestens so sehr von industrieller Anpassungsfähigkeit wie von Flottengröße abhängt.
Tag 2: Politische Zuspitzung – „Preparing for war“
Den zweiten Konferenztag bestimmten politische und militärische Entscheidungsträger. General Mandon vertiefte seine Warnung vor einem möglichen Krieg hoher Intensität und verknüpfte sie mit Forderungen nach höherer Resilienz, schnellerem Fähigkeitsaufbau und besserer Verzahnung von Streitkräften und Industrie. In den folgenden Panels unterstrichen Admirale aus Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden und den USA, dass Europa bis etwa 2030 in allen Domänen – von der Überlegenheit in der Luft und zur‑See über den Schutz kritischer Infrastruktur bis zur Logistik – kriegsbereit sein müsse.
Nicht nur wegen seiner klassischen militärischen Fähigkeiten, sondern gerade wegen seiner Fähigkeit zu hybriden Angriffen (GPS‑Störung, Drohnen, verdeckte Operationen gegen Unterseekabel, Offshore‑Anlagen und Häfen) wird Russland wird als Hauptbedrohung angesehen. Nur der amerikanische Marinechef nannte zusätzlich China.
Die schleichende Normalisierung der „Grauzonenaktivitäten“ erwächst zu einer strategischen Gefahr, der Europa mit robusteren Lagebildern, unbemannten Systemen und besser geschützten Infrastrukturen begegnen müsse. Um den Risiken gegenüber kritischer maritimer Infrastruktur zu begegnen, etabliert sich die Formel „from space to seabed“.
Durchhaltefähigkeit und „industrial tempo“
Die Diskussion um Logistik und Durchhaltefähigkeit machte deutlich, dass längere Operationen gegen einen ebenbürtigen Gegner nur möglich sind, wenn Vorräte, Reparaturkapazitäten und industrielle Wartung im Frieden aufgebaut und vertraglich abgesichert werden. Vertreter von Naval Group und anderen Häusern vertraten die Auffassung, dass Werften und Servicebetriebe so organisiert sein müssen, dass sie in der Krise Produktion hochfahren und Schäden schnell beheben können – Stichwort „industrial tempo“.
In ihren Schlussbemerkungen konfrontierten Vertreter des Verteidigungsministeriums und der französische Marinechef Admiral Nicolas Vaujour das Auditorium mit der Linie: Europa befinde sich in einer Phase „naval rearmament“, die nur dann abschreckend wirkt, wenn Industrie und Politik die Fähigkeit zur schnellen Anpassung und Nachproduktion glaubhaft demonstrieren.
Integrierte Schlussfolgerungen für Politik und Industrie
Über beide Tage hinweg ergab sich ein konsistentes, aber unbequemes Bild. Europa, wenn auch weithin unbemerkt, befindet sich in einem Zustand der Kriegsvorbereitung. Und hat sich mit Blick auf Russland und die von ihm ausgehenden hybriden Bedrohungen darauf einzustellen, dass es bis etwa 2030 über regional dominante, vernetzte und durchhaltefähige Seestreitkräfte verfügen muss. Zu der erlebten strategischen Zäsur gehört auch die intellektuelle Rückkehr zur Befassung mit hochintensiver (See-) Kriegsführung gehört. Dies erfordere von Seiten der Politik, Nationen und Bürger auf derartige Szenarien vorzubereiten. Industrie wird zu einem Instrument der Abschreckung. Ohne planvoll ausgebaute, resiliente Rüstungsindustrie bleibt (maritime) Abschreckung eine leere Hülle. Insofern verlegte die Pariser Konferenz maritime Abschreckung auch in die Fertigungshallen, Werften, Zulieferketten und Beschaffungsregeln. Ob Europa auf See glaubwürdig abschrecken kann, entscheidet sich in Ausschreibungsordnungen, Investitionsprogrammen und Lieferketten – nicht allein in den Einsatzplänen der Flotten. Und verlagert so das ‚Center of Gravity‘ weg von den Brücken der Schiffe in die Hände von Politik und Industrie. Im Zentrum der Abschreckungsfrage – gleich in welcher Dimension Land, Luft, See oder Cyber – stehen insbesondere Wirtschafts-, Finanz- und Industriepolitiker.
Hans Uwe Mergener
Illustrationen. Konferenz-Titelbild. https://www.ifri.org/fr/conference-navale-de-paris-2026-rearmement-naval-et-operations-en-eaux-contestees
+++++++++++++++










