Russische Drohnen verletzen inzwischen regelmäßig den Luftraum von NATO-Staaten. Neben Polen, Rumänien und Estland war jüngst auch Dänemark betroffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es hierbei nicht bleiben wird, ist sehr hoch, kommentiert unser Chefredakteur.

Über der Barentssee wurden mit „Kinschal“-Hyperschallraketen bewaffnete russische Jets gesichtet. Diese Übergriffe sind kein Zufall, sondern Teil einer gezielten Strategie Moskaus, den Westen zu provozieren und rote Linien zu testen. Der Sicherheitsexperte Nico Lange hat es auf den Punkt gebracht: Weil der Westen nicht konsequent reagiert, schafft Putin eine Grauzone.

Die Antwort Berlins auf die Drohnenvorfälle ist bezeichnend. Das Verteidigungsministerium meldete, Deutschland werde eine zusätzliche Alarmrotte bereitstellen und die Zahl der Eurofighter auf vier verdoppeln. Ein symbolischer Schritt, mehr nicht. Es klingt wie das Pfeifen im Walde, um Entschlossenheit zu suggerieren, wo Fähigkeiten fehlen. Genau dieses Bild vermittelt jedoch die Bundesregierung in einem Akt der Selbsttäuschung. Kampfflugzeuge sind einfach kein Mittel gegen kleine, billige und schwer ortbare Drohnen. Mit Eurofightern und F-35 auf Plastikdrohnen zu schießen, ist ineffizient und absurd teuer.

Deutschland hat wertvolle Zeit in Debatten verloren

Die Realität ist, dass Europa und schon gar nicht Deutschland über eine belastbare Drohnenabwehr verfügt. Systeme wie Skyranger, IRIS-T SLM oder Arrow 3 sind angekündigt oder bestellt, aber noch nicht eingeführt. Ausbildung, Vernetzung und Integration in eine echte Schutzglocke dauern Jahre. Russland hat dieses Defizit erkannt und nutzt es aus. Warnungen liegen hingegen seit Langem auf dem Tisch. Im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan 2020 entschieden Drohnen ganze Gefechte, in der Ukraine spielen sie eine Schlüsselrolle. Deutschland hat wertvolle Zeit in Debatten über Bewaffnung und Ethik verloren. Im Ergebnis stehen wir blank da.

Auch die NATO bleibt hinter den Erfordernissen zurück. Operationen wie „Eastern Sentry“ schaffen Koordination, aber keine Abwehrfähigkeit. Die Verdopplung von Alarmrotten ist ein Placebo, kein Schutzschild. Wenn morgen 200 Drohnen über Polen oder Rumänien auftauchten, würde Europa hilflos zusehen. Putins Fabriken produzieren längst Überschüsse, die über die Ukraine hinaus eingesetzt werden können.

Besonders problematisch ist die politische Reaktion. NATO-Generalsekretär Mark Rutte erklärte nach dem Vorfall, man müsse erst prüfen, ob die russischen Drohnen absichtlich oder versehentlich den NATO-Luftraum verletzt hätten. Eine klare Schuldzuweisung vermied er zunächst, die Bewertung sei „noch im Gange“. Zwar nannte er das Vorgehen „reckless and unacceptable“, doch vermied er eine eindeutige Verurteilung und blieb weich in der Sprache. Für das stärkste Bündnis der Welt ist ein solches Verhalten kontraproduktiv. Es signalisiert Unsicherheit und Zögern, wo Klarheit gefordert ist.

Polen reagiert angemessen auf die russische Bedrohung

Polen dagegen fand klare Worte. Der polnische Außenminister wies die Möglichkeit eines „Versehens“ entschieden zurück und sprach von einem gezielten und bewussten Vorgehen Russlands. Warschau benennt die Bedrohung so, wie sie ist: als Provokation und als Test der Entschlossenheit der NATO. Diese Deutlichkeit ist es, die auf der einen Seite Vertrauen schafft und die andere Seite abschreckt.

Der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) hat kürzlich einen Fünfpunkteplan für eine starke Drohnenabwehr vorgelegt. Die Vorschläge reichen von schnellerer Beschaffung über gemeinsame Standards bis zu engerer Industriekooperation. Solche Konzepte dürfen nicht in Schubladen verschwinden, sie gehören auf den Tisch des Verteidigungsministers und müssen schleunigst umgesetzt werden.

ES&T-Chefredakteur Jürgen Fischer.
Foto: Maurizio Gambarini

Putins Kalkül ist durchschaubar. Er reizt, testet, verschiebt Grenzen. Heute sind es Drohnen über Polen und Rumänien, morgen ein Zwischenfall in Moldau, übermorgen der Vorwand, eine „russische Minderheit“ im Baltikum zu „schützen“. Der Schritt vom Überflug zur physischen Grenzverletzung ist klein. Wo ein russischer Stiefelabdruck gesetzt ist, reklamiert Moskau Territorium. Genau damit würde die Allianz ins Dilemma geraten: Ist das bereits ein Kriegsgrund? Oder setzt Putin darauf, dass der US-Präsident jeden Konflikt vermeiden will und er allein mit ihm über die Köpfe der Betroffenen und der NATO hinweg verhandeln kann. Ist es das, was wir wollen?

Deutschland darf sich nicht in symbolischen Gesten verlieren. Die Bundeswehr braucht schnell verfügbare, bodengebundene, vernetzte und abgestufte Drohnenabwehr. Und Europa muss erkennen: Ohne entschlossene Maßnahmen ist seine Ostflanke ein offenes Tor. Die Botschaft an Putin muss lauten: Jeder Übergriff, auch durch Drohnen, wird beantwortet. Sonst wird der Westen weiter zum Spielball russischer Provokationen.

Jürgen Fischer