Hensoldt wächst in der Zeitenwende 2.0 mit vollen Auftragsbüchern, mehr Personal und neuen Partnern. Entscheidend ist nun, industrielle Skalierung und technologische Integration lieferfähig zu machen.
„Seit 2025 befinden wir uns in der Zeitenwende 2.0. Wir haben die politischen Debatten hinter uns gelassen und sind jetzt in der Phase der Umsetzung. Für uns als Rüstungsindustrie bedeutet das, jetzt Verantwortung zu übernehmen. Wir bauen die Produktionsfähigkeiten stetig aus und wollen die Nachfrage zuverlässig bedienen“, erklärte Hensoldt-CEO Oliver Dörre gestern in München. Der Satz markiert eine Verschiebung, die sich zunehmend auch industriell bemerkbar macht: weg von Ankündigungen, hin zu Lieferfähigkeit.

Denn die Zahlen sind eindeutig: Der Auftragsbestand des Sensorik-Spezialisten ist auf rund 8,8 Milliarden Euro gewachsen. Dahinter stehen unter anderem Großaufträge für den Leopard 2 A8, den Boxer RCT30 und das Spähfahrzeug Luchs 2 – Programme, die weniger durch Plattformen als durch ihre sensorische und digitale Ausstattung geprägt sind. Für Hensoldt bedeutet das vor allem eines: liefern können, und zwar in wachsendem Umfang.
Wachstum muss jetzt in Produktion übersetzt werden
Seit 2022 hat das Unternehmen seine industriellen Kapazitäten um rund 30 Prozent gesteigert und etwa zwei Milliarden Euro investiert. Eine weitere Milliarde soll folgen. Intern wird diese Phase als „Deliver and Scale“ beschrieben als ein Hinweis darauf, dass es weniger um neue strategische Leitbilder geht als um operative Leistungsfähigkeit. Wie konkret das aussieht, zeigt sich in den Produktionszahlen: Die Fertigung von Leiterplatten wurde deutlich ausgeweitet, die Logistikleistungen haben sich in kurzer Zeit verdoppelt.
Parallel dazu wächst die Belegschaft. Rund 1.600 neue Mitarbeiter sollen in diesem Jahr hinzukommen, nachdem bereits im vergangenen Jahr 1.200 eingestellt wurden. Bis Ende 2026 will Hensoldt erstmals die Marke von 10.000 Beschäftigten überschreiten. Gesucht werden vor allem Software-Experten und Systemingenieure – Profile, die auch in anderen Industrien knapp sind. Dass gleichzeitig in Teilen der Automobilzulieferindustrie Stellen abgebaut werden, eröffnet eine industriepolitisch nicht uninteressante Schnittstelle. Ein Teil der neuen Beschäftigten könnte vom Automobil-Zulieferer Aumovio kommen, der Hunderte Stellen in Süddeutschland abbauen will und mit Hensoldt kooperiert.
Gleichzeitig verändert sich die industrielle Logik. Hensoldt reduziert seine Eigenfertigungstiefe und setzt stärker auf Partner und Zulieferer. Der interne Wertschöpfungsanteil, früher bei bis zu 90 Prozent, liegt heute bei etwa 60 bis 70 Prozent und soll perspektivisch weiter sinken. Ziel ist eine höhere Skalierbarkeit, insbesondere bei modularen Systemen wie der Spexer-Radarfamilie, für die steigende Stückzahlen erwartet werden.
Vom Sensorhaus zum vernetzten Systemintegrator
Diese Öffnung ist Teil eines größeren strategischen Ansatzes. Hensoldt versteht sich zunehmend als Integrator, sprich als „Neo-Systemhaus“, das unterschiedliche Technologien zusammenführt. Hier kooperiert Hensoldt bereits mit Unternehmen und Start-ups wie TYTAN Technologies, Saab, Schwarz Digits, Helsing oder Dronamics. Mit der Software-Suite MDOcore will das Unternehmen die Fusion von Sensordaten über verschiedene Dimensionen hinweg ermöglichen. Dörre formuliert es entsprechend klar: „In Zukunft geht es weniger um einzelne Plattformen, sondern um die Vernetzung von Sensoren und den Ausbau der Digitalisierung.“
Der Blick richtet sich dabei auch über die klassischen Einsatzräume hinaus. Gemeinsam mit Partnern arbeitet Hensoldt an einer europäischen Satellitenkonstellation für Aufklärung und Zielerfassung. Ein Radar für den Einsatz im All soll bereits im kommenden Jahr qualifiziert werden, die Serienreife ist für 2028 vorgesehen. „Der Weltraum treibt uns an und wir sind auf dem Weg, ein Multi-Domain-House zu werden“, so Dörre.
Auch der elektromagnetische Raum gewinnt an Bedeutung. Mit Blick auf das Bundeswehrprojekt LuWES positioniert sich Hensoldt im Bereich Electronic Warfare und plant unter anderem die Entwicklung eines Stand-off-Jammers.
Der Ukraine-Krieg bleibt dabei als Beschleuniger. Er beeinflusst Anforderungen, beschleunigt Entwicklungszyklen und verschiebt Prioritäten, etwa in den Bereichen Drohnenabwehr, Selbstschutz und Signalerfassung. Für Hensoldt ist dies nicht nur ein operativer Kontext, sondern auch ein Treiber für technologische Anpassungen.
Die strategische Antwort darauf sieht Dörre vor allem in stärkerer europäischer Zusammenarbeit: „Wir brauchen den Zusammenschluss in Europa. Es braucht einen echten Kompromiss für mehr Zusammenarbeit, Vereinheitlichung der Systeme und Interoperabilität. Dörre plädierte dabei auch für die Umsetzung von FCAS: Wir brauchen solche großen europäischen Programme und jetzt schnelle Entscheidungen.“
Trotz der aktuellen Dynamik bleibt der Ausblick zurückhaltend. „Der Weltfrieden bleibt weiter bedroht“, so Dörre. Auch ein möglicher Waffenstillstand ändere nichts an den strukturellen Herausforderungen. Entscheidend sei daher, die erreichten Fortschritte nicht wieder infrage zu stellen.
Für Hensoldt bedeutet das: Wachstum bleibt notwendig, aber nicht Selbstzweck. Im Zentrum steht die Fähigkeit, industrielle Skalierung, technologische Integration und europäische Kooperation miteinander zu verbinden. Genau daran wird sich die „Zeitenwende 2.0“ messen lassen müssen.
Oliver Rolofs
















