Am Abend des 29. September 2025 wurde von einem Stützpunkt in Nordchina ein großer Feststoffraketen-Booster gestartet. Die Flugbahn wurde bewusst so gewählt, dass sie über mehreren Provinzen maximal sichtbar war, was auf eine gezielte Zurschaustellung militärischer Fähigkeiten hindeutet. Der Start erzeugte einen silberweißen Abgasschweif, der sich in großer Höhe durch das Sonnenlicht in eindrucksvolle Schleier verwandelte. Zahlreiche Beobachter haben das Ereignis gefilmt und in sozialen Netzwerken geteilt.

Analysen deuten auf einen ballistischen Test
Die Analyse der Aufnahmen liefert aufschlussreiche Details. Die Form der Rauchfahne, der steile vertikale Aufstieg sowie sichtbare „Knoten“ und korkenzieherartige Verwirbelungen deuten laut einer Analyse des Mediums „Interesting Engineering“ auf eine mehrstufige Rakete mit Feststoffantrieb und aktiven Steuermanövern nach der Hauptantriebsphase hin. Dies entspricht dem Profil einer ballistischen Mittel- oder Interkontinentalrakete (ICBM).
Die leuchtenden, faserigen Schleier im Schweif lassen auf die Verwendung von aluminisiertem Festtreibstoff schließen, der typisch für chinesische Raketenfamilien wie die DF-21, DF-26 und DF-31 ist.
Die entscheidende Frage ist jedoch, ob es sich bei dem Test um einen konventionellen ballistischen Flugkörper oder um den Träger einer „echten“ Hyperschall-Waffe handelte. Denn der Begriff Hyperschallwaffe wird oft ungenau verwendet, wie im Schwestermagazin der Europäischen Sicherheit und Technik zu lesen ist.
Die Geschwindigkeit von über Mach 5 ist als alleiniges Merkmal allerdings irreführend, da auch herkömmliche ballistische Raketen diese Geschwindigkeit erreichen. Entscheidend für eine echte Hyperschallwaffe ist stattdessen die Fähigkeit, in der Atmosphäre bei extremen Geschwindigkeiten steuerbar zu bleiben. Dabei wird hauptsächlich zwischen Hyperschall-Gleitfahrzeugen (HGVs) und Hyperschall-Marschflugkörpern (HCMs) unterschieden, die sich von den Trägerraketen absetzen und selbstständig manövrieren.
Anhand der visuellen Daten der Startphase lässt sich ein HGV-Einsatz jedoch nicht zweifelsfrei bestätigen. Die entscheidenden Manöver eines solchen Gleiters finden nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre statt. Was der Test allerdings bestätigt, ist der erfolgreiche Einsatz eines großen, mehrstufigen Feststoffantriebs und die präzise Steuerung in großer Höhe.

Quellen verorten den Start bei der Dongfeng-27
Die Spekulationen von People’s Liberation Army (PLA)-nahen Telegram-Kanälen benennen die Rakete als Typ Dongfeng-27 (DF-27). Diese Waffe wurde erstmals 2021 im jährlichen Bericht des US-Verteidigungsministeriums zum chinesischen Raketenarsenal erwähnt. Offizielle Dokumente der Volksbefreiungsarmee beziffern die Reichweite auf 5.000 bis 8.000 Kilometer, was sie als Mittelstrecken- oder Interkontinentalrakete klassifiziert.
Details lieferte ein im Februar 2023 durchgesickertes und als geheim eingestuftes Briefing des US-Militärnachrichtendienstes J-2, dass von der NGO „Missile Defense Advocacy Alliance“ zitiert wurde. Demnach wurde die DF-27 bereits am 25. Februar 2023 erstmals erfolgreich getestet. Der Flugkörper legte in zwölf Minuten eine Strecke von 2.100 Kilometern zurück und trug nachweislich einen Hypersonic Glide Vehicle. Das Dokument enthüllte zudem, dass Varianten zur Bekämpfung von Land- und Seezielen bereits im vergangenen Jahr, vermutlich in begrenzter Stückzahl, in Dienst gestellt wurden.

Strategische Bedeutung des chinesischen Raketenarsenals
Unabhängig von dem bisher noch unbestätigten neuen Test hat das Raketenarsenal der PLA eine herausragende Bedeutung für Chinas geopolitische Ambitionen. Laut einer zuletzt veröffentlichten Analyse der New York Times baut China Teile seiner Ostküste gezielt zu einer Plattform für mögliche Raketenangriffe auf Taiwan und die umliegenden Meere aus.

Das Pentagon schätzt nach Informationen der New York Times (NYT), dass die chinesische Raketentruppe ihren Bestand in den letzten vier Jahren um fast 50 Prozent auf rund 3.500 Raketen erhöht hat. Diese Einheiten werden mit immer moderneren Systemen ausgestattet, wie der Dongfeng-17, die manövrierfähig und schwer abzufangen ist. Hinzu kommt die Dongfeng-26, die von einigen Chinesen den Spitznamen „Guam Express“ erhalten hat, da sie US-Militärbasen in der Region treffen kann. Von der Dongfeng-26 soll die Raketentruppe bereits etwa 500 Stück besitzen.
Satellitenbilder belegen den Ausbau der Infrastruktur. Die Basis der Brigade 611 in der Provinz Anhui hat ihre Fläche in den letzten Jahren verdoppelt. Eine weitere Einheit, die Brigade 616 in der Provinz Jiangxi, ist ebenfalls schnell gewachsen und wird laut Experten für die Dongfeng-17 vorbereitet. Soldaten üben Raketenstarts von verschiedenen Orten aus, darunter Ackerland und abgelegene Täler, um im Kriegsfall schwerer aufzuspüren zu sein. Jennifer Kavanagh, eine Expertin bei der Forschungsgruppe Defense Priorities, äußerte gegenüber der NYT, Raketen wären „der Ausgangspunkt für jede Art von militärischer Nötigungskampagne, die China gegen Taiwan einsetzen würde“.
Jannis Düngemann
















