Was wäre gewesen, wenn nicht 19, sondern 200 russische Drohnen in das NATO-Land Polen geflogen wären? Was, wenn diese Drohnen alle mit Sprengstoff versehen gewesen wären, und was, wenn sie gezielt gegen Kritische Infrastruktur gerichtet gewesen wären? Richtig: Sie hätten gewaltigen Schaden angerichtet, kommentiert unser Gastautor. Sie hätten aller Voraussicht nach den Bündnisfall ausgelöst.
NATO-Generalsekretär Rutte kündigte als Reaktion auf das Eindringen russischer Drohnen in den polnischen Luftraum eine Erweiterung des bisherigen Air Policing an. Die Operation heißt „Eastern Sentry“, „Östlicher Wachtposten“, und solle ein „umfassender und integrierter Ansatz sein“. Umfassend und integriert zu beobachten heißt jedoch nicht, dass man die Bedrohung auch integriert und umfassend abwehren beziehungsweise abschrecken kann.
Dabei weiß es jeder, der es wissen will, seit Jahren: Wir haben eine Lücke bei der Drohnenabwehr. Nur vier der 19 Drohnen über Polen wurden angeblich abgeschossen. Umgerechnet auf die Zahl 200 wären 160 Drohnen in ihr Ziel gekommen. Und der Abschuss von Drohnen mit hochmodernen F-16- und F-35-Kampfflugzeugen ist weder effizient noch nachhaltig. Im Konfliktfall haben diese wertvollen Flugzeuge und ihre ebenso wertvollen Pilotinnen und Piloten ganz andere Dinge zu tun.
Doch bei der Drohnenabwehr steht der Westen blank da. Selbstverschuldet. Ein Jahrzehnt wurde in Deutschland darüber diskutiert, ob man weniger als ein halbes Dutzend unbewaffnete Beobachtungsdrohnen anschaffen sollte. Dann wurde debattiert, ob man Drohnen bewaffnen dürfe. Die SPD stand mit beiden Füßen auf der Bremse.
Der Westen hat das Kapital, die Ukraine das Know-how
Dabei hätte man gewarnt sein müssen: Schon im armenisch-aserbaidschanischen Krieg 2020 spielten Drohnen eine wichtige Rolle. Es ist an der Zeit, die Erfahrungen der Ukraine mit dem Drohnenkrieg systematisch für die NATO nutzbar zu machen. Industrielle Kooperation bei der Herstellung ist zwingend. Westliche Firmen haben das Kapital, die Ukraine hat das Know-how. Einfach nur ukrainische Drohnen zu kaufen und sie dann auf Halde zu legen, ergibt beim galoppierenden technologischen Fortschritt keinen Sinn. Die industriellen und technologischen Kapazitäten der Ukraine zu nutzen und auszubauen, ist ein erfolgversprechenderer Weg.
Gut ist, dass der Vorfall zeigt, dass die NATO schnell und geschlossen operieren kann. Dänen, Polen und Deutsche arbeiteten nahtlos zusammen. Frankreich will zu „Eastern Sentry“ drei Rafale-Flugzeuge beisteuern, Dänemark eine zusätzliche Fregatte zur Flugabwehr, Deutschland eine weitere Alarmrotte.
Beunruhigend ist, dass Putin schneller als erwartet diese Provokation vom Zaun gebrochen hat. Bekommt er keine entschlossene Antwort, wird er die roten Linien der NATO weiter austesten. Man wird den nötigen Drohnenwall nicht über Nacht errichten können. Man könnte aber sofort der Ukraine weitreichende Marschflugkörper zur Verfügung stellen, um die russischen Drohnenfabriken zu zerstören. Putin produziert übrigens weitaus mehr Kampfdrohnen als er in der Ukraine verbraucht. Es liegt auf der Hand, dass der Überschuss in einer eventuellen zukünftigen Konfrontation mit der NATO eingesetzt werden soll.
Zaudern und Zögern senden ein falsches Signal an Putin
Eine weitere Maßnahme, die Putin schmerzen würde, wäre der Einzug des gesamten in der EU eingefrorenen russischen Vermögens. Diese 210 Milliarden Euro sollten sofort an die Ukraine weitergegeben werden zur Finanzierung ihrer Verteidigung. Der Westen hat damit bislang gezögert, weil man das für eine Eskalation hielt. Welche Eskalation? Putin eskaliert seit Jahren diesen Konflikt, der längst ein hybrider Krieg ist.
Die NATO hat zugeschaut, wie Hochseekabel von russischen Schiffen gekappt wurden. Einige EU-Länder importieren immer noch russisches Gas. Auftragsmorde, Sabotage, Desinformation in großem Stil – bis jetzt ist Putin damit durchgekommen. Es wird Zeit, daran etwas zu ändern. Zaudern und Zögern senden ein falsches Signal an Putin und machen einen späteren großen Konflikt nur wahrscheinlicher.
Darauf zu hoffen, dass US-Präsident Trump der Ukraine (und den Europäern) hilft, in dem die USA die Reichweitenbegrenzung für amerikanische Raketen aufheben oder wieder mehr Waffen und Munition liefern, ist illusionär. Trump hat im Gegenteil gerade das Ende der Militärhilfen für die baltischen Staaten verkündet. Der amerikanische Präsident hat längst die Seiten gewechselt, falls er je auf der Seite des Westens war. Kein einziges Mal hat er Putin konfrontiert. Russland wird von Zöllen verschont, Putin in Alaska der rote Teppich ausgerollt. Die Europäer sind auf sich gestellt und sie sollten sich selbst ertüchtigen, anstatt einem verlorenen transatlantischen Konsens hinterherzutrauern. Vor allem müssen sie handeln: entschlossen und deutlich.
Dr. Marcus Pindur ist sicherheitspolitischer Korrespondent beim Deutschlandfunk
















