Am 3. September führte China seine Militärparade zum 80. Jahrestag des Sieges über Japan im Zweiten Weltkrieg durch. Die Veranstaltung in Peking, die die größte Militärparade in Chinas Geschichte darstellte, ist sowohl für militärische Beobachter als auch für die internationale politische Bühne von hohem Interesse. Mehr als 10.000 Soldaten, sowie hunderte Luft, Boden und Marinesysteme wurden auf dem Platz des Himmlischen Friedens präsentiert. Geladene Gäste waren unter anderem der russische Präsident Wladimir Putin und Kim Jong-Un, der Präsident und oberste Führer der Demokratischen Volksrepublik Korea, sowie 26 Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt. Aus der westlichen Welt waren der Ministerpräsident der Slowakei, Robert Fico, und der ungarische Außenminister Péter Szijjártó vertreten.

26 Staats- und Regierungschefs waren zu der Veranstaltung geladen; mit starker Vertretung aus Zentralasien und Südostasien (Bild: X Spokesperson of Ministry of Foreign Affairs of China)

Die Parade, wie auch der Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (Shanghai Cooperation Organisation, SCO), der drei Tage vorher stattfand, präsentierten Chinas Machtanspruch auf höchster Ebene. Die geopolitische Hauptbotschaft des Gipfels und der folgenden Parade war die Konsolidierung eines von nicht-westlichen Staaten geführten Blocks, der die von den USA dominierte, internationale Nachkriegsordnung herausfordert. Die prominente Anwesenheit von Staats- und Regierungschefs aus Russland, Nordkorea und dem Iran, war eine bewusste Demonstration dieser neuen Ausrichtung. Das Ziel, wie es auch der chinesische Präsident Xi Jinping auf dem Gipfel am Montag ausgedrückte, ist ein Paradigmenwechsel hin zu einer multipolaren Welt „die gegen Hegemonie und Machtpolitik strebt“. Die drei Tage später folgende Parade verdeutlichte jedoch konträr zu Xis Aussagen Chinas eigene Machtpolitik.

Umfassender Katalog der gezeigten Militärsysteme

Xi Jinping inszenierte die Parade als Schaufenster für Chinas militärische Stärke – und vor allem für die Fähigkeiten und Ausrüstung der Volksbefreiungsarmee (PLA). Dabei wurden auch viele Systeme präsentiert, über die zuvor nur spekuliert wurde. Die Redaktion der ES&T hat hierzu eine Übersicht erstellt, basierend auf der Beobachtung des Live-Events in Peking sowie auf öffentlich zugänglichen Informationen aus chinesischen Staatsmedien (z. B. Xinhua, gov.cn), internationalen Nachrichtenagenturen und einschlägigen Fachpublikationen. Anspruch auf Vollständigkeit kann dabei nicht erhoben werden.

An der Parade nahmen auch Marinesoldaten der PLAN teil (Bild: X China Navy)

Strategische und taktische Raketenstreitkräfte

Das Raketensegment der Parade zeigte ein vielfältiges Arsenal, das Chinas A2/AD-Strategie (Anti-Access/Area Denial) unterstützt, um eine glaubwürdige globale strategische Abschreckung darzustellen. Zum ersten Mal präsentierte China öffentlich eine vollständige land-, see- und luftgestützte nukleare Triade.

Tabelle: MRV
Eine Einheit präsentiert Anti Schiffs Raketen des Typs YJ-15 (Bild: China MoD)

Luftwaffen-Flypast

Die Luftkomponente der Parade enthüllte Schlüsselkomponenten von Chinas Luftkampffähigkeiten der nächsten Generation, insbesondere für trägergestützte Operationen.

Tabelle: MRV

Außerdem wurden im Rahmen der Parade mehrere neuartige unbemannte Luftsysteme präsentiert. Darunter neue bewaffnete Aufklärungs-, Wingman- und Luftüberlegenheitsdrohnen, sowie unbemannte Hubschrauber für den Einsatz auf Schiffen. Diese teils undefinierten, teils als beispielsweise FH-97 Loyal Wingman bekannten Systeme nahmen jedoch nicht an Fly-Overn teil, sondern wurden auf Transportfahrzeugen präsentiert. Daher könnte es sich auch um realistische Replikate von Systemen in der Entwicklungsphase handeln.

Eine Formation von drei Z-8L und 7 Z-20T Helikoptern sorgte für weitere wirksame Inszenierung (Bild: China MoD)

Mobile Kolonne der Bodentruppen

Das Bodenkontingent präsentierte sowohl etablierte Plattformen als auch das Debüt einer neuen Generation von Panzerfahrzeugen, die Mobilität, Automatisierung und integrierte Kampffähigkeiten betonen.

Kampfpanzer und gepanzerte Fahrzeuge:

  • Typ 99A (ZTZ-99A): Der führende Kampfpanzer der dritten Generation der PLA, bekannt für seine Kombination aus Feuerkraft, Schutz und Mobilität.
  • ZTZ-201/ Typ 100 (Debüt): Ein mittelschwerer Panzer der neuen Generation mit einem Gewicht von etwa 40 Tonnen. Er verfügt über einen ferngesteuerten Turm, eine 105-mm-Hochgeschwindigkeitskanone und einen Hybridantrieb. Dies deutet auf eine Designphilosophie hin, die auf hohe Mobilität und schnelle Verlegbarkeit anstatt auf schwere Panzerung abzielt, was für unterschiedliche Geländearten geeignet ist.
  • Neue Generation IFV/APC (Debüt): Neben dem ZTZ-201 wurden neue Schützenpanzer und gepanzerte Mannschaftstransporter gezeigt, was darauf hindeutet, dass eine komplette Familie von mittelschweren Panzerfahrzeugen der nächsten Generation in Dienst gestellt wird.

Artillerie- und Unterstützungssysteme:

  • PCH-191: Ein modulares, weitreichendes Mehrfachraketenwerfer-System (MLRS), das sowohl Raketen als auch ballistische Kurzstreckenraketen abfeuern kann und eine leistungsstarke Fähigkeit für Präzisionsschläge bietet.
  • Anti-Drohnen-Systeme (Debüt): Erstmals wurde eine Formation zur Drohnenabwehr gezeigt, die ein integriertes System aus Geschützen und Raketen, Hochenergielaserwaffen und Hochleistungsmikrowellenwaffen umfasste. Dieses „Trio“ demonstriert eine hochentwickelte, mehrschichtige Verteidigung gegen die wachsende Bedrohung durch unbemannte Flugsysteme.

Marine- und unbemannte maritime Systeme

Dieses Segment enthüllte Chinas bedeutende und bisher weitgehend geheime Investitionen in die unbemannte Unterwasserkriegsführung, eine Domäne mit dem Potenzial, den Seekonflikt neu zu gestalten.

Hier lassen sich einige der unbemannten Luftsysteme erkennen- im hinteren Teil der Kolonne sind drei unbemannte Hubschrauber zu sehen. (Bild: X Spokesperson of Ministry of Foreign Affairs of China)

Extra-große unbemannte Unterwasserfahrzeuge (XLUUVs):

  • AJX002 (Debüt): Eine große, torpedoförmige Unterwasserdrohne von schätzungsweise 18-20 Metern Länge. Sie verfügt über einen Pumpjet-Antrieb für einen leisen Antrieb. Ihre wahrscheinlichen Aufgaben umfassen Aufklärung, Überwachung (ISR) und potenziell U-Boot-Jagd oder Minenlegen.
  • HSU100 (Debüt): Ein weiteres gezeigtes XLUUV, das vermutlich auf unbemannte Minenlege-Missionen spezialisiert ist. Das gleichzeitige Debüt mehrerer XLUUV-Typen deutet auf ein ausgereiftes und groß angelegtes Entwicklungsprogramm hin.

Strategische Bedeutung der Parade

Die Militärparade zum „80. Siegestages“ war ein aufschlussreiches Ereignis, welches die bedeutenden Fortschritte der PLA in technologischen Schlüsselbereichen wie Hyperschall, Tarnkappentechnologie und unbemannte Systeme demonstrierte und einen wichtigen Teilerfolg der chinesischen Staatspropaganda darstellt. Sie zeigte ein Militär, das sein Ziel, eine „Weltklasse“-Streitmacht zu werden, zügig erreichen will.

Die strategischen Folgen sind erheblich. Vor allem die präsentierten A2/AD-Systeme und Marinekapazitäten erhöhen im Indopazifik die Risiken und Kosten für jedes Eingreifen von außen – insbesondere mit Blick auf Taiwan. Für das globale Machtgleichgewicht war die Parade, gekoppelt mit ihrem diplomatischen Kontext, eine klare Absichtserklärung zur Etablierung einer alternativen Weltordnung mit China als führender Macht. Die technologische Parität und in einigen Nischenbereichen potenzielle Überlegenheit, die von der PLA propagandiert wurde, wird den strategischen Wettbewerb mit den Vereinigten Staaten weiter befeuern.

Jannis Düngemann