Indien, die bevölkerungsreichste Demokratie der Welt, nimmt im 21. Jahrhundert eine zunehmend zentrale Position in der internationalen Politik ein. Die geopolitischen Verschiebungen der letzten Jahre, insbesondere die wachsende Rivalität zwischen den USA und China, die Neuordnung der globalen Lieferketten sowie die Herausforderungen durch Klimawandel, Energie- und Ernährungssicherheit, haben die Aufmerksamkeit des Westens verstärkt auf den indischen Subkontinent gelenkt. Die Frage, inwieweit Indien als Partner des Westens agieren kann und will, ist dabei von grundlegender Bedeutung für die zukünftige Gestaltung der internationalen Ordnung.

Historische Entwicklung der Beziehungen

Die Beziehungen zwischen Indien und dem Westen sind historisch ambivalent geprägt. Nach der Unabhängigkeit 1947 verfolgte Indien unter Jawaharlal Nehru eine Politik der Blockfreiheit, die sich bewusst von den beiden Machtblöcken des Kalten Krieges distanzierte. Dennoch bestanden enge kulturelle und wirtschaftliche Verbindungen zu Großbritannien und anderen westlichen Staaten. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges, mit der wirtschaftlichen Öffnung Indiens in den 1990er-Jahren, intensivierten sich die Beziehungen zum Westen signifikant.

Die Annäherung an die USA, die Europäische Union und andere westliche Staaten wurde durch Indiens wirtschaftliche Liberalisierung, technologische Entwicklung und die wachsende Bedeutung als Absatzmarkt und Investitionsstandort begünstigt. Gleichzeitig blieb Indien stets darauf bedacht, seine strategische Autonomie zu wahren und keine einseitigen Bündnisse einzugehen.

Während der indischen G20-Präsidentschaft 2023 richtete Indien dass 18. Gipfeltreffen der Regierungschefs der G20 aus. Das Treffen fand am 9. und 10. September 2023 unter der Präsidentschaft des indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi in Neu-Delhi statt. Im Vorfeld und zeitgleich zum Treffen der Regierungschefs fanden, zum Teil auch in anderen indischen Städten, Fachministertreffen und andere Begleitveranstaltungen statt. Das Treffen stand unter dem Motto Vasudhaivha Kutumbakam (übersetzt etwa: Eine Welt, Eine Familie, Eine Zukunft). Grafik: G20

Geopolitische Interessen und strategische Partnerschaften

Indiens geopolitische Interessen sind vielschichtig und spiegeln sich in einer pragmatischen Außenpolitik wider. Die sicherheitspolitische Kooperation mit den USA, etwa im Rahmen des Quadrilateralen Sicherheitsdialogs (QUAD) mit Japan und Australien, hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Ziel ist es, dem wachsenden Einfluss Chinas im Indopazifik entgegenzuwirken und die regionale Stabilität zu sichern.

Auch mit der Europäischen Union pflegt Indien eine strategische Partnerschaft, die sich auf gemeinsame Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte stützt. Die Zusammenarbeit erstreckt sich auf Bereiche wie Handel, Klimaschutz, Digitalisierung und Bildung. Dennoch sind die Beziehungen nicht frei von Spannungen, etwa in Fragen der Menschenrechte, des Datenschutzes oder der Agrarpolitik.

Ein zentrales Element der indischen Außenpolitik bleibt die Wahrung der eigenen Handlungsfreiheit. Indien ist bestrebt, seine Beziehungen zu Russland, einem langjährigen Partner im Verteidigungsbereich, ebenso wie zu den Staaten des globalen Südens zu erhalten und auszubauen. Diese multipolare Orientierung ist Ausdruck eines tief verwurzelten Selbstverständnisses als eigenständige Großmacht.

Wirtschaftliche Verflechtungen und Herausforderungen

Indiens wirtschaftliche Entwicklung ist eng mit den westlichen Industriestaaten verflochten. Die USA und die EU gehören zu den wichtigsten Handelspartnern und Investoren. Besonders dynamisch ist der Austausch in den Bereichen Informationstechnologie, Pharmaindustrie, erneuerbare Energien und Dienstleistungen. Indische Unternehmen sind zunehmend global präsent, während westliche Unternehmen den indischen Markt als Wachstumsquelle schätzen.