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Der seit Monaten in den Fachzeitschriften immer wieder aufkeimende Rüstungsdeal zwischen Ägypten und Italien scheint seiner Realisierung näher zu kommen. Lediglich zum Umfang bleiben Fragen bestehen.

Bestätigt wird mittlerweile unter Berufung auf die italienische Nachrichten- und Presseagentur ANSA, dass die italienische Regierung den Verkauf von zwei Fregatten der FREMM-Klasse an Ägypten beabsichtigt. Es wird berichtet, dass am Sonntag, 7. Juni 2020, nach einem längeren Anruf zwischen dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah El-Sisi und dem italienischen Premierminister Giuseppe Conte, eine Einigung erzielt u.a. zu diesem Punkt erzielt wurde. Im Mittelpunkt des Gespräches stand die Situation in Libyen.

Weiter heißt es übereinstimmend in ägyptischen und italienischen Medien, dass die Vereinbarung die Lieferung von insgesamt vier Fregatten, zwanzig Vielzweck-Schiffen sowie die Lieferung von 24 Eurofightern, 24 Schulungsflugzeugen M-346 (Alenia Aermacchi M-346 Master – ein italienischer Strahltrainer) sowie einen Aufklärungssatelliten umfasse. Bisher liegt dazu keine offizielle Bestätigung vor.

Käme es tatsächlich zu einem Abschluss im derartigen Umfang, so wäre das ein weiterer großer Verkaufserfolg für die italienische Rüstungsindustrie in der Kooperation mit dem nordafrikanischen Land. Im April 2019 bestellte Kairo bei Leonardo zwanzig AW-149-Hubschrauber.

Bereits seit einiger Zeit war vom Verkauf zweier italienischer FREMM-Fregatten, die sich bei Fincantieri in der letzten Phase ihrer Fertigstellung befinden, die Rede. Die „Spartaco Schergat“ (F 598) und die „Emilio Bianchi“ (F 589) waren ursprünglich für die Marina Militare vorgesehen. Da die Informationen über ihre Veräußerung schon vor der Covid-19-Krise kursierten, steht die Abgabe nicht im Zusammenhang mit den Corona-Konsequenzen.

Über die beiden darüber hinaus zu liefernden Fregatten ist zum jetzigen Zeitpunkt nichts bekannt. Auch nicht zu den Modalitäten des Abkommens. Offen ist derzeit ebenso, ob und wie die Marina Militare kompensiert wird. „Emilio Bianchi“ (F 589) ist die letzte von zehn FREMM (auch als Bergamini-Klasse bezeichnet) und das sechste General-Purpose-Schiff dieser Klasse, die auch vier speziell zur U-Jagd optimierte Einheiten umfasst. Sie lief im Januar in Genua vom Stapel. Sie sollte im April 2021 an die Marina Militare ausgeliefert werden. Die Baunummer 9 lief als „Spartaco Schergat“ (F 598) im Januar 2019 vom Stapel – sie gehört ebenfalls in die Kategorie General-Purpose. Ihre Übernahme in die Marine war in diesem Sommer vorgesehen.

Die FREMM-Klasse ist ein französisch-italienisches Gemeinschaftsprojekt (Frégate Multi Mission – Vielzweckfregatte). In Italien fungiert Orizzonte Sistemi Navali (OSN) (51% Fincantieri, 49% Leonardo) als Hauptauftragnehmer, in Frankreich Armaris (Naval Group und Thales). Beide Länder beauftragten die OCCAR (bereits 2005) mit dem Management des FREMM-Programmes.

Der Stückpreis einer italienischen FREMM wird mit 765 Millionen Euro, der einer französischen mit 860 Millionen Euro angegeben. Die Angaben über die Einberechnung aller Ausrüstungsgegenstände (z.B. Waffen- und Elektroniksystemen) und der Entwicklungskosten sind nicht kongruent.

 

Kairo – Rom und Paris

Frankreich hat Ägypten 2015 eine Einheit dieser Klasse (die ehemalige „Normandie“, jetzt „Tahya Misr“) überlassen. Darüber hinaus konnte Paris mit zwei LPH (Landungsschiffe-Hubschrauberträger), mit Rafale-Kampfflugzeugen und mit Korvetten aus dem Gowind-Projekt in Ägypten landen. Erst kürzlich (im Mai 2020) wurde die „Luxor“, die vierte und letzte Korvette der El Fateh-Klasse, die auf die französische Typ Gowind 2500 zurückgeht, auf der Alexandria Shipyard fertig gestellt. Sie ist die dritte Korvette dieser Klasse, die in Ägypten gebaut wurde.

Im Zusammenhang mit der seit 2015 bestehenden Rüstungskooperation zwischen Kairo und Paris vereinbarte die französische Naval Group mit der Regierung Ägyptens im Jahr 2018 die Gründung einer Tochtergesellschaft zum Betrieb und Wartung der Korvetten der Gowind-Klasse. Ein Vertrag über den Erwerb von vier Gowind 2500-Korvetten für 1 Milliarde Euro (mit einer Option für zwei weitere) wurde bereits 2014 unterzeichnet. In dieser Summe nicht enthalten sind die Waffensysteme. Für sie wurden separate Verträge geschlossen, so dass sich die Gesamtkosten des Programms zwischen 1,5 und 1,7 Milliarden Euro belaufen. Kairo soll angeblich nicht mehr an der Option für die Baunummer fünf und sechs interessiert sein. Mit der Tochter „Alexandria Naval for Maintenance and Industry (ANMI)“ hat die französische Naval Group ihre Präsenz im Land am Nil verstärkt.

Frankreich hatte sich um den ägyptischen Fregattenwunsch bemüht – selbst unter Inkaufnahme eines hohen Risikos hinsichtlich der sich seit 2017 anbahnenden französisch-italienischen Industriekooperation zwischen Naval Group und Fincantieri. Doch seit dem Besuch von Staatspräsident Emmanuel Macron Ende Januar 2019 am Nil, scheint sich eine Entfremdung vollzogen zu haben. Davon mag Rom nun profitieren. Wobei davon auszugehen ist, dass eine transalpine Abstimmung stattgefunden hat. Denn die Konsolidierung im europäischen Rahmen ist  das erklärte Ziel der beiden Konzerne. Guiseppe Bono, CEO von Fincantieri während eines Webinars zum Neustart der Verteidigungsindustrie infolge Covid-19 am 8. Juni: „Die Politik, die wir verfolgt haben, ist die Konsolidierung der europäischen Industrie. Wir werden zu einer gemeinsamen europäischen Verteidigung gelangen, und wie in Italien müssen wir unsere Kräfte und Investitionen dort konzentrieren, wo wir stark sind, sonst riskieren wir Finanzströme von Europa in andere Länder.”

Für Ägypten waren die USA traditionell ein starker (Rüstungs-) Partner. Nach der Entmachtung der Muslimbruderschaft verschlechterten sich jedoch die Beziehungen und das Land begann, Alternativen zu suchen. Kairo besann sich auch auf alte russische Beziehungen zurück. Auf SIPRI-Angaben aufbauend, stammen 31 Prozent der zwischen 2009 und 2018 bezogenen Hauptwaffensysteme aus Russland, darunter Su-35, Mig-29, KA-52 Kampfhubschrauber.

Mit thyssenkrupp Marine Systems hat Ägypten die Lieferung von vier U-Booten sowie den Bau von vier MEKO A-200 vereinbart.

Hans Uwe Mergener