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Seit 70 Jahren steht die in Oberndorf am Neckar beheimatete Handwaffenhersteller Heckler & Koch den Streit- und Sicherheitskräften aus Deutschland, der NATO und NATO-assoziierten Staaten zur Seite. Das deutsche Traditionsunternehmen auch als HK bekannt und seine Produkte genießen weltweit einen legendären Ruf.

Der HK-Hauptstandort Oberndorf verfügt über modernste Infrastruktur und Maschinenpark (Foto: HK)

Die Geburtsstunde Heckler & Kochs schlug am 28. Dezember 1949, als die Firma ins Handelsregister eingetragen wurde. Firmengründer waren Edmund Heckler (1906 – 1960), Theodor Koch (1905 – 1976) und Alex Seidel (1909 – 1989). Eine hohe ingenieur- und waffentechnische Kompetenz zeichnete Heckler & Koch von der Gründung an ebenso aus, wie der sprichwörtliche schwäbische Erfinder- und Unternehmergeist. Alle drei Firmengründer hatten ihre berufliche Karriere in den berühmten Mauser-Werken in Oberndorf begonnen. In der für ihre metallverarbeitende Industrie wie ihre Waffenschmiede bekannten Stadt ist Heckler & Koch bis heute ansässig.

Bewegte Geschichte

Heckler & Koch produzierte zunächst Ersatzteile für Nähmaschinen und Fahrräder, erhielt aber bereits früh die Erlaubnis der französischen Besatzungsbehörden zur Handwaffenherstellung. Kunden waren Polizei, Bundesgrenzschutz und alliierte Streitkräfte. Mit der Aufstellung der Bundeswehr und der Wiederbewaffnung Deutschlands ab 1955 wandelte sich HK dann zu einem Rüstungsunternehmen. Ab 1959 fungierte die Firma als Hauptlieferant für das Sturmgewehr G3. Die ab Mitte der 1960er Jahre hergestellte Maschinenpistole MP5, welche ebenso der Waffenfamilie mit dem vom G3 bekannten, äußerst zuverlässigen abgestützten Rollenverschluss entstammt, entpuppte sich zum weiteren großen Erfolg. Zu weltweiter Berühmtheit kam die MP5 durch die Operation Nimrod, die Geiselrettungsaktion des britischen SAS in der iranischen Botschaft (Princes Gate, London) im Mai 1980.

Die Maschinenpistole MP5 gehört zu den Welterfolgen aus Oberndorf – hier eine schallgedämpfte Version (Foto: Jan-P. Weisswange)

Während des Kalten Krieges entwickelte HK gemeinsam mit Hensoldt und Dynamit Nobel im Auftrag der Bundeswehr das Sturmgewehr G11 mit hülsenloser Munition. Als mit dem Ende des Kalten Kriegs die Bestellung widerrufen wurde, geriet das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. 1991 wurde HK Teil von Royal Ordnance, einer Tochter des britischen Rüstungskonzerns BAE Systems. In diese Zeit fallen einige Großaufträge: Ab 1997 lieferte HK an die Bundeswehr das Sturmgewehr G36 und die Pistole P8. Zudem überarbeitete die Firma die ursprünglich von Enfield entwickelte britische Standardwaffe SA80/L85.

Das Sturmgewehr G11 (Foto: Jan-P. Weisswange)

2002 übernahmen die privaten Investoren Andreas Heeschen und Keith Halsey Heckler & Koch. Sie organisierten das Unternehmen neu und richteten es als international operierendes Rüstungsunternehmen mit Hauptsitz in Oberndorf aus. Das Produktportfolio wurde diversifiziert, der Vertrieb internationalisiert und in den Hauptsitz und Produktionsstandort Oberndorf investiert. Infrastruktur und Maschinenpark wurden modernisiert. 2007 entstand ein neues, erweitertes Logistikzentrum. Seit 2010 verfügt Heckler & Koch außerdem über ein neues Ausbildungszentrum.

HK heute

Zur H&K AG-Gruppe gehören heute die Tochtergesellschaften Heckler & Koch GmbH und die Heckler & Koch Management GmbH (beide in Oberndorf), die Heckler & Koch France S.A.S. in  Saint-Nom-La-Bretèche/Frankreich, die Nottingham Small Arms Factory Limited in Nottingham/UK, sowie die Heckler & Koch, Inc. (Columbus, Georgia/ USA), sowie die Heckler & Koch Defense Inc. und die Small Arms Group Holding Inc. (beide in Ashburn, Virginia/USA). Das H&K AG Corporate Headquarters befindet sich in Oberndorf am Neckar. Seit 2018 führt Dr.-Ing. Jens Bodo Koch die Firma als Geschäftsführer. Koch ist mit dem Firmengründer Theodor übrigens nicht verwandt. Die Funktion des Finanzvorstands hat Dr. Björn Krönert inne.

Um den sich ständig weiter entwickelnden Ansprüchen der Streit- und Sicherheitskräfte weltweit entsprechen zu können, unterhält Heckler & Koch umfangreiche Kapazitäten im Bereich Forschung und Entwicklung. Sowohl im Rahmen eigener Projekte als auch im Auftrag der deutschen Regierung und anderer NATO-Staaten ist HK als ein Marktführer an der Entwicklung neuer und der Verbesserung bestehender Waffen und Waffensysteme beteiligt.

Heckler & Kochs strenge interne Compliance- und Sicherheitsregeln bilden einen Stützpfeiler des Geschäftsmodells. Schlüsselkomponenten werden – auch bei Lizenzvergabe – ausschließlich in Oberndorf produziert. Das Unternehmen und sein Qualitätssicherungssystem sind nach EN ISO 9001 zertifiziert und entsprechen den Anforderungen des NATO-Qualitätsstandards nach AQAP 2110.

Familiengedanke

Schon während des Kalten Krieges gehörte es zu den Stärken der Oberndorfer Waffenschmiede, in Familien zu denken. Um das Sturmgewehr G3 herum entstand eine ganze Waffenfamilie von der Maschinenpistole bis zum gurtgeladenen Sturmgewehr.

Das äußerst zuverlässige Kurzhub-Gaskolbensystem des G36 machte nicht nur aus dem Enfield SA80 ein feldtaugliches Sturmgewehr, sondern legte zugleich die Grundlage für die äußerst erfolgreiche Sturmgewehrfamilie HK416/417.

Das MG5 alias HK121 wird derzeit neues Standard-MG der Bundeswehr (Foto: Bundeswehr)

Auch die Maschinengewehre  MG4 und HK121/MG5 zeichnen sich trotz unterschiedlicher Fertigungsverfahren durch gleichartige Bedienbarkeit und logistische Gleichheit aus. In der Bundeswehr ersetzt das MG5 derzeit das MG3 als Standard-MG, die MG4 und MG5-Bestände werden weiter harmonisiert.

Im Bereich der Kurzwaffen entstand jüngst eine ganze Produktpalette auf Basis der Schlagbolzenschlosspistole Striker Fired Pistol 9mm x 19 (SFP9). Die SFP 9 dient unterdessen bei zahlreichen deutschen Landespolizeien – etwa Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Sachsen – als Dienstpistole.

Die SFP9 Optically Ready mit Schalldämpfer und Jet-Funnel – Konzept für eine Spezialkräfte-Pistole (Foto: Jan-P. Weisswange)

HK416/417-Waffenfamilie

Die Entwicklung der HK 4516/417-Familie begann Anfang dieses Jahrtausends. Sie verbindet das weltweit verbreitete und einsatzbewährte Bedienkonzept von Eugene Stoners AR-Sturmgewehrarchitektur mit dem legendär zuverlässigen Kurzhub-Gaskolbensystem des G36. Die Serienfertigung des HK416 und des „größeren Bruders“ HK417 im Kaliber 7,62 mm x 51 lief im Februar 2005 an. Schnell folgten erste Beschaffungen. Zu den ersten Kunden gehörte das US SOCOM. Es folgten vor allem Spezialkräfte unter anderem aus Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Polen, Tschechien und jüngst Deutschland.

Der erste Großauftrag ging bereits 2007 ein. Die norwegischen Streitkräfte beschafften das HK416 als neues Standard-Sturmgewehr. Ein weiterer großer Erfolg in Übersee kam 2010. Das US Marine Corps führte eine Version des HK416 mit 16.5-Zoll-Lauf als Infantry Automatic Rifle M27 ein, um einen Teil der leichten MG M249 zu ersetzen und den Infantry Automatic Rifleman beweglicher zu machen. Im September 2016 bestellte die französische Beschaffungsbehörde Direction Générale d’ Armament (DGA) das Sturmgewehrsystem HK416 als neue französische Standardhandwaffe “Arme Individuelle Future (AIF)”.

Auch in Deutschland konnte die Waffenfamilie Fuß fassen. Das HK417 dient in der Bundeswehr als G27, das HK416A5 in verschiedenen Sicherheitsbehörden als G38. Zu den größten Nutzern zählt die Polizei Hessen. Sie führt das G38 mit 14.5“-Lauf und Slim-Line-Handschutz flächendeckend als moderne Mitteldistanzwaffe (MDW) ein. Das Mitteldistanzwaffen-Set 1 verfügt über ein Aimpoint Comp M4-Reflexvisier. Bis zu 1.614 Waffen sollen in dieser Version ausgeliefert werden. Das Miteldistanzwaffen-Set 2 wird über ein Steiner M5Xi-Zielfernrohr Sondermodell Hessen verfügen. Von dieser Konfigurtaion sollen bis zu 391 Waffen kommen. Weitere Erfolge der 416/417-Familie bei militärischen Kunden sind in Deutschland und den USA zu verzeichnen. So kommt die modernisierte Version HK416A7 als Sturmgewehr Spezialkräfte G95K in die deutschen Spezialkräfte von Heer und Marine. Die U.S. Army gab im Juli 2019 bekannt, mehrere tausend halbautomatische G28E als M110A1 Semi Automatic Designated Marksman Rifles zu beschaffen.

G95K alias HK416A7 mit Anbau-Granatwerfer HK269 (Foto: Jan-P. Weisswange)

Das HK416 befindet sich derzeit dem Vernehmen nach gemeinsam mit dem neu entwickelten modularen Sturmgewehrsystem HK433 im Rennen um das neue System Sturmgewehr Bundeswehr.

Ausblick

Gerade im Hinblick auf Landes- und Bündnisverteidigung stellen Entwicklung, Produktion und nachhaltige technologische Betreuung von Handwaffensystemen Schlüsseltechnologien dar. Auf diesem Geschäftsfeld gehört Heckler & Koch zu den europäischen Herstellern mit weltweitem Erfolg.

Autor: Dr. phil. Jan-Phillipp Weisswange arbeitet als Referent Öffentlichkeitsarbeit in der wehrtechnischen Industrie. Dieser Artikel gibt seine persönliche Meinung wieder.