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Seit dem Ende des Kalten Krieges wird der Mittelmeerraum von Kriegen, Krisen und Spannungen heimgesucht, die vor allem Europa bzw. die Europäische Union (EU) und die NATO herausfordern. Eine entscheidende Rolle für die maritime Sicherheit im Mittelmeerraum und im östlichen Atlantik spielt die 6. US-Flotte.

Der Mittelmeerraum umfasst das Mittelmeer, in dem die seewärtigen Grenzen der EU und der NATO-Südflanke verlaufen – mit seinen angrenzenden Gewässern, dem Schwarzen Meer und dem Roten Meer. Vier maritime Schlüsselpositionen (Choke Points) von seestrategischer Bedeutung kontrollieren den internationalen Schiffsverkehr im Mittelmeerraum: die Straße von Gibraltar, der Suez-Kanal, die Dardanellen und die Straße von Hormus. Im weitesten Sinne zählen auch der Golf von Aden und der Persische Golf als „hot spots“ dazu. Nordafrika und die Levante bilden im Mittelmeer die sicherheitspolitische Gegenküste zu Europa.

Aktuell gehen von dem Krisenbogen, der von Nordafrika über den Nahen und Mittleren Osten bis in den Indischen Ozean reicht, vielfältige Bedrohungen aus: Bürgerkriege, bewaffnete Konflikte, Terrorismus, organisierte Kriminalität, Drogen- und Menschen- sowie Waffenschmuggel, Piraterie sowie ein nicht abreißender Strom von Migranten.

Die 6. US-Flotte

(Grafiken U.S. Navy)

Die 6. US-Flotte ist Teil des militärischen Großverbandes United States Naval Forces Europe-Africa (NAVEUR-NAVAF). Der Hauptstützpunkt der Flotte liegt in Gaeta/Italien und ihr Hauptquartier in Neapel. Ihr Zuständigkeits- bzw. Verantwortungsbereich umfasst den Mittelmeerraum und den gesamten östlichen Atlantik, vom Nordpol mit der Barentssee, der Nord- und Ostsee bis in den südöstlichen Atlantik mit der Antarktis und dem südlichen Indischen Ozean.Zur 6. Flotte gehören ca. 45 Schiffe, ca. 180 Flugzeuge und ca. 21.000 Soldaten.

Die 6. US-Flotte gewährleistet in ihrem weiträumigen Einsatzbereich Sicherheit und Stabilität durch ihre Präsenz und vor allem regelmäßige Beteiligung an multinationalen und NATO-Großmanövern, Übungen und Sicherungs-Operationen. Dazu zählen beispielsweise die NATO-Operation „Sea Guardian“, Exercise „Phoenix Express“ oder die jährlichen U-Jagd-Manöver „Noble Manta“ der NATO im Mittelmeer. Im östlichen Atlantikraum sind es u.a. die jährlichen NATO-Großmanöver „Trident Juncture“ oder die BALTOPS-Operationen im Ostseeraum, die in diesem Jahr gemeinsam mit der 2. US-Flotte durchgeführt wurden. Im Golf von Guinea/Westafrika finden jährlich gemeinsam mit westafrikanischen Marinen die Übungsserien „Obangame Express“ statt. Seit 2014 beteiligt sich auch die Deutsche Marine an diesen multinationalen Seemanövern. Schließlich engagiert sich die 6. Flotte auch in ostafrikanischen Gewässern, wo u.a. die jährlichen multinationalen Übungsserien „Exercise Cutlass Express“ ablaufen.

Schwarzes Meer

Das Schwarze Meer (436.400 km²), etwas größer als die Ostsee (412.500 km²), hat durch den Kaukasus-Krieg 2008 (u.a. russische Seeblockade gegen Georgien) und insbesondere durch Russlands Annexion der Krim 2014, den ungelösten Konflikt in der Ostukraine und aktuell den ukrainisch-russischen Streit um Hoheitsgewässer im Asowschen Meer sicherheitspolitische Bedeutung gewonnen. Die Ukraine und auch Georgien streben neben ihrer Unabhängigkeit von Russland eine Mitgliedschaft in EU und künftig auch in der NATO an, was Russland zu verhindern versucht. Georgien ist bereits Mitglied im Europarat. Das Land erhält von den USA seit Jahren Militärhilfe (Ausbildung und Ausrüstung). Die USA sehen in Georgien u.a. einen geostrategischen Brückenkopf, der bis nach Zentralasien und Iran reicht. Die Ukraine ist seit 2004 ein Beitrittskandidat zur EU und zur NATO.

Der von Spannungen, Krisen und Krieg heimgesuchte Mittelmerraum (Grafik: mawibo)

Hinzu kommt, dass die Zufahrten ins Schwarze Meer besonderen sicherheitspolitischen Bestimmungen unterliegen. So regelt der Vertrag von Montreux (Meerengen-Abkommen) aus dem Jahr 1936 den Schiffsverkehr durch die Dardanellen. Während Handelsschiffe in Friedenszeiten den internationalen Schifffahrtsweg jederzeit und unbehindert nutzen können, gelten für Kriegsschiffe von Staaten, die nicht zu den Anrainern des Schwarzen Meeres zählen, besondere Regelungen. Nach dem Abkommen übt die Türkei die volle Souveränität über die Dardanellen, das Marmarameer und den Bosporus aus, deren Schifffahrtweg an der engsten Stelle nur 700 m breit ist. Kriegsschiffe müssen in Friedenszeiten ihre Durchfahrt ca. acht Tage vorher bei der Türkei anmelden. Die Tonnage einzelner Kriegsschiffe darf 10.000 t nicht übersteigen, passieren Kriegsschiffe gleichzeitig, dürfen 15.000 t nicht überschritten werden, und sie dürfen sich nur 21 Tage im Schwarzen Meer aufhalten. U-Boote und Flugzeugträger dürfen die Meerengen generell nicht passieren. In der Vergangenheit gab es wiederholt Streit über die Auslegung des Vertrags hinsichtlich der Durchfahrt schwerer US-Kriegsschiffe oder auch russischer Flugdeckkreuzer. Im Kaukasus-Konflikt 2008 verweigerte die Türkei US-Kriegsschiffen die Passage ins Schwarze Meer, weil die erlaubte Gesamttonnage überschritten worden war.

Der BMD-Zerstörer USS „Carney“ im Schwarzen Meer

Einheiten der 6. Flotte operieren jedoch regelmäßig im Schwarzen Meer und führen dort multi-nationale Seemanöver mit der rumänischen und bulgarischen Marine sowie der ukrainischen Marine durch. Es sind die Manöverserien „Sea Shield“ mit der rumänischen Marine und die seit 1997 jährlichen multinationalen Großmanöver „Sea Breeze“ mit der Ukraine. „Sea Breeze 2019“ mit 19 teilnehmenden Nationen (Dänemark, Bulgarien, Estland, Frankreich, Georgien, Griechenland, Großbritannien, Italien, Kanada, Lettland, Litauen, Moldawien, Norwegen, Polen, Rumänien, Schweden, Türkei, USA und Ukraine) hat eindrucksvoll die Fähigkeit der 6. Flotte veranschaulicht, gemeinsam mit Partnermarinen in einem konfliktreichen Meer für Sicherheit und Stabilität zu sorgen.

ES&T hatte vor diesem Hintergrund Gelegenheit, der Befehlshaberin der 6. US-Flotte, Vizeadmiral Liza M. Franchetti, einige Fragen zu stellen.
Vice Admiral Liza M Franchetti (Fotos: U.S. Navy)

ES&T: Admiral Franchetti, der Mittelmeerraum bildet ein Krisen- und Spannungsgebiet, das u.a. Europas Sicherheit bedroht. Welche spezielle Rolle spielt die 6. US-Flotte im Mittelmeerraum?

Franchetti: Als ein operativer Arm der US-Navy in Europa und Afrika operiert die 6. US-Flotte in allen Randmeeren und Ozeanen – Atlantik, Ostsee, Mittelmeer, Schwarzes Meer und rund um Afrika –, um Terrorismus und illegale Aktivitäten zu bekämpfen, Überwachung und Aufklärung sicherzustellen und die Freiheit der Seewege (freedom of navigation) im weitesten Sinne zu gewährleisten. Unsere Präsenz im Mittelmeerraum präsentiert eine über 70 Jahre lange Tradition sicherheitspolitischer Verantwortung und Verpflichtung in dieser so wichtigen Weltregion. Wir arbeiten mit der NATO und allen Marinen der Anrainerstaaten eng zusammen, um jederzeit ein gemeinsames und aktuelles maritimes Lagebild erstellen zu können und um unsere Fähigkeit zur Kooperation auf See in allen Bereichen der Seekriegführung zu stärken. Vom Mittelmeerraum aus haben wir weitreichende Einflussmöglichkeiten – wir bekämpfen Terrororganisationen und Extremisten in Libyen, unterstützen die Operation „Inherent Resolution“ (Kampf der USA gegen die Terrormilizen des Islamischen Staates), bekämpfen die Chemiewaffen-Arsenale in Syrien, gewährleisten den Schutz gegen ballistische Raketen (Ballistic Missile Defense) in Europa, leisten humanitäre Katastrophenhilfe sowie eine Vielzahl anderer Hilfseinsätze im maritimen Bereich.

ES&T: Welches sind die größten sicherheitspolitischen Herausforderungen im Mittelmeerraum?

Die Fregatte „Hessen“ war 2018 in eine US-Flugzeugträgerkampfgruppe integriert.

Franchetti: Der Mittelmeerraum stellt seit jeher ein dichtgebündeltes maritimes Seeverkehrsnetz mit vielfältigen Bedrohungen von den Küsten aus dar – und das jeden Tag. Ich sehe mich in der Mitte des Mittelmeerraumes und überblicke 360° an Herausforderungen. Im Süden haben wir Instabilitäten in Form von Terrorismus, Extremismus, Waffen- und Menschenhandel, Schmuggel und Migration, die sich zunehmend auf Europa auswirken. Im Osten herrscht ein Dauerkonflikt mit Syrien, gibt es eine zunehmende Präsenz russischer Küstenverteidigungs-Cruise Missiles (CDCM) sowie russischer Marineverbände, die zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marinestützpunkt Tartus/Syrien operieren. Uns beunruhigen auch das iranische ballistische Raketenprogramm und iranische Marinekräfte, die stellvertretend in diesen Gebieten operieren. Im östlichen Mittelmeer ist es durch die Entdeckung von riesigen Gas- und Ölfeldern zu Friktionen und Streit zwischen den angrenzenden Staaten gekommen. Und wir beobachten eine stetig zunehmende russische und chinesische Präsenz und Aktivität entlang der nördlichen afrikanischen Küste, um dort neue Beziehungen und Verbindungen zu knüpfen bzw. alte zu erneuern und um Zugang zu den nordafrikanischen Staaten zu bekommen.

ES&T: Die 2. US-Flotte wurde 2018 in Norfolk reaktiviert. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die 6. US-Flotte mit Blick auf gegenseitige Unterstützung und operative Zusammenarbeit im Atlantik?

Franchetti: Ich bin sehr erfreut über die Reaktivierung der auf den westlichen Atlantik ausgerichteten 2. US-Flotte mit der Aufgabe, die Seeverbindungswege zu schützen, die Alliierten zu unterstützen und das Heimatland USA zu verteidigen. Die Flotte verfügt über alle Fähigkeiten, um maritime Operationen im Atlantik, im Hohen Norden und im gesamten europäischen Seeraum durchzuführen. Sie ist ein weiterer „operativer Arm“ der Naval Forces Europe. Wir waren bislang außerordentlich erfolgreich in unserer engen und nahtlosen Zusammenarbeit bei Operationen und Übungen über die Befehlsgrenzen im Atlantik hinweg. Wir glauben, dass ein Gegner versuchen wird, Lücken an den Grenzen und Nahtstellen unserer Befehlsbereiche zu finden, um dort hineinzustoßen. Unsere Aufgabe ist es, solche Lücken und Nahtstellen zu vermeiden und alle Bemühungen eines Gegners zu unterlaufen. Das üben wir bereits in Friedenszeiten, damit unsere Zusammenarbeit in Krise und Krieg effektiv funktioniert.

ES&T: Der Verantwortungs- bzw. Einsatzbereich der 6. US-Flotte deckt auch Afrika ab. Wie erfüllen Sie diese zusätzliche Aufgabe?

Franchetti: Unsere Streitkräfte in Afrika unterstützen das U.S.-Africa Command (AFRICOM) bei dessen Kernaufgabe, partnerschaftliche Netzwerke zu festigen und die Fähigkeiten unserer afrikanischen Partner zu stärken. Wir arbeiten eng mit unseren afrikanischen Partnermarinen und Küstenwachen sowie mit anderen euro-atlantischen Partnern zusammen, um ein gemeinsames Netzwerk aufzubauen, das den afrikanischen Staaten hilft, ihre maritimen Seeräume selbst zu sichern. Dabei liegt der Schwerpunkt unserer Unterstützung in der Bekämpfung der Piraterie, des Schmuggels, der illegalen Fischerei und anderer krimineller Aktivitäten. Wir führen in Afrika drei jährliche Großmanöver durch: „Cutless Express“ (im westlichen Indischen Ozean), „Obangame Express“ (im Golf von Guinea) und „Phoenix Express“ (im Mittelmeerraum). Jedes Manöver trägt zur Steigerung der Führungs- und Einsatzfähigkeit unserer afrikanischen Partner bei. Dabei wird unser Einsatz in Afrika von unseren europäischen Partnern maßgeblich unterstützt.

ES&T: Operieren die Einheiten für die Raketenabwehr der 6. US-Flotte auch im Schwarzen Meer?

Franchetti: Unsere Schiffe, die für die Raketenabwehr vorgesehen sind, operieren routinemäßig im Schwarzen Meer und in allen anderen Seegebieten. Es sind Mehrzweck-Schiffe, die neben ihrer Raketenabwehr-Mission auch andere Missionen gemeinsam mit unseren Alliierten und Partnern in der gesamten Region erfüllen. In diesem Jahr operierten z.B. die Zerstörer USS „Donald Cook“, USS „Ross“ und USS „Carney“ im Schwarzen Meer und beteiligten sich dort u.a. an bilateralen Übungen und Manövern mit Bulgarien, Rumänien, der Ukraine, der Türkei und Georgien sowie an multinationalen Manövern „Sea Breeze“ und „Breeze“, die gemeinsam mit der Ukraine bzw. mit Bulgarien geplant und durchgeführt wurden. Die Zerstörer der „Arleigh Burke“-Klasse bilden den Kern unserer voraus-stationierten Kräfte und gemeinsam mit dem Raketenabwehrsystem „Aegis Ashore Romania“ sind sie Teil des European Phased Adaptive Approach (EPAA), unsere Verpflichtung zur Verteidigung Europas gegen Bedrohungen mit ballistischen Raketen von außerhalb der Region. Im nächsten Jahr wird die US-Navy damit beginnen, diese in Rota/Spanien stationierten Zerstörer durch neue Zerstörer mit modernster Technologie zur Raketenabwehr, modernisierten Waffensystemen und neuen Hubschraubern zu ersetzen.

USS „Mount Whitney“ – das Führungsschiff der 6. US-Flotte

ES&T: Die 6. US-Flotte bedeutet eine Investition der USA für Europas Sicherheit. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den europäischen NATO-Partnern?

Franchetti: Wir pflegen enge Beziehungen mit allen NATO-Marinen, mit dem Allied Maritime Command (MARCOM) und mit den Standing NATO Naval Forces. Alle meine Einheiten der 6. US-Flotte nutzen jede Möglichkeit, um mit ihren jeweiligen NATO-Partnern gemeinsam auf See zu üben und zu operieren – über Wasser, unter Wasser, in der Luft und an Land. Wir lernen eine Menge von unseren Partnern. Denn sie kennen ihr spezielles Einsatzgebiet und ihre Geographie und sie verfügen über reichliche Einsatzerfahrungen in ihrer Region. Aus meiner Sicht leisten die NATO-Marinen enorme Unterstützung und fühlen sich verpflichtet, unsere gemeinsamen Fähigkeiten, Interoperabilität und Einsatzbereitschaft zu stärken.

Hierzu einige Beispiele des letzten Jahres: Die deutsche Fregatte „Hessen“ und die spanische Fregatte „Mendez Munez“ wurden in die Flugzeugträgerkampfgruppen „Harry S. Truman“ und „Abraham Lincoln“ als AAW (Anti Air Warfare-Schiffe zur weiträumigen Luftabwehr) integriert. Um unsere Einsatzbereitschaft zu festigen, führten wir umfangreiche Flugzeugträger-Übungen mit Norwegen, Portugal, Italien, Litauen und Großbritannien durch. Solche Übungen sollen auch künftig stattfinden. Unsere Zerstörer „Donald Cook“ und „Ross“ operierten gemeinsam mit der französischen Flugzeugträgerkampfgruppe „Charles de Gaulle“. Insgesamt gesehen partizipieren die NATO-Marinen an allen Übungen und Manövern meiner Flotte: 18 Nationen beteiligten sich an BALTOPS, 12 Nationen an „Sea Breeze“, 13 Nationen an „Formidable Shield“, eine integrierte Luftverteidigungs-Übung vor Schottland und insgesamt 48 Nationen an den Manövern „Obangame“/„Phoenix“/„Cutless Express“ etc.

Wir besitzen große Vorteile im maritimen Wirkungsbereich: Alle Marinen operieren in derselben Geographie, unter denselben Bedingungen und mit denselben Einsatz- und Operationsverfahren. Insgesamt nutzen wir jede Möglichkeit, gemeinsam in Übungen und Manövern zu operieren, um die Glaubwürdigkeit unserer Abschreckung zu unterstreichen und um unsere Einsatzbereitschaft zur Verteidigung und zum Sieg zu stärken. Gemeinsam sind wir stärker!

Die Fragen stellte Dieter Stockfisch