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Im Rahmen der seit 25 Jahren größten Verlegungsübung von US-Soldaten nach Europa, Defender-Europe 20, beübt die U.S. Navy das Konvoiwesen.

Im Vorfeld, ihren Transit ins Mittelmeer nutzend ‚bereinigte‘ die Trägergruppe um USS „Dwight D. Eisenhower“ zusammen mit einem U-Boot und P-8A Poseidon das Aufmarschgebiet. Möglich ist, dass das im Meldeaufkommen erwähnte (nicht näher bezeichnete) U-Boot die Gegnerdarstellung übernahm. Fotos der US Navy zeigen den Lenkwaffenkreuzer der Ticonderoga-Klasse USS „Vella Gulf“ (CG-72), der das vom Military Sealift Command betriebene Roll-On/Roll-Off-Schiff der Bob Hope-Klasse „Benavidez“ (T-AKR 306) und das unter US-Flagge fahrenden Fahrzeugtransportschiff „Resolve“ eskortierte. Bestimmungshafen der Transporter sei Vlissingen (Niederlande).

Defender-Europe 20 soll die Fähigkeit der US Streitkräfte und ihrer Verbündeten testen, Kräfte und Ausrüstung aus den USA nachzuführen und innerhalb Europas zu verlegen. Während der von der U.S. Army Europe geführten Übung, bei der 16 Alliierte beteiligt sind, sind 20.000 Soldaten, 13.000 Fahrzeuge und anderes Gerät bzw. 1,3 Millionen Quadratfuß (ca. 117.000 Quadratmeter) Armeeausrüstung aus (fünf) Häfen an der US-Westküste bzw. dem Golf von Mexiko nach Europa zu bringen – und wieder zurück.

Mit der Konvoi-Operation will man die (komplizierten) Führungs- und Koordinierungswege (Command- and Control-Arrangements (C2)), die über den Atlantik reichen, validieren. Immerhin, so rechnet das US-Verteidigungsministerium, werden 90 Prozent des benötigten Nachschubes auf dem Seeweg transportiert. Dabei kreuzen sich Verantwortlichkeiten. In Europa ist Naval Forces Europe (Neapel) für die maritimen Anteile der Operationen, hier: Defender-Europe 20, zuständig. In die Führungsstrukturen ist die 6. US Flotte einzubinden, die ihrerseits den östlichen Atlantik (und das Mittelmeer) verantwortet. Die Sicherheit der Seewege im Atlantik teilen sich die 6. und die 2. Flotte. Letztere ist keine ‚fleet in being‘, also keine stehende Flotte (ihre FOC wurde kurz vor Jahresbeginn 2020 erklärt – ESuT berichtete). Marine-Einheiten, amphibische Kräfte und Flugzeuge, werden ihr lage- und auftragsgemäß unterstellt. Auf Anweisung – wie in diesem Fall – führt der Kommandeur der 2. Flotte (C2F) Übungen und Operationen innerhalb des Verantwortungsraumes des US European Command, sozusagen als Expeditionsflotte, durch und stellt so NAVEUR eine strategische Reserve zur Verfügung, mit deren Hilfe die Gesamtkräfte dynamisch eingesetzt werden können.

Transatlantische Führungsstrukturen

„Die Koordination zwischen NAVEUR, 2. Flotte und 6. Flotte ist ein Gradmesser für nahtloses Zusammenarbeiten im Atlantischen Ozean”, bekräftigte Adm. James G. Foggo III, Kommandeur der United States Naval Forces Europe (NAVEUR)/Naval Forces Africa und Befehlshaber des Allied Joint Force Command Neapel. “Diese Übung ermöglicht es uns, unsere Fähigkeit, kritische Ressourcen über den Atlantik zu bewegen, auszugestalten.”

Die Koordinierungserfordernisse steigern sich noch insofern, da das Military Sealift Command (MSC), das über 130 Schiffe betreibt und dem Versorgungs- (für die weltweit operierenden US Flotten) und Transportaufgaben zufallen, einzubinden ist.

Über die Führungsbelange der operativen und strategischen Ebene hinaus gibt es natürlich auch taktische Erfordernisse im Training der Führungsteams von Handels- und Kriegsschiffen bei dieser Form der Zusammenarbeit.

Kapitän Hans E. Lynch, Kommodore des MSC Atlantik (TF 83): „In einem realen Konflikt muss ein Großteil der militärischen Ausrüstung per Seetransport absolviert werden, was Konvoioperationen zu einer kritischen Fähigkeit macht, die es aufrecht zu halten und zu üben gilt.” Und setzte an anderer Stelle fort: „In den letzten fünf Jahren wurde der Schwerpunkt verstärkt auf die Einbeziehung der Handelsmarine in groß angelegte Übungen gelegt, um die taktischen Fähigkeiten zu verbessern. Übungen, die Konvoioperationen beinhalten, sind eine Erweiterung dieser laufenden taktischen Ausbildung.” Für ihn liegt ein Augenmerk der während Defender-Europe 20 darin, Schwachstellen zu identifizieren, um hernach an der Verbesserung der Führungsfähigkeit der Konvois zu arbeiten. Der Gewinn liegt jedoch schon so auf der Hand: die Teilnahme am Planungsprozess der U.S. Navy verstärke das gegenseitige Verständnis und fördere das Miteinander. Letztendlich könnten gemeinsam Defizite erkannt und behoben werden. Darüber hinaus betonte der Kommodore den Wert der individuellen Ausbildung seiner Brückenbesatzungen, die sich höheren Anforderungen als sonst ausgesetzt sähen.

Zwar liegen Welten zwischen den Dimensionen der Konvoieinsätze im Zweiten Weltkrieg und der heutigen Übung im Zusammenhang mit Defender-Europe 20, doch scheint sich, fernab von manchen politischen Entwicklungen in Washington, die U.S. Navy der Nachschubaufgabe bewusst zu sein und sich ihrer anzunehmen. Die letzte Konvoiübung soll 1986 stattgefunden haben. Anmerkung: Die Maßnahmen im Persischen Golf zum Schutz des dortigen Schiffsverkehrs sind keine Konvoi-Operationen.

Die Verfügbarkeit von Schiffen für das Maritime Sealift Command war im Jahr 2019 Gegenstand eines Audits. In seinem am 22. Januar 2020 vorgelegten Bericht kritisiert der ‚Inspector General‘ im US-Verteidigungsministerium die Einsatzbereitschaft der 15 dem MSC gehörenden Schiffe sowie unterschiedliche Kriterien zur Beurteilung der Einsatzfähigkeit derjenigen Schiffe, die für Unterstützungs- und Transporteinsätze von der ‚Maritime Administration‘ (MARAD) angemietet bzw. bereedert (35 Schiffe zur direkten Verfügung) werden.

Hans Uwe Mergener