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Das Bieterkonsortium von MBDA Deutschland und Lockheed Martin hat im Juni 2019 dem BAAINBw (Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr) das Angebot für das Taktische Luftverteidigungssystem TLVS vorgelegt. Aus diesem Anlass sprach die ES&T mit Dietmar Thelen, Geschäftsführer der TLVS GmbH.

ES&T: Welchen Leistungsumfang umfasst das vorgelegte Angebot?

Dietmar Thelen ist Geschäftsführer der TLVS GmbH (Foto: TLVS GmbH)

Thelen: Das angebotene System bietet Schutz gegenüber einer deutlich größeren Bandbreite von Bedrohungen als bisherige Lösungen, unter anderem durch zwei missionsspezifische Abwehrflugkörper, erweiterte Sensorfähigkeiten, ein neues Kommunikationssystem, hochentwickelte Software-Algorithmen und höhere Cyber-Sicherheit. Aber es sind nicht nur die leistungsfähigen Systemelemente, sondern vor allem deren vollstufige Integration zu einem Gesamtsystem. Die auf einem Plug-and-Fight-Interface basierende Systemarchitektur ermöglicht eine bisher nie dagewesene Systemleistung. TLVS wird das erste integrierte Luftverteidigungssystem sein, das mehrere Bedrohungen auf kurze und mittlere Distanz simultan verfolgen und abfangen kann. Es ermöglicht erstmals einen 360-Grad-Rundumschutz. Wir haben TLVS entsprechend den Anforderungen des Kunden ausgelegt. Unser Ansatz reduziert Risiken, gewährleistet geringe Lebenszykluskosten und erhöht die Schlagkraft im Einsatz.

ES&T: Wird TLVS auch neuartige Bedrohungen wie Hyperschallwaffen abwehren können?

Thelen: TLVS ist das modernste System seiner Art und damit allen aktuellen Bedrohungen gewachsen. Gleichzeitig ist das System so konzipiert, dass es zukünftig noch leistungsfähigere Sensoren und Effektoren einbinden kann; dazu gehören Laserwaffen oder Effektoren gegen Hyperschallwaffen. So kann das System fortlaufend an neue Bedrohungen angepasst werden. Mit TLVS schaffen wir die Voraussetzung, möglichen Aggressoren immer einen Schritt voraus zu sein.

Offene Systemarchitektur von TLVS (Graphik: TLVS GmbH)

ES&T: Die in der Tagespresse kolportierten zehn Milliarden Euro sind ein sehr hoher Betrag. Können Sie diese Zahl bestätigen?

Thelen: Unser Ziel ist es, einen Vertrag auszuhandeln, der künftige Kosten klar kalkuliert und die zu erbringenden Leistungen detailliert beschreibt. TLVS entspricht den Forderungen der Agenda Rüstung des BMVg von 2014 und stellt Kosten- und Leistungstransparenz sicher. Das vermeidet Überraschungen in den kommenden Jahren. Der finale Betrag wird das Ergebnis der Verhandlungen sein, mit anderen Worten: Volle Kostentransparenz wird es zur parlamentarischen Befassung geben. Ein wichtiger Aspekt ist aber, dass TLVS Schutz mit wesentlich geringerer Personalstärke bieten kann als heutige Systeme. Das spart Kosten.

ES&T: Kritische Stimmen behaupten, dass ein ähnlich leistungsfähiges System auch mittels Kampfwertsteigerungen von bestehenden Systemen deutlich günstiger erreicht werden könnte. Was können Sie darauf entgegnen?

Thelen: TLVS ist keine technologische Evolution, sondern eine Revolution: Es geht weit über die Leistungsfähigkeit bestehender bodengebundener Luftverteidigungssysteme hinaus und berücksichtigt eine zunehmend dynamische Bedrohungslage.

Die konkreten Fähigkeitsforderungen sind Bestandteil der Vertragsverhandlungen. Sie sind nur der TLVS-Bietergemeinschaft sowie dem öffentlichen Auftraggeber bekannt. Eine Aussage zu Kosten und Leistung ist ohne Kenntnis der Anforderungen des Kunden aus meiner Sicht unseriös.

ES&T: Welche Gründe lagen vor, dass das Angebot erst jetzt abgegeben werden konnte?

Bedrohung und Abwehr (Graphik: TLVS GmbH)

Thelen: Wir haben die Angebotsaufforderung im Februar 2016 erhalten und im Herbst desselben Jahres unser erstes Angebot abgegeben. In der Erörterung des ersten Angebotes hat sich herausgestellt, dass mehr als das damals angebotene Luftverteidigungssystem benötigt wird. Deshalb erfolgte 2018 eine zweite Angebotsaufforderung. Entsprechend haben wir im Juni 2019 ein neues Angebot abgegeben. Deutschland als NATO-Rahmennation wird ein System erhalten, das mehr Leistung und Systemunabhängigkeit bietet.

ES&T: Steht Deutschland mit TLVS nicht ziemlich isoliert da? Polen, Schweden, die Niederlande und Rumänien haben sich gerade erst Patriot angeschafft. Ist das kein Nachteil für die Bundeswehr?

Thelen: Nein. Diese Länder sind gerade erst dabei, die Verteidigungsstufe zu erreichen, die Deutschland schon erreicht hat. Da ist Patriot nun mal das verfügbare System. TLVS ist die nächste Entwicklungsstufe und wird in Zukunft auch für diese Länder interessant sein.

ES&T: Wie viele der Unterauftragnehmer sind deutsche Unternehmen?

Thelen: Deutschlandweit sind etwa 30 Unternehmen an TLVS beteiligt. In Spitzenzeiten werden mehr als 6.000 hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von der Umsetzung des neuen taktischen Luftverteidigungssystems profitieren, die meisten davon in Deutschland.

Die Fragen stellte Peter Boßdorf.