
Autonomie für Europas Nachschublinien – FERNRIDE wagt den Sprung in die Defence-Sparte
Oliver Rolofs
München, 4.9.2025 – Europas militärische Verteidigungsfähigkeit hängt nicht allein von Kampfpanzern, Flugzeugen oder Raketen ab – sondern von einem unscheinbareren, doch entscheidenden Faktor: der Logistik. Ohne Treibstoff, Munition, Ersatzteile und Verpflegung bleiben selbst modernste Waffensysteme am Boden. Gerade hier aber liegt die stille, kaum beachtete Achillesferse Europas. Das Problem hat sich durch Russlands Krieg gegen die Ukraine noch einmal verschärft. Allein das Deutsche Heer müsste seine Transport- und Logistikkapazitäten verdoppeln, um den aktuellen Bedarf an Nachschub und Versorgung überhaupt decken zu können.
In dieses Vakuum stößt nun ein junges Münchner Unternehmen: FERNRIDE, bislang bekannt als führende Plattform für autonome Lastfahrzeuge im zivilen Bereich, richtet den Blick auf die Verteidigungslogistik. Nach erfolgreichen Projekten mit Volkswagen, DB Schenker und der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) gründet das Startup nun eine Defence-Sparte – und greift damit ein Thema auf, das in Politik und Militär gerade eines der brennenden Themen ist: die strukturelle Verwundbarkeit europäischer Nachschublinien.

Versorgungskollaps vorprogrammiert
Während Containerterminals bereits heute von FERNRIDE-Systemen beschleunigt werden, wächst im Hintergrund eine oft übersehene Verwundbarkeit. Laut dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) fehlen derzeit 60.000 bis 80.000 Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer pro Jahr. Mit steigender Tendenz. Jährlich treten zudem rund 30.000 Berufskraftfahrer in den Ruhestand. Dem stehen nur etwa 17.000 Neueinsteiger gegenüber. Damit droht Deutschland perspektivisch ein Versorgungskollaps nach britischem Vorbild.
Hinzu kommt: Rund ein Viertel der Lkw-Fahrer in Deutschland besitzt keinen deutschen Pass, viele stammen aus Ost- und Südosteuropa. Was im Alltag den Fahrermangel abfedert, entpuppt sich im Krisen- oder Verteidigungsfall als strategisches Risiko. Denn diese Fahrer stünden dann nicht mehr zur Verfügung – sie würden in ihren Heimatländern gebraucht oder dort der Wehrpflicht unterliegen.
Die Folgen wären dramatisch: Innerhalb kürzester Zeit käme es nicht nur zu Engpässen in der zivilen Versorgung von Bevölkerung und Industrie, sondern auch zur Unterbrechung militärischer Nachschubwege. Damit entstünde eine gefährliche Doppelkrise: Zivile Strukturen würden ins Wanken geraten, während Armeen ohne gesicherte Logistik ihre Handlungsfähigkeit verlören. Genau an dieser Bruchstelle setzt FERNRIDE an.

Investoren treiben FERNRIDE-Defence voran
Die Kombination aus KI-gestützter Autonomie, fahrzeugunabhängiger Nachrüstbarkeit und menschlicher Fernsteuerung soll Streitkräften helfen, Nachschubwege resilienter und unabhängiger zu machen. Autonome Konvois könnten nicht nur den akuten Fahrermangel kompensieren, sondern auch hochqualifiziertes Personal von repetitiven Transportfahrten entlasten – für Aufgaben, die in der Gefechtsführung wirklich zählen.
„Europa braucht Souveränität in kritischen Technologien. Autonome Systeme für Container-Terminals und den ganzen Verteidigungsbereich sind missionskritisch“, betont CEO und Mitgründer Hendrik Kramer.
Unterstützung bekommt das 2019 aus der TU München gegründete Startup aus prominenter Richtung: Thomas Müller, Ex-CEO des Rüstungselektronik-Spezialisten Hensoldt und Airbus-Board-Mitglied, ist als Investor eingestiegen und sitzt nun im Beirat des Unternehmens. Auch ein großes französisches Family Office, Helantic oder Motion Ventures stehen auf der Liste der strategischen Kapitalgeber. Mit über 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, einer aktuell erweiterten Series-A Finanzierungsrunde von 18 Millionen Euro hat FERNRIDE damit nun in kurzer Zeit fast 75 Millionen Euro Venture Capital eingesammelt und etwas in der Hinterhand, um seine Defence-Sparte systematisch ausbauen.

Autonome Logistik schützt Europas Handlungsfähigkeit
Für Europas Verteidigungsfähigkeit geht es dabei um weit mehr als technologische Spielereien. Eine verdoppelte Logistikkapazität ist nicht nur ein frommer Wunsch, sondern eine sicherheitspolitische Notwendigkeit. Bereits NATO-Großübungen wie Defender Europe haben gezeigt, dass Nachschub und Truppenverlegung über deutsche Straßen und Schienennetze an ihre Grenzen stoßen. Die Verfügbarkeit von Lkw und Fahrern erwies sich dabei als neuralgischer Punkt. In Zeiten, in denen die Allianz ihre Ostflanke verstärken und zugleich weltweite Krisenreserven bereithalten muss, darf Logistik nicht zum Flaschenhals werden. Autonome Systeme könnten hier zur strategischen Reserve Europas werden – und Leben retten.
Investor und neues Beiratsmitglied Thomas Müller bringt es nüchtern auf den Punkt: „Verteidigungslogistik muss sich radikal modernisieren. FERNRIDE bringt die Technologie, um das möglich zu machen.“ Was mit Containern im Hafen begann, könnte schon bald für Munitionskonvois, Feldlager und mobile Depots gelten: eine autonome, resiliente und sichere Logistik „Made in Europe“, die im Ernstfall nicht nur Güter bewegt, sondern die Verteidigungsfähigkeit des Kontinents sichert.
Oliver Rolofs














