Vor 80 Jahren zerriss über Hiroshima der Himmel. Drei Tage später traf es Nagasaki. Es war der Beginn eines Zeitalters, das seither von einer fundamentalen Frage geprägt ist: Kann nukleare Abschreckung Frieden sichern, oder führt sie die Menschheit an den Rand der Selbstvernichtung?

Bis heute lautet die nüchterne Bilanz: Seit August 1945 wurden – abgesehen von über 2.000 Testexplosionen – keine Atomwaffen mehr eingesetzt. Viele sehen darin den Beleg, dass nukleare Abschreckung funktioniert. So auch die NATO selbst, die ihre Strategie als klassische Kriegsverhinderungsstrategie versteht.

Auch die Eskalationen des Kalten Krieges blieben trotz Raketenschach und gefährlicher Irrtümer wie 1983, als das NATO-Manöver „Able Archer“ von Moskau beinahe als realer Angriff missverstanden wurde, unterhalb der atomaren Schwelle. Kritische Stimmen halten dagegen: Abschreckung könne nie als „erwiesen“ gelten, solange ihre Wirkung nur durch Unterlassung belegt wird. Was als Beweis für ihre Funktionalität erscheint, könnte ebenso das Ergebnis politischen Glücks, technischer Hürden oder individueller Zurückhaltung gewesen sein.

Chinas Aufstieg verändert die Logik nuklearer Abschreckung

Fest steht: Die Welt ist gefährlicher geworden, nicht nur wegen der wachsenden Zahl nuklearer Ambitionen. Mit China rückt erstmals eine dritte strategische Nuklearmacht auf Augenhöhe zu den USA und Russland auf. Das Arsenal wächst jährlich um rund 100 Sprengköpfe und könnte bis 2035 auf 1.500 steigen. China stationiert moderne Interkontinentalraketen, modernisiert seine U-Boote und entwickelt eigene Frühwarnsysteme – eine gezielte Strategie zur globalen Machtprojektion. Gespräche mit den USA lehnt Peking bislang ab.

Chinas Aufstieg zur dritten strategischen Nuklearmacht verändert die Logik nuklearer Abschreckung. Wo einst bipolare Stabilität herrschte, entsteht eine Tripolarität mit erhöhtem Eskalationsrisiko. Die USA müssen heute nicht mehr nur Moskau abschrecken, sondern gleichzeitig auch Peking. Verträge wie New START laufen 2026 aus, neue Abkommen sind nicht in Sicht. Schon jetzt verhindert Moskau jede ernsthafte Kontrolle: Inspektionen werden blockiert, Gespräche verweigert. Damit steht erstmals seit Jahrzehnten die vertragsgebundene Begrenzung strategischer Atomwaffen vor dem Aus mit gravierenden Folgen für globale Transparenz und Stabilität.

Die atomare Bewaffnung schafft neues Erpressungspotenzial

Gleichzeitig steigt der Druck aus der zweiten Reihe. Indien und Pakistan modernisieren ihre Arsenale. Nordkorea zeigt sich unberechenbar. Der Iran ist womöglich nur einen Schritt von der Bombe entfernt. Zwar haben die jüngsten Angriffe der USA und Israels das Atomprogramm zurückgeworfen, doch ist unklar, ob die Anlagen wirklich zerstört wurden und wo das angereicherte Material heute lagert.

ES&T-Chefredakteur Jürgen Fischer. (Foto: Maurizio Gambarini)

Was aber bedeutet es, wenn immer mehr Staaten die Schwelle zum Atomwaffenbesitz überschreiten oder auch nur bewusst offenlassen, ob sie diese Fähigkeit besitzen? Die atomare Bewaffnung schafft eine neue Qualität politischer Erpressung: Ein Land mit nuklearer Fähigkeit kann andere einschüchtern, abschrecken oder politisch ausbremsen, wie das Beispiel Russland eindrucksvoll zeigt. Seit dem Überfall auf die Ukraine richten sich die nuklearen Drohgebärden weniger gegen die Ukraine als gegen den Westen. Schon vage Andeutungen reichen, um Regierungschefs zu vorsichtiger Wortwahl und zögerlichen Entscheidungen zu bewegen. Nicht aus militärischem Zwang, sondern aus Angst vor totaler Eskalation.

Die nukleare Ordnung in der globalen Zeitenwende

Vor diesem Hintergrund stellt sich mit wachsender Dringlichkeit die Frage: Brauchen wir eine neue Generation nuklearer Abrüstungs- und Rüstungskontrollverträge? Die einstige Bilateralität – USA und UdSSR – genügt nicht mehr. China muss einbezogen werden. Auch Staaten wie Pakistan, Indien, Israel oder Nordkorea dürfen nicht länger außen vor bleiben. Doch ein solcher Prozess wird schwierig – politisch, strategisch, kulturell. Die Interessenlagen sind zu unterschiedlich, das Vertrauen zu gering.

Unsere aktuellen Beiträge zeichnen die Entwicklung der nuklearen Ordnung nach – von den apokalyptischen Tagen im August 1945 bis zu den strategischen Herausforderungen des Jahres 2025. Sie beschreiben Chinas nuklearen Aufstieg, die Erosion des Rüstungskontrollregimes und die strategische Lage der europäischen NATO-Staaten. Und sie stellen unausweichlich die alte und doch immer neue Frage: Ist die Atombombe ein notwendiges Übel zur Sicherung des Friedens? Oder steht sie bis heute wie ein drohendes Symbol für den Größenwahn unserer Spezies?

Die Antwort darauf kennt niemand mit Gewissheit. Aber vielleicht liegt die größte Verantwortung gerade darin, die Frage nicht aus dem Blick zu verlieren.

Jürgen Fischer