Für Menschen, die ab Herbst kommenden Jahres 18 Jahre alt werden, wird es – zumindest im Kleinen – eine Zeitenwende in ihrem Leben geben. Sie werden sich, anders als 15 Jahrgänge vor ihnen, zu ihrem Geburtstag ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob sie für die Verteidigung ihres Landes bereit wären. Männer müssen den Fragebogen zur Erfassung grundlegender Informationen verpflichtend ausfüllen, für Frauen bleibt es freiwillig.
Eine Reaktivierung der Wehrpflicht ist mit Boris Pistorius’ Fragebogen nicht vom Tisch. Nach aktueller Gesetzgebung würde diese Pflicht nur Männer betreffen, und Generalinspekteur Carsten Breuer stellte kürzlich fest: „Hier sollte man Gleichberechtigung herstellen.” Um im nächsten Atemzug zu dazuzustellen: Eine Notwendigkeit gäbe es dafür mit der „Verteidigung Deutschlands und des Bündnisses”. Dies setze allerdings eine entsprechende gesellschaftliche und politische Diskussion voraus.
Mit welcher Leitfrage sollte diese jedoch geführt werden? Mit der Frage nach Gleichberechtigung oder doch eher mit der Frage nach der Notwendigkeit? Letzteres würde die Debatte wahrscheinlich zeitlich verkürzen, vermutlich auch versachlichen.
Denn vom Ende her gedacht – von dem Ziel einer resilienten oder „wehrhaften” Gesellschaft – lautet die kurze Antwort: Es ist notwendig, dass Frauen gleichermaßen eingezogen werden wie Männer. Ein potenzieller Bündnis- oder Verteidigungsfall sollte dabei gar nicht der Hauptgrund für einen Wehrdienst für alle sein. Es gibt unübersehbar weitere Bedrohungen für unsere Gesellschaft: eine schwindende Überzeugung für die Demokratie, ein auseinanderfallendes Gemeinschaftsgefühl, zunehmende, klimabedingte Katastrophen, oder sei es nur der Verkehrsunfall, bei dem Soldatinnen und Soldaten oft die besten Ersthelfer sind. Die Zeit bei der Bundeswehr, im Zivildienst oder danach in der Reserve wäre kein Allheilmittel und die Erwartungen daran sollten nicht überhöht werden. Aber es wäre durchaus Baustein im Gerüst der Standhaftigkeit und des „sich selbst zu helfen wissen”.
Unter dieser Prämisse geht es dann auch gar nicht mehr ums Sollen, Dürfen oder Müssen, sondern nur noch ums Können. An dieser Stelle muss dahingestellt bleiben, ob die Bundeswehr das kann. Aber es ist kaum zu rechtfertigen, warum eine 18-jährige Frau nicht Wehr- oder Zivildienst leisten können sollte. Oder um die ehemalige norwegische Verteidigungs- und später Außenministerin Eriksen Soereide zu zitieren, die zur Einführung der geschlechtsneutralen Wehrpflicht 2015 sagte: „Wir haben die Wehrpflicht für Frauen vor allem deshalb eingeführt, weil wir bei den Streitkräften nicht weiter auf die Kompetenz der Frauen verzichten wollten, die ja die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.”
Aber nun doch ein Gedanke zur Gleichberechtigung beziehungsweise Gleichverpflichtung.
Frauen kämpfen nicht seit Jahrzehnten um Gleichberechtigung in allen Belangen, um sich dann bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aufs Brot schmieren lassen zu müssen, dass sie ja nicht zum Wehrdienst müssten. Sie würden nur die Rechte, aber nicht die Verpflichtungen annehmen wollen. Wer darauf hinweist, dass Frauen in der Gesellschaft strukturell bereits benachteiligt sind, und deshalb nicht auch noch Zeit für die Bundeswehr hätten: Putin wird leider nicht darauf warten, bis in Deutschland der Gender Pay Gap oder die Glass Ceiling endgültig aufgehoben sind.
Übrigens täte es jungen Männern – und deren älteren Vorgesetzten – durchaus gut, in gemischten Gruppen zu arbeiten. Es könnte dem wohl bei vielen immer noch fest verankerten Bild der Frau hinterm Herd oder in der scheinbar zwangsläufig vorgezeichneten Rolle als Mutter vorbeugen. Zu hoffen bleibt, dass junge Frauen von genau diesen Vorgesetzten während ihres Wehrdienstes dann nicht ungefragt in „Kümmerer-Rollen” abgeschoben werden wegen vermeintlicher körperlicher Schwäche. Entsprechende Sensibilitätstrainings würde auch die Institution Bundeswehr stärken, von funktionierenden Schutzmaßnahmen für alle vor Übergriffen und Mobbing ganz zu schweigen.
Lisa-Martina Klein ist Journalistin beim Fachbriefing Security.Table von Table.Briefings.


















