Seit dem 16. März 2026 führen die israelischen Streitkräfte eine massiv ausgeweitete Boden- und Luftoffensive im Südlibanon durch. Das strategische Ziel der Operation ist die dauerhafte militärische Kontrolle des Gebiets südlich des Litani-Flusses sowie die systematische Zerstörung der logistischen Infrastruktur der Hisbollah. Eine Einordnung zeigt die breitere Bedeutung der zweiten Front im Nahostkonflikt.
Ausbruch der Kämpfe und Beginn der Bodenoffensive
Während sich alle Augen aktuell auf den Iran, die Straße von Hormus und den geopolitischen Flächenbrand in der Golfregion richten, entflammt an der Grenze zwischen Israel und dem Libanon eine altbekannte Front. Die Hisbollah feuerte am 2. März 2026 Raketen und Drohnen auf Nordisrael. Getroffen wurden unter anderem die Luftwaffenbasis Ramat David sowie die strategische Überwachungsanlage Meron. Die Miliz legitimierte den Angriff als Vergeltung für die Tötung des iranischen Obersten Führers Ali Chamenei durch die USA und Israel sowie als Antwort auf die anhaltenden israelischen Grenzverletzungen.
Am 12. März begannen schließlich die israelischen Bodenoperationen im Südlibanon. Der israelische Generalstabschef Eyal Zamir betonte, der Einsatz habe gerade erst begonnen und werde langwierig sein. Ein Militärsprecher präzisierte, dass die intensiven Operationen noch mindestens drei weitere Wochen andauern würden.
Analysen des Centre for Information Resilience (CIR) korrespondieren mit den getroffenen Aussagen. Das CIR verifizierte bis Mitte März 2026 bereits mehrere Vorstöße israelischer Einheiten – in der Spitze bis zu 2,8 Kilometer tief in libanesisches Territorium. Flankiert werden diese Operationen von einem signifikanten Aufmarsch gepanzerter Verbände bestehend aus Kampf- und Schützenpanzern unmittelbar an der Blauen Linie. Im Zuge dieser Vorstöße kam es auch zu direkten Gefechten mit Handfeuerwaffen in der Ortschaft Khiam.

Isolierung des Südens: Zerstörung der Litani-Übergänge
Um feindliche Truppenbewegungen und den Waffennachschub nachhaltig zu unterbinden, ordneten Verteidigungsminister Israel Katz und Premierminister Netanjahu zudem die Zerstörung sämtlicher Brücken über den Litani-Fluss an. Luftangriffe haben die Qasmiye-Brücke nahe Tyros und die Zrarieh-Brücke bereits schwer beschädigt. Energieminister Eli Cohen untermauerte die strategischen Ziele: Der Litani solle zu einer dauerhaften Sicherheitslinie ausgebaut werden, vergleichbar mit der Pufferzone im Gaza-Streifen. Die IDF plane, südlich des Flusses zu operieren und dort ein Netzwerk militärischer Außenposten zu errichten.
Zudem wies Katz die Streitkräfte an, das „Modell Gaza“ auf die libanesischen Grenzdörfer zu übertragen. Gebäude und Infrastruktur, die von der Hisbollah militärisch genutzt werden könnten, sollen demnach flächenhaft abgerissen werden. Human Rights Watch stuft dieses Vorgehen als potenziell mutwillige Zerstörung ein, was einen Bruch des Kriegsvölkerrechts darstellen würde. Der HRW-Forscher Ramzi Kaiss warnte eindringlich, dass die vollständige Sperrung der Litani-Übergänge die Zivilbevölkerung im Südlibanon komplett von Nahrung und medizinischer Versorgung abschneiden werde.
Die Hisbollah meldet ihrerseits kontinuierliche asymmetrische Angriffe auf israelische Truppenverbände nahe Khiam und Taybeh, auch wenn sich diese taktischen Teilerfolge unabhängig kaum verifizieren lassen.

Ein Waffenstillstand unter dauerhaftem Beschuss
Um die aktuellen israelischen Bodenoffensiven und den Beschuss Nordisraels durch die Hisbollah einzuordnen, müssen die Entwicklungen seit der im November 2024 geschlossenen Waffenruhe miteinberechnet werden. Seit Inkrafttreten der Waffenruhe im November 2024 setzte Israel seine Schläge gegen Personal und Infrastruktur der Hisbollah im Südlibanon und im Bekaa-Tal nahezu täglich fort. Die UN-Friedenstruppe UNIFIL dokumentierte in diesem Zeitraum mehr als 10.000 israelische Verstöße gegen das Abkommen, darunter rund 7.500 Luftraum- und 2.500 Bodenverletzungen. Allein zwischen November 2025 und Januar 2026 meldete die libanesische Regierung dem UN-Sicherheitsrat 6.256 Souveränitätsverletzungen. Seit Abschluss des Waffenstillstands forderte dieser unerklärte Konflikt im Libanon mehr als 330 Todesopfer, darunter mindestens 127 Zivilisten.
UN-Experten warnten wiederholt, dass Israel trotz der offiziellen Feuerpause kontinuierlich zivile Infrastruktur wie Schulen, Gesundheitszentren und landwirtschaftliche Anlagen, attackiere. Human Rights Watch (HRW) dokumentierte überdies gezielte Angriffe auf ziviles Wiederaufbaugerät, was einen Neuanfang für zehntausende Binnenvertriebene massiv erschwerte.
Parallel dazu trieb die Hisbollah ihre Wiederaufrüstung mit Nachdruck voran. Unter direkter operativer Anleitung der iranischen Revolutionsgarden (IRGC) und gestützt durch ein großes Finanzierungsnetzwerk stockte die Miliz ihr Arsenal wieder auf schätzungsweise 25.000 einsatzbereite Raketen und Drohnen auf. Begünstigt wurde dieser Prozess durch das faktische Versagen der etablierten Kontrollmechanismen: Weder die UNIFIL-Mission noch die reguläre libanesische Armee setzten die geforderte Entwaffnung südlich des Litani-Flusses effektiv durch. Israelischen Medienberichten zufolge signalisierte die US-Regierung nach einem Treffen zwischen Donald Trump und Benjamin Netanjahu in Mar-a-Lago grundsätzliches Einverständnis für eine erneute Militäroperation, sollte Beirut die Entwaffnung der Hisbollah weiterhin verweigern.
Die Darstellung der aktuellen israelischen Offensive als rein spontane Reaktion auf den Hisbollah-Angriff vom 2. März greift analytisch daher zu kurz. Faktisch war die 15-monatige Waffenruhe durch tausende dokumentierte israelische Grenzverletzungen bereits stark erodiert. Da die militärische Regeneration der Hisbollah die Störungsbemühungen der IDF internen Einschätzungen zufolge übertraf, diente der Angriff der Miliz der israelischen Führung vielmehr als Vorwand für eine längst beschlossene und durch die USA diplomatisch gedeckte Eskalation. Auch die Hisbollah agierte weniger aus reiner symbolischer Solidarität als aus einer existenziellen strategischen Logik heraus: Um den Iran durch einen Zweifrontenkrieg zu entlasten, forcierte sie den Bruch des Waffenstillstands und überging selbst enge Verbündete. Beide Akteure hatten die fragile Ruhephase gezielt zur Vorbereitung auf diese antizipierte Konfrontation genutzt.

Gespaltene Reaktionen der libanesischen Führung
In Beirut rief die israelische Offensive scharfe Reaktionen hervor. Präsident Joseph Aoun verurteilte die Angriffe als Vorstoß zur dauerhaften Besetzung des Südlibanons und als kollektive Bestrafung der Zivilbevölkerung.
Premierminister Nawaf Salam ging noch einen Schritt weiter: In einer Notstands-Kabinettssitzung deklarierte er sämtliche militärischen Handlungen der Hisbollah als rechtswidrig und forderte die bedingungslose Übergabe ihres Waffenarsenals an den Staat. Entscheidungen über Krieg und Frieden lägen ausschließlich bei der Regierung, betonte Salam. Flankierend ordnete das Justizministerium die Verhaftung der am Raketenbeschuss beteiligten Milizionäre an. In einem Interview mit L’Orient-Le Jour bezeichnete Salam den Angriff der Hisbollah offen als strategischen Fehler.
Faktisch blieben diese politischen Vorstöße jedoch begrenzt. Die regulären libanesischen Streitkräfte unternahmen keine direkten Schritte zur Entwaffnung von Hisbollah-Einheiten im Süden. Armee-Kommandeur Rodolphe Haykal instrumentalisierte vielmehr die israelischen Luftschläge als Begründung für die sicherheitspolitische Passivität seiner Truppen.
Eine sich zuspitzende humanitäre Katastrophe
Die Zivilbevölkerung trägt derweil die Hauptlast der regionalen Entgleisung. Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums wurden vom 2. bis zum 19. März mehr als 1.000 Menschen getötet und über 2.500 verletzt, darunter mindestens 118 Kinder. Hilfsorganisationen schätzen, dass fast ein Fünftel der libanesischen Bevölkerung auf der Flucht ist. Die gezielte Zerstörung von Brücken und logistischen Versorgungsachsen im Südlibanon schwächt zudem die humanitäre Hilfe zunehmend. Eine offizielle Gesamtzahl israelischer Zivilopfer durch libanesischen Beschuss seit dem 28. Februar hat die IDF nach aktuellem Stand nicht veröffentlicht. Alle verfügbaren Quellen darauf hin, dass israelische Todesopfer durch libanesischen Beschuss bislang im einstelligen Bereich liegen.
Jannis Düngemann
BU1: Israelische Einheiten bei nächtlichen Bodenoperationen im Südlibanon: mehr als 2000 Ziele sollen nach israelischen Angaben seit Anfang März angegriffen worden sein. (Bild: X/IDF)
BU2: Israelische Luftangriffe auf die libanesische Ortschaft Khiam. (Bild: Telegram/RN)
BU3: Der Fluss Litani als natürliche Grenze. Südlich davon will die IDF ein Netzwerk militärischer Außenposten errichten. (Bild: Thomas Blomberg/CC 2.5)















