Hydromechanische Schalt-Wende-Lenkgetriebe (HSWL) verteilen in Panzerfahrzeugen die vom Antriebsmotor erzeugte mechanische Energie bedarfsgerecht auf die beiden Gleisketten, ermöglichen das Lenken bis zum Wenden und Übernehmen einen Teil der Bremsaufgabe. Zukünftige Kampfpanzer können außerdem Hybridantriebe mit Elektro- und Verbrennungsmotor erhalten und sollen bei Bedarf fernsteuerbar sein.

Next Generation Mobility

Das ist die Ausgangslage, in der der führende Anbieter von Antriebslösungen im militärischen Bereich, die Renk Gruppe, mit der Entwicklung neuer Getriebe für Kettenfahrzeuge beginnt. „Next Generation Mobility by Renk ist der Fahrplan für moderne und zukünftige Antriebssysteme für militärische Kettenfahrzeuge,“ stellte Renk-CEO Alexander Sagel dem Round Table in Augsburg voran, bei der er die Innovationsagenda „Next Generation Mobility Solutions“ einem Kreis von Fachjournalisten vorstellte.

Das Antriebskonzept ATREX dient als Technologieträger für die Entwicklung des HSWL 406. (Foto: Renk)

Renk plane, in den nächsten vier bis fünf Jahren knapp eine halbe Milliarde Euro in den fokussierten Ausbau von Kapazitäten sowie in Forschung und Entwicklung zu investieren, so Sagel. Das Unternehmen wolle seine Technologieführerschaft weiter ausbauen und den Anforderungen moderner Streitkräfte genügen. Leitlinien seien dabei die Zukunftsfelder Digitalisierung, Hybridisierung und autonome Plattformen.

„Wir entwickeln neue Getriebe mit Funktionen der nächsten Generation für Kampfpanzer und andere Fahrzeugplattformen der Zukunft,“ ergänzte Michael Masur, CEO Renk Vehicle Mobility Systems. Unsere Investition in Innovation und Modularität stärkt unsere Position als technologischer Nordstern, indem wir unseren Kunden zukunftssichere, leistungsfähige und marktreife Lösungen anbieten.“

Rahmenbedingungen für künftige Getriebe

Bei zukünftigen Kettenfahrzeugen sind der gesamte Antriebsstrang sowie andere mobilitätsrelevante Komponenten, so zum Beispiel Kettenspanner, aktive Federung oder Niveau-Regelung, digital vernetzt. Sensoren nehmen die Betriebszustände auf und überwiegend elektrische Aktuatoren steuern die Komponenten. Ein Managementsystem analysiert die Daten, hält fahrsicherheitsrelevante Standards ein und stellt die aufbereiteten Daten für die Fahrzeugführung bereit.

Renk hat als Startpunkt für autonome, leichte Plattformen ein neues kompaktes Getriebe für die Gewichtsklasse 13 bis 21 Tonnen entwickelt. Das Antriebssystem wird am 9. September 2025 im Rahmen der DSEI London offiziell vorgestellt.

HSWL 406 – Antriebslösung für die schwere Kette der Zukunft

In der Gewichtsklasse 50 bis über 70 Tonnen beginnt ab sofort die Entwicklung des HSWL 406-Getriebes. Basis ist das bereits 2024 ausgearbeitete ATREX-Antriebskonzept als Technologieträger, das Renk auf der Eurosatory 2024 vorgestellt hat. Die Bezeichnung ATREX steht für „Advanced Transmission Electric Cross(X) Drive with Drive-by-Wire“. Hoher Digitalisierungsgrad sowie die vollintegrierte Drive-by-Wire-Funktionalität sind wesentliche Kennzeichen des Konzepts, mit dem die Voraussetzung für zukünftige teilautonome Fahrfunktionen bei Kampfpanzern geschaffen wird.

Das ATREX-Getriebe unterstützt einen Leistungsbereich von bis zu 1.500 kW, von denen 350 kW durch elektrische Antriebe geliefert werden können. Es ermöglicht bei einem 70-Tonnen-Fahrzeug eine Höchstgeschwindigkeit bis 70 km/h. Das Wenden um die Hochachse dauert weniger als zehn Sekunden. Für das Bremsen stehen unter anderem die Methoden Rekuperation, Retarder und Reibungsbremse zur Verfügung. „Mit dem HSWL 406 setzen wir Maßstäbe in der Entwicklung von Antriebslösungen für die schwere Kette,“ bewertete Masur das neue Getriebe.

Ein Getriebe für viele Plattformen

Im HSWL 406 wird die Funktionalität der herkömmlichen hydromechanischen Getriebe ergänzt durch eine vollständig digitalisierte Bedienerschnittstelle, wodurch die Voraussetzung für zukünftige autonome Antriebslösungen im Bereich gepanzerter Fahrzeuge geschaffen wird. Optional ist auch die Nachrüstung eines elektrischen Motor-Generators für Mild-Hybridfunktion möglich.

Modularität ist eines der Design-Prinzipien. Das neue Getriebe soll nicht nur optimal an die unterschiedlichen Fahrzeuggewichte angepasst werden, es muss auch mit den Motoren verschiedener Hersteller harmonieren. Unterschiedliche Anordnungen – „T“ mit Getriebe quer hinter dem Motor, „U“ mit Getriebe und Motor parallel – sind darstellbar. Das Getriebe kann an die Architektur der jeweiligen Plattform. bestmöglich angepasst werden.

Die mögliche Verwendung des digitalen, modularen HSWL 406 in vielen verschiedenen Plattformen wäre ein Beitrag zur logistischen Gleichheit der Streitkräfte. Vorteile wären eine schnellere Verfügbarkeit von Ersatzteilen sowie eine plattformübergreifende Versorgung und Instandsetzung.

„Kaum ein militärisches NATO-Kettenfahrzeug fährt, steuert und bremst ohne RENK-Technologie“ (Alexander Sagel, Renk-CEO) (Foto: Renk)

Fahrzeugintegration 2027 geplant

Wie bereits bei der Entwicklung des HSWL 076 gezeigt, soll die Entwicklung des HSWL 406 zu einer marktreifen Lösung in rund zwei Jahren abgeschlossen sein. Zurzeit finden Funktionsversuche mit der vollintegrierten Drive-by-Wire-Funktionalität statt. Mitte 2027 soll mit der ersten Fahrzeugintegration ein bedeutender Meilenstein erreicht werden.

Strategische Partnerschaft mit ARX Robotics

Einen weiteren Ansatz zur Digitalisierung seiner Fahrzeuggetriebe verfolgt Renk in seiner strategischen Partnerschaft mit dem Start-up ARX Robotics, die im Juli begonnen hat. Als erster Schritt sollen bestehende Fahrzeugplattformen mit neuen Getrieben und der hochmodernen Software Mithra OS von ARX Robotics modernisiert werden. Dieses KI-gestützte Betriebssystem ermöglicht nach Angabe von Renk die digitale Modernisierung bestehender Flotten und die Umrüstung älterer Fahrzeuge in intelligente, vernetzte und autonome Systeme. Im Rahmen der Zusammenarbeit werden die strategischen Partner neue und aufstrebende Märkte für autonome Lösungen erkunden und ausbauen. Dies umfasst auch die Konzeption eigener Plattformen für Unmanned Ground Vehicle (UGV).

Digital in die Zukunft

Die hohen Drehmomente und Drehzahlen für den Antrieb von leichten und schweren Kettenfahrzeugen werden auch weiterhin von fortschrittlichen Antriebskomponenten gewährleistet. Um den Betrieb zu optimieren und den gestiegenen Anforderungen der Nutzer gerecht zu werden, können außerdem hybride Antriebe zum Einsatz kommen. Mit der vollständigen Digitalisierung und der Verfügbarkeit von digitalen Schnittstellen wird Drive-by-Wire und in Folge auch der autonome Fahrbetrieb über das Getriebe möglich.

„Wir wissen, wie die nächste Generation der Mobilität nach 2030 aussieht. Daher entwickeln wir bereits heute mit Hochdruck innovative Produkte, um die Potenziale von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz (KI) und Autonomie in Antriebskomponenten zu integrieren. So schaffen wir einen signifikanten Mehrwert für die Sicherheit von Soldatinnen und Soldaten weltweit,“ lautete die Quintessenz des Renk-CEO Sagel.

Gerhard Heiming