Am 3. Juni 2024 erlebte das Fregattenprogramm F 126 einen weiteren Bau(fort)schritt. In Gegenwart von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius, der Landeshausherrin Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und eines sichtlich Zufriedenheit ausstrahlenden Landesvaters wurde in Wolgast der Grundstein für die „Niedersachsen“, der ersten Fregatte der neuen Klasse F 126 gelegt.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius nagelte als Erster eine Münze auf ein Holzbrett. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, zurzeit Bundesratsvorsitzende und damit der zweite Mann im Staat, Ministerpräsident Stephan Weil und der Inspekteur der Marine Jan C. Kaack tun ihm gleich. (Foto: hum)

Grundsteinlegen heißt im maritimen Deutsch: Für das angehende Schiff wird der Kiel in der Helling ausgelegt. Im weiteren Bauverlauf werden an den Kiel die Spanten fixiert, die den Platten der Außenhaut Halt geben. Abhängig von der Schiffsgröße kann der Kiel aus mehreren Teilen bestehen. In Wolgast war der Kiel der Hecksektion zu sehen. Die Peene-Werft fertigt die Hinterschiffe der vier Fregatten. Diese treffen in der Kieler Förde auf ihre Gegenstücke. German Naval Yards baut die vorderen Sektionen und fügt sie mit den achternen zusammen. Die Rümpfe werden von Blohm+Voss übernommen und endmontiert. Das zur Lürssen-Gruppe gehörende Hamburger Traditionsunternehmen integriert schließlich auch Sensoren und Effektoren.

Der nun in Wolgast gelegte Kiel ist schmaler als das endgültige Schiff, da sich der Rumpf mit zunehmender Höhe ausweitet. Im Bild verweist der Pfeil auf die Linie, die die spätere Breite der Fregatte markiert, 21 Meter.

 

Im Bild verweist der Pfeil auf die Linie, die die spätere Breite der Fregatte markiert, 21 Meter. (Foto: hum)
Die Sonderprägung der Münze. (Foto: hum)

Im Zeitplan?

Nach seinem Baubeginn am 5.12.2023 findet die Kiellegung in dem von den Rednern bemühten größten Schiffbauprojekt in der Geschichte der Deutschen Marine „im Zeitplan“ statt. Diese Angabe aus der von Damen Naval herausgegebenen Pressemitteilung steht nun erst einmal für sich. Sie wird sich an der Erfüllung der Ablieferungstermine messen lassen müssen. Nun befinden wir uns am Anfang der Bauphase. Und wissen, dass sich die wirklichen Verzögerungen meist später einstellen. Dann, wenn die Schiffbauer den Elektronikern und Waffentechnikern das Feld überlassen … oder den Vertragsjuristen. Zwei Jahre und knapp anderthalb Monate nach der Taufe der Korvette „Köln“ steht ihre Indienststellung weiterhin aus.

Nach uns vorliegenden Informationen soll die „Niedersachsen“ nunmehr im Juli 2028 ausgeliefert werden. Womit sich gegenüber einer älteren Version des Terminkalenders bereits eine, wenn auch geringe Verzögerung ergab. Dort wurde explizit der 16. Juni genannt. Die weiteren Liefertermine für die Schiffe 2-4 werden nun mit April 2030, April 2031 und Januar 2032 angegeben. Ein Verzug um jeweils einen Monat.

Im Schiffbau werden als Glücksbringer Münzen unter der ersten Sektion eines Schiffneubaus platziert. (Foto: hum)

Optionen für Schiff 5 und 6

Die Feierlichkeiten standen auch im Zeichen der Tage zuvor bekannt gewordenen Anfrage des BMF um Bewilligung der Optionseinlösung für Schiff 5+6. Der bestehende Beschaffungsvertrag F126 (damals noch Mehrzweckkampfschiff (MKS) 180) vom 19. Juni 2020 umfasst vier Einheiten mit einer Option auf zwei weitere Einheiten. Die Angebote unterlagen einer Bindung bis zum 19. Juni 2024.

Während Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius das Beschaffungsprojekt mit einem Schritt zur Kriegstüchtigkeit der Bundeswehr verknüpfte, plädierte er für sechs anstelle von nur vier Fregatten der Klasse 126. „Zeitenwende bedeutet, dass wir jetzt, heute, nicht morgen und nicht übermorgen in die Flotte der Zukunft investieren müssen.“, führte er aus. Um später zu konkludieren: „Mit insgesamt sechs Fregatten dieses Typs werden wir nicht nur einsatzfähig, sondern auch durchhaltefähig sein.“

Ehrengäste vor den Schiffsrissen (Foto: hum)

Daumen drücken – nicht nur für die Marine

Nach uns vorliegenden Informationen soll die Option auf zwei weitere Schiffe nun durch den Bundestag gebracht werden. Sollte der Haushaltsausschuss seine Billigung aussprechen, könnte der Vertrag noch rechtzeitig vor Auslaufen der Bindefrist unterzeichnet werden.

Dabei ist es nicht ganz so, wie die Wirtschaftswoche ausführt, das Verteidigungsministerium plane den Kauf von zwei neuen Kriegsschiffen F126 ohne die Bezahlung geklärt zu haben. Die beiden Einheiten waren seitens der Bundesregierung bereits im Regierungsentwurf für 2024, der gegen Jahresende 2023 die parlamentarische Billigung erhielt, berücksichtigt (wir berichteten). Und zwar insofern sicher, dass sie als Verpflichtungsermächtigungen direkt im Verteidigungshaushalt (Einzelplan 14) und nicht im Sondervermögen Bundeswehr veranschlagt wurden. Es soll Ende 2027 aufgebraucht sein. Der finanzplanerische Zeithorizont der Schiffe 5+6 reicht bis ins Jahr 2035.

Zu kritisieren wäre lediglich, dass im geltenden Finanzplan 2025-27 keine entsprechende Haushaltsvorsorge getroffen wurde. Was jedoch in Phasen wechselnder Legislaturen gängige Praxis gewesen ist. Aus unserer Sicht stellt die ‚plafondneutrale‘ Bereitstellung der Haushaltsmittel für die Schiffe 5+6 insofern ein Risiko dar, da sie Verdrängungseffekte auf andere Vorhaben haben könnte. Zum Beispiel auf die Litauen-Brigade. Auf unsere Nachfrage während des Pressegespräches am Rande der Kiellegungsfeierlichkeiten verneinte dies der Minister jedoch.

Artist Impression der F126 in Hamburg

Apropos Haushaltsmittel. Der Gesamtfinanzbedarf des Vorhabens Optionsausübung beläuft sich auf 3,181 Milliarden Euro, wovon sich der Auftragswert auf gerundet 2,884 Milliarden Euro beläuft. Die Differenz ergibt sich aus Beistellungen, anderen Leistungen und einer Vorsorge für Unvorhersehbares. Alles nach Preisstand 12/2023. Die Gesamtsumme berücksichtigt neben den Schiffen ein Missionsmodul ASW-Lagebild und ein Missionsmodul Gewahrsam.

Zur Zeit der Vertragsunterzeichnung waren für vier MKS 180 (einschließlich der Missionsmodule) 5,722581 Milliarden Euro im Bundeshaushalt berücksichtigt. Überschlägig ein Wert von 1,43 Milliarden Euro pro Schiff. Dem stehen 1,59 Milliarden Euro für Schiff 5+6 gegenüber.

Zur Erläuterung. Die Aufgabenwahrnehmung wird bei der Fregatte F 126 unterstützt durch die Einrüstung von speziellen Missionsmodulen, was für die Deutsche Marine in der Art ein Novum ist. Mit Missionsmodularität ist die Fähigkeit gemeint, ein Schiff durch standardisierte Ausrüstungs- und Personalpakete für bestimmte Einsätze anpassen zu können. Hierzu werden spezielle Missionsmodule und Bordeinsatzkomponenten an Bord gebracht. Die operativen Forderungen an die F126 sehen folgende Missionsmodule vor:

  • Missionsmodul ASW-Lagebild mit einem Schleppsonar zur Erstellung des Unterwasserlagebildes
  • Missionsmodul Gewahrsam zur vorläufigen Ingewahrsamnahme von Personen
  • Missionsmodul MCM (Mine Counter Measures) zur einzelnen Bekämpfung von Unterwasserkampfmitteln (Seeminen)
  • Missionsmodul Taucherdruckkammer zur Unterstützung von Tauchereinsätzen.

Die Kenndaten der F 126

Quelle: BAAINBw 2022 /Grafik:mawibo media

Splitter

Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, beeindruckte in ihrer Ansprache erneut mit ihrer Empathie für ‚ihre Peenewerker‘, mit Sachkenntnis und Überzeugungskraft. Trotz ihrer persönlichen Neigung, eher die sozialen Fragen in den Mittelpunkt zu rücken, arbeitete sie in ihrer Ansprache heraus, sei sie infolge der von Putin ausgehenden Bedrohung von der Richtigkeit der Stärkung der Bundeswehr überzeugt. Deshalb stehe sie zu dem Projekt wie sie auch weiter an der Seite der Werften stehen werde. „Die Werften, die Zulieferer, die Häfen, die Industrieproduzenten direkt an der Kaikante – das ist das industrielle Herz unseres Landes.“

Darüber hinaus erinnerte sie an ihren Besuch als Bundesratspräsidentin bei Damen in Vlissingen – ein Ziel, das sie mit besonderem Bedacht ausgewählt hätte, um die Verbundenheit mit dem deutsch-niederländischen Kooperationsprojekt zu unterstreichen.

Typschiff der Niedersachsen Klasse

Als Niedersachse und Ministerpräsident konnte Stephan Weil nicht anders als seiner Freude darüber Ausdruck zu verleihen, dass es nun wieder eine „Niedersachsen“ in der Deutschen Marine geben wird. Die seit der Ausserdienststellung der Vorgängerin vom Typ Fregatte F 122 im Jahre 2015 bestehende Vakanz hätte nun ein Ende. Verbundenheit mit der Marine hätte für sein Bundesland als Küstenland nicht nur zur Traditionspflege Bedeutung. „Der Bau der Schiffe der Niedersachsen Klasse wird mit dafür sorgen, dass Norddeutschland ein bedeutender Standort im Überwasserschiffbau und für maritime Schlüsseltechnologien bleibt.“ Eine durchaus bemerkenswerte Feststellung.

Als im Saarland Geborener teile ich die Freude der beiden Niedersachsen Pistorius und Weil über ‚ihr Baby‘ nur eingeschränkt. Bei der Vertragsunterzeichnung, damals unter anderen politischen Konstellationen in Berlin, war der Name des kleinsten Flächenstaats für das Typschiff vorgesehen.

Hans Uwe Mergener