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Interview mit Philippe Mennicken, Geschäftsführer der Theon Deutschland GmbH, und Heiko Schmidt, Business Development Director

ES&T: In heutigen Einsatzszenarien ist die Nachtsichtfähigkeit nicht mehr wegzudenken. Nachtsichtbrillen gehören zur Grundausrüstung jedes Soldaten im Einsatz. Welche Faktoren bestimmen die Leistungsfähigkeit einer Nachtsichtbrille?

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Heiko Schmidt ist Business Development Director der Theon Deutschland GmbH (Fotos: Theon)

Schmidt: Maßgeblich für die Leistungsfähigkeit einer Nachtsichtbrille sind die optischen Eigenschaften. Dabei sind die Restlichtverstärkerröhren einerseits und andererseits die Optik der Brille selbst ausschlaggebend.

Bei den Röhren gibt es verschiedene Leistungsklassen, welche meist mit der „Figure of Merit“, kurz FOM, angegeben werden. Bei der Leistungsfähigkeit einer Röhre spielen aber auch andere Faktoren wie der Halo-Effekt oder die Autogating-Funktion eine Rolle.

Die Röhre muss auf jeden Fall in der Brille in ein entsprechendes Optiksystem eingebunden werden. Die Güte der Linsen muss mit der Röhre korrespondieren und alle Bauteile zusammen müssen fachgerecht verbaut werden, ansonsten können daraus negative Effekte resultieren, wie zum Beispiel Bildverzerrungen oder Streulichteffekte.

Eine gute Brille zeichnet sich natürlich auch durch eine kompakte Bauform sowie ein geringes Gewicht aus, wobei hier jedoch nicht bei der Robustheit der Brille gespart werden darf. Extrem leichte Brillen erweisen sich oft als ungeeignet für den Soldateneinsatz, da sie den harten Anforderungen im Einsatz nicht gerecht werden oder die Bildqualität zu wünschen übrig lässt. Auch ein ergonomisches Bedienkonzept gehört dazu, damit der Soldat die Brille auch in Stresssituationen intuitiv und zuverlässig bedienen kann.

Im Endeffekt müssen all diese Eigenschaften zusammenkommen, um eine herausragende Nachtsichtbrille anbieten zu können. Darin zeichnet sich Theon aus, wie der weltweite Erfolg unserer binokularen Nachtsichtbrille NYX beweist.

ES&T: Welche Technologietrends sind in diesem Sektor erkennbar? Worin wird sich die Nachtsichtbrille der nächsten Generation von der jetzigen unterscheiden?

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Philippe Mennicken ist Geschäftsführer der Theon Deutschland GmbH

Mennicken: Die nächste Generation wird den aktuellen Geräten noch sehr ähnlich sehen. Sie werden vermutlich noch etwas kleiner und leichter ausfallen, der Trend zur Miniaturisierung hält an, auch wenn es Schwellen gibt, die schwer zu unterschreiten sind.

Die wesentlichen aktuellen Technologietrends sind Connectivity und Bildfusion. Bei der Bildfusion wird ein Wärmebildsensor in die Brille integriert, wodurch der Nutzer die Möglichkeit hat, das Bild der Restlichtverstärkerröhre nuanciert mit dem Bild des Wärmebildsensors zu überlagern. Daran arbeitet Theon aktiv.

Langfristig gesehen wird es einen technologischen Wandel geben, der Nachtsichtsysteme grundlegend verändern wird. Durch Weiterentwicklungen im Sensorbereich werden die Restlichtverstärkerröhren so, wie wir sie heute kennen, durch neue kleinere und digitale Nachtsichtsensoren ersetzt werden. Das wird revolutionäre Bauformen ermöglichen, die Geräte werden volldigital, viel kleiner, kompakter und leichter.

Auch die Integration vollwertiger Nachtsichttechnik in Head-up-Displays wird dann wahrscheinlich möglich werden. Das alles wird aber sicher nicht in der nächsten Generation passieren, sondern frühestens in der übernächsten, wenn nicht noch später.

ES&T: Welche technischen Merkmale kennzeichnen die Nachtsichtbrillen und Zielgeräte aus Ihrem Haus, und worin unterscheidet sich die KSK-Brille von der Kraftfahrerbrille, die ja beide aus derselben Produktreihe stammen?

Mennicken: Der Großteil unserer Produkte ist relativ jung, dadurch sind sie technisch auf der Höhe der Zeit oder dieser sogar voraus. Dazu kommt, dass Kundenanforderungen bei uns konsequent umgesetzt werden, egal ob es sich um Neu- oder Weiterentwicklungen handelt. Das beste Beispiel dafür ist die Spezialkräftebrille, die durch das Kommando über anderthalb Jahre in der Wüste, im Dschungel und unter arktischen Bedingungen auf Herz und Nieren getestet wurde. Das Ergebnis dieser „Osmose“ zwischen „deutscher industrieller DNA“ und „griechischem Unternehmergeist”, wie wir es gerne nennen, ist die neue, leistungsgesteigerte NYX. Das wiederum war letztlich die Voraussetzung für den Erfolg beim Squad Binocular Night Vision Goggle Programmes des U.S. Marine Corps, gemeinsam mit unserem US-Partner.

Unsere Produkte zeichnen sich neben technischen Vorzügen und hoher Qualität auch durch ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis aus. Durch unsere kleine und kosteneffiziente Struktur, die sehr wettbewerbsfähigen griechischen Entwicklungskosten und unsere robuste und hochqualitative, aber dennoch kosteneffiziente Lieferkette konnten wir mit unseren Fähigkeiten im freien Wettbewerb bereits vielfach überzeugen.

Verschiedene Versionen der Nachtsichtbrille NYX sind auch bei der Bundeswehr im Einsatz

Schmidt: Die KSK- und die Kraftfahrerbrille gehören zur selben Produktfamilie. Trotzdem gibt es einige grundlegende Unterschiede in der Optik, der Bedienung und der Ausstattung, welche auf den verschiedenen Anforderungsprofilen der beiden Nutzergruppen beruhen. Durch die stringente Umsetzung einer Produktfamilie lassen sich solche Individualisierungen auf Kundenwunsch relativ einfach umsetzen. Darüber hinaus wurden unterschiedliche Röhren verbaut.

ES&T: Ist der globale militärische Markt weitestgehend homogen, oder gibt es nationale oder regionale Unterschiede bezüglich der Ansprüche an Qualität und Leistungsfähigkeit?

Schmidt: Da gibt es durchaus regionale und teilweise auch nationale Unterschiede. In Europa sehen wir, dass nach den Spezialkräften jetzt auch die regulären Landstreitkräfte mehr und mehr mit hochqualitativen binokularen Nachtsichtbrillen ausgerüstet werden. Unser Unternehmen hat bereits laufende Verträge mit allen deutschsprachigen Armeen.

Weltweit gesehen ist Nachtsichtfähigkeit im größeren Umfang immer noch ein Luxus, oftmals sind lediglich Spezialkräfte dazu befähigt.

Für Theon sind Leuchtturmprojekte wie mit der Bundeswehr sehr wichtig, aber wir bedienen eben auch Kunden mit deutlich geringeren Budgets, die technisch weniger komplexe Lösungen nachfragen. Unsere Kunden finden sich in über 50 Ländern weltweit. Durch unsere Flexibilität konnten wir so bereits an die 100.000 Geräte ausliefern beziehungsweise Verträge im entsprechenden Umfang gewinnen.

In Ländern mit den entsprechenden finanziellen Voraussetzungen geht der Trend klar zu binokularen Nachtsichtsystemen, wobei Systeme mit einem Röhrendurchmesser von 18 mm gegenüber Systemen mit 16 mm aufgrund ihrer größeren Leistung vorne liegen.

Mennicken: Abgesehen von den technischen Aspekten sehen wir, dass in einigen Ländern, sogar in einigen EU-Ländern, lokale Firmen immer noch den Vorzug zu erhalten scheinen, unabhängig davon, wie erfolgreich sie am internationalen Markt agieren. Anstatt solchen Unternehmen gutes Geld hinterherzuwerfen, sollten EU-Institutionen vielmehr echten Wettbewerb fördern und europäische Rüstungskooperationen zwischen europäischen Unternehmen unterstützen, damit sie innovative und wettbewerbsfähige Produkte entwickeln. So werden europäische Exportchampions gemacht!

ES&T: In Kooperation mit Elbit Systems of America haben Sie vergangenes Jahr vom U.S. Marine Corps für mehr als 14.000 Nachtsichtbrillen einen Großauftrag erhalten. In Europa stehen Theon und Elbit im direkten Wettbewerb. Wie lässt sich vor diesem Hintergrund eine erfolgreiche Zusammenarbeit gestalten?

Mennicken: In unserer Branche sind Unternehmen oftmals in einem Markt Wettbewerber und in einem anderen Partner. Geschlossen wurde die Kooperation 2016 noch mit der Harris Corporation, welche allerdings im Laufe des Projektes durch ESA übernommen wurde. Das Projekt hat sich sehr positiv entwickelt, die ersten Brillen wurden bereits erfolgreich ausgeliefert. Das U.S. Marine Corps ist ein sehr renommierter Kunde und weder unser Kooperationspartner noch Theon wollen dort ihren guten Ruf verspielen – zumal aus den genannten 14.000 Brillen noch deutlich mehr werden können! Von daher haben wir ein gemeinsames Ziel vor Augen.

ES&T: Ihr Unternehmen ist in Griechenland beheimatet. Anfang 2019 wurde die Niederlassung in Deutschland gegründet, deren Mitarbeiter Sie sind. Was veranlasste Ihre Muttergesellschaft zu dieser Investition, und welche Aufgaben haben Sie innerhalb des Konzerns?

Mennicken: Theon hatte vor Deutschland bereits Niederlassungen in Singapur und den Vereinigten Arabischen Emiraten, dazu Kooperationspartner in ausgewählten strategischen Märkten. Seit der Gründung der Theon Deutschland GmbH wurde eine weitere Niederlassung in den USA gegründet. Die Gründung des deutschen Ablegers ist also vor dem Hintergrund unserer globalen Expansionsstrategie zu sehen.

Nachdem wir in verschiedenen Bereichen bereits die Technikführerschaft übernommen haben, ist es unsere Absicht, auch die unmittelbare Marktpräsenz weiter zu stärken. Deutschland nimmt dabei eine wichtige Rolle ein, da die Bundeswehr ein in vielerlei Hinsicht ein sehr wichtiger Kunde für uns ist.

Als Geschäftsführer der Theon Deutschland GmbH trage ich die Verantwortung für das Unternehmen. In meiner Doppelrolle auch als Kommerzieller Direktor der Theon Sensors S.A. bin ich außerdem dafür verantwortlich, dass alle lokalen Aktivitäten in die weltweite Strategie eingebettet sind.

Schmidt: In meiner Rolle als Business Development Director der Theon Deutschland GmbH halte ich Verbindung zu unseren Kunden und Geschäftspartnern in Mittel- und Nordeuropa und baue unsere Geschäftsaktivitäten weiter aus. Diese Aufgabe ist sehr vielfältig und umfasst sowohl die typischen Aspekte des Vertriebes als auch des Projektmanagements. Kundennähe im übertragenen wie im wörtlichen Sinne ist dabei die Voraussetzung, um die von Theon angestrebte Flexibilität und kurzen Reaktionszeiten zu erreichen.

Die Fragen stellte Andreas Himmelsbach.