Die europäische Rüstungsindustrie steht vor einem Paradoxon: Historisch hohe Auftragsbücher treffen auf akuten Personalmangel. Während die Politik Milliarden für die Verteidigung bereitstellt, können Unternehmen ihre Aufträge nicht abarbeiten. Gezielte Arbeitsmigration kann den Engpass lösen, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen stimmen.

Die Zeitenwende ist in der europäischen Rüstungsindustrie angekommen. So verzeichnete allein Rheinmetall im ersten Quartal 2025 einen Auftragsbestand von 63 Milliarden Euro, vor dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine lag dieser bei 24 Milliarden. Das Auftragsvolumen für Europa wird bis 2030 auf 300 Milliarden Euro geschätzt. Doch während sich die Auftragsbücher weiter füllen, stockt die Produktion. Der Grund: Es fehlen Fachkräfte.

Vom Schweißer bis zum KI-Experten: Der Bedarf ist enorm

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut einer Studie der Unternehmensberatung Kearney vom März 2025 benötigt Europa bei einer Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent des BIP zusätzlich 163.000 Fachkräfte. Bei den von der NATO geforderten 3,5 Prozent steigt der Bedarf auf 760.000. In Deutschland arbeiten aktuell nur 13.000 Menschen in der Waffen- und Munitionsproduktion. Eine Steigerung von 20 Prozent seit 2021, die jedoch bei Weitem nicht ausreicht.

Aktuelle Berechnungen zeigen für Deutschland einen konkreten Zusatzbedarf von 55.000 bis 75.000 Personen in der direkten Rüstungsindustrie bis 2030. (Foto: Metallbau Stehle)

Denn aktuelle Berechnungen zeigen für Deutschland einen konkreten Zusatzbedarf von 55.000 bis 75.000 Personen in der direkten Rüstungsindustrie bis 2030. Diese Spanne setzt sich zusammen aus bereits heute offenen Stellen (etwa 30.000), erwarteten Wachstumseinstellungen (15.000 bis 25.000) und dem Ersatz altersbedingt ausscheidender Beschäftigter (10.000 bis 20.000). Der Branchenverband BDSV beziffert die direkt in der Rüstungsindustrie Beschäftigten aktuell auf gut 100.000, inklusive Zulieferumfeld sind es rund 450.000.

Der Fachkräftemangel erstreckt sich über alle vorstellbaren Rollen in der Rüstungsindustrie. Von der traditionellen Produktion von Kampfpanzern bis zu IT-Jobs im Bereich Künstlicher Intelligenz für autonome Waffensysteme: Überall fehlt qualifiziertes Personal. Besonders kritisch ist der Mangel an CNC-Fachkräften und Schweißern mit Sicherheitszertifizierung, KI-Experten für autonome Waffensysteme, Datenwissenschaftlern und Spezialisten für elektronische Kriegsführung und Mechatronikern. Auch Waffentechniker, Ingenieure verschiedener Fachrichtungen und Managementpersonal für die wachsenden Unternehmen gehören zu dem breiten Band an Fachkräften.