Ein Rückblick auf vier forschungsstarke Jahre an beiden Universitäten der Bundeswehr
Das Zentrum für Digitalisierungs- und Technologieforschung der Bundeswehr (dtec.bw) befindet sich derzeit in der Verlängerungsphase. Neben der Fortführung der Forschungsprojekte richtet sich der Blick nun auf die nachhaltige Verstetigung des Zentrums. Ziel ist es, dtec.bw als dauerhafte Plattform für innovationsgetriebene Forschung im Bereich Cyber/IT für die Bundeswehr zu etablieren. Ein geeigneter Zeitpunkt, um Bilanz zu ziehen.

©PIZ P/Darius Retzlaff
Die sicherheitspolitische Lage Deutschlands, Europas und der NATO ist komplexer denn je. Die Covid-19-Pandemie und der Krieg in der Ukraine haben gezeigt, wie verletzlich unsere Systeme sind – wirtschaftlich, digital und militärisch. Technologische Innovation, schnelle Anpassung und vorausschauende Forschung sind entscheidend für die Verteidigungsfähigkeit. Ohne langfristige Technologieentwicklung fehlt die Grundlage für moderne Ausrüstung, sicherheitsrelevante Anwendungen und gesellschaftlichen Fortschritt.
Bereits 2020 wurde das Zentrum für Digitalisierungs- und Technologieforschung der Bundeswehr (dtec.bw) als gemeinsames Zentrum der Universität der Bundeswehr München (UniBw M) und der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H) gegründet. Innerhalb weniger Monate starteten 68 innovative Forschungsvorhaben mit dem Ziel aufzuzeigen, wie wissenschaftlich exzellente Forschung mit praxisorientierter Innovationsförderung zu anwendungsorientierten Lösungen führen kann. Damit wurden bereits zwei Jahre vor dem Überfall auf die Ukraine Forschungsprojekte im Rahmen des dtec.bw konzipiert, die maßgeblich die nationale Technologiesouveränität mit besonderem Blick auf sicherheitspolitische und technologische Bedarfe unterstützen.
Zum Abschluss der ersten Förderperiode Ende 2024 lässt sich eine erste Bilanz ziehen – ein Rückblick auf die Entwicklung des noch jungen Zentrums, die gemeisterten Herausforderungen und die Weichenstellungen im Rahmen der Verlängerung 2025 und 2026 und die beabsichtigte Verstetigung ab 2027.
Aufbau des dtec.bw und erfolgreiche Verlängerung
Zwischen 2020 und 2024 prägten globale Krisen wie die COVID-19-Pandemie und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine das Weltgeschehen. Diese Ereignisse hatten tiefgreifende Folgen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – von globalen Lockdowns über Energieengpässen bis hin zu einer Neuausrichtung der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik im Zeichen der „Zeitenwende“. Technologische Entwicklungen, insbesondere im Bereich Künstliche Intelligenz und erneuerbare Energien, warfen neue ethische und regulatorische Fragen auf. Die Welt erholt sich seither in unterschiedlichem Tempo – mit langfristigen Veränderungen in der Arbeitswelt und dem allgemeinen Sicherheitsverständnis.
Die herausfordernden globalen Rahmenbedingungen wirkten sich auch auf den Aufbau des jungen dtec.bw aus. Trotz Lockdowns, Homeoffice und Lieferengpässen wurde ab 2020 unter erschwerten Bedingungen ein leistungsfähiges Forschungszentrum mit direkt startenden 68 Projekten aufgebaut – inklusive umfangreicher Beschaffungen und eines schnellen personellen Ausbaus um rund 400 wissenschaftliche Mitarbeitende an beiden Universitäten der Bundeswehr. Dabei mussten Prozesse und Strukturen in kürzester Zeit skaliert und teils neu entwickelt werden. Besonders hervorzuheben ist der kooperative Ansatz: Über 300 Partner aus Wissenschaft, Industrie, Verwaltung und Bundeswehr konnten eingebunden werden – viele Projekte entwickeln und testen ihre Lösungen direkt gemeinsam. Hierbei sind insbesondere auch Dienststellen der Bundeswehr in die Projekte einbezogen.
Zunächst aus der nationalen Konjunkturförderung als gemeinsames wissenschaftliches Zentrum der beiden UniBw gegründet, wird das dtec.bw mit der Aufnahme in den Deutschen Aufbau- und Resilienzplan DARP von der Europäischen Union bis Ende 2026 mit 700 Mio. Euro finanziert – mit dem Ziel einen substanziellen Beitrag zur digitalen und technologischen Handlungsfähigkeit zu leisten. Aus den 68 Forschungsprojekten der ersten Phase bis Ende 2024 wurden dafür insgesamt 66 ausgewählt und bis Ende 2026 verlängert.

© UniBw M/Siebold
Strategische Relevanz
In der ersten Förderperiode des dtec.bw wurde deutlich, dass die ursprünglich an der Hightech-Strategie 2025 der Bundesregierung ausgerichteten Ziele inzwischen auch zahlreiche weitere Zukunftsstrategien auf nationaler und europäischer Ebene unterstützen, wie etwa Raumfahrt/New Space und Nachhaltigkeit. Dabei wurde deutlich, dass die Zukunftsthemen von heute an beiden Universitäten der Bundeswehr seinerzeit bereits in frei konzipierten – und vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine geplanten – Projekten vorausgedacht wurden. Das Gefechtsfeld der Ukraine diktiert nun mit seinen Anforderungen an Streitkräfte und Technologien die Blaupause notweniger nationalen Fähigkeiten in Europa. Eigene Satelliten für die Kommunikation, Führung und Aufklärung zu kontrollieren, über Lösungen der Künstlichen Intelligenz für unbemannte Systeme oder Leit- und Führungssysteme zu verfügen und nicht von anderen Nationen abhängig zu sein, sind nicht mehr optional, sondern notwendig.
Die 68 Forschungsprojekte der ersten Förderperiode des dtec.bw adressierten mit ihren Schwerpunkten nicht nur die Schlüsseltechnologien der Digitalisierung, sondern lieferten auch zu den global aufgezeigten Krisen und Herausforderungen Ideen, Konzepte und Antworten. Durch die enge Verbindung der Universitäten zur Bundeswehr ist auch der Mehrwert für die Streitkräfte eines der Merkmale der dtec.bw Projekte, die sowohl die Blaupause der Ukraine bespielen als auch Paradebeispiel für einen breit verstandenes Dual-Use-Verständnis sind. Drei Beispiele, die auch auf der AFCEA-Fachausstellung 2025 zu sehen sein werden, machen das deutlich:
SeRANIS – Seamless Radio Access Networks for Internet of Space wird erstmals in Deutschland eine integrierte Laborumgebung umsetzen, die Mobilfunksysteme der nächsten Generation (B5G/6G) mit modernen Kommunikationssatellitennetzwerken der „New Space“-Ära verbindet. Betrachtet werden insbesondere Technologien für die Breitbandkommunikation, das Internet der Dinge und die sichere Satellitennavigation sowie Methoden der künstlichen Intelligenz zur Netzwerkoptimierung. SeRANIS übernimmt als erste Kleinsatellitenmission der Bundeswehr eine Führungsrolle als agiler „Space Innovation Hub“. Dazu vernetzt sich SeRANIS mit dem Responsive Space Cluster Competence Center (RSC3) des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR, um gemeinsame Missionsanteile zu schaffen, zu verfolgen und damit das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr im Cyber- und Informationsraum gezielt zu erweitern. SeRANIS ermöglicht der Bundeswehr Zugang zu strategisch relevanten Weltraumtechnologien.

© SHL/UniBw M
Im Rahmen von RISK.twin werden hybride digitale Zwillinge zum Schutz kritischer Infrastruktur erstmals von der Methodik bis hin zu ganz konkreten Anwendungsszenarien und Objekten entwickelt und deren Nutzbarmachung auch für politische Akteure bei kritischen Entscheidungen untersucht. Beispiele, die im Projekt bearbeitet werden, sind Stahl- und Stahlbetonbrücken, die im Sektor Transport und Verkehr unverzichtbar sind, sowie Wasseraufbereitungsanlagen in Verbindung mit dem Stromnetz. Digitale Zwillinge bilden das reale System ab und nutzen neueste technologische Möglichkeiten der Digitalisierung in der Systemzustandsüberwachung und Risikovorhersage sowie als Werkzeug zur Entscheidungsunterstützung und Kommunikation. Im Projekt sind Forschende beider UniBw beteiligt und das übergreifende Doktorandennetzwerk „Digitale Brücke“ ist nur ein Beispiel für den gelebten Wissens- und Technologietransfer.
Im dtec.bw-Projekt MISDRO wird ein automatisiertes multivariates Inspektionssystem für Stahl-Infrastrukturbauwerke entwickelt und erprobt, wobei Unmanned Aircraft Systems (UAS) als Trägersysteme zum Einsatz kommen. Dies umfasst die Untersuchung verschiedener bildgebender Sensortypen für die Inspektion von Stahlbauten wie RGB-, Thermografie-, Hyperspektral-Kameras sowie Lidar. Auf dieser Bilddatenbasis erfolgt eine automatisierte Zustandsbewertung anhand multivariater Bilddaten mittels KI und die Verortung von Schäden in digitalen Bauwerksmodellen. Die automatisierte Flugpfadplanung des im Projekt entwickelten Inspektions-UAS erfolgt anhand von digitalen Bauwerksmodellen, wobei zukünftig auch der Einsatz von Multi-Agenten-UAS möglich sein soll. Das Anwendungsfeld des Inspektionssystems soll auf Stahl-Hochbauten der Bundeswehr wie Radaranlagen erweitert werden. Ferner soll zukünftig eine mit diesem System eine UAS-basierte Tragfähigkeits-Schnellbewertung von Stahlbrücken möglich sein.
Bilanz und Ausblick
Nach vier Jahren kann sich die Bilanz des dtec.bw sehen lassen: Mit über 60 geförderten Forschungsprojekten zu Schlüssel- und Zukunftstechnologien, rund 2.000 Publikationen, 300 Partnerschaften, knapp 70 entwickelten Technologien und Prototypen sowie mehreren Patenten und Start-ups stärkt das dtec.bw die technologische Resilienz Deutschlands und schafft Mehrwert für Gesellschaft und Bundeswehr.
EU-Förderung
Das dtec.bw – Zentrum für Digitalisierungs- und Technologieforschung der Bundeswehr – ist ein von beiden Universitäten der Bundeswehr gemeinsam getragenes wissenschaftliches Zentrum und Bestandteil des Konjunkturprogramms der Bundesregierung zur Überwindung der COVID-19-Krise. Es unterliegt der akademischen Selbstverwaltung. Die Mittel, mit dem das dtec.bw ausgestattet wurde, werden an beiden Universitäten der Bundeswehr zur Finanzierung von Forschungsprojekten und Projekten zum Wissens- und Technologietransfer eingesetzt. dtec.bw wird von der Europäischen Union – NextGenerationEU finanziert.
Bereits nach der Halbzeit im Jahr 2022 evaluierte der Deutsche Wissenschaftsrat, eines der führenden wissenschaftspolitischen Beratungsgremien Deutschlands, das dtec.bw. Die Stellungnahme des Gremiums unterstreicht, dass die Mission und die Ziele des dtec.bw von sehr hoher Relevanz und Bedeutung für das Militär, die Gesellschaft und die Wissenschaft sind. Angesichts der dynamischen geopolitischen Entwicklungen gewinnt die Rolle des dtec.bw zur Sicherstellung der digitalen Souveränität Deutschlands und zur Förderung verteidigungspolitisch relevanter Innovationen immens an Bedeutung.
Ausblick: dtec.bw ab 2027
Für die Verlängerungsphase der Jahre 2025 und 2026 wurden die Forschungsfragen noch einmal geschärft und der Fokus rückt verstärkt auf Dual-Use Potentiale der universitären Forschung. Die bisherigen Ergebnisse sollen in der Umsetzung mit den Kooperationspartnern wie etwa den Dienststellen der Bundeswehr weiter erprobt und validiert werden. Es ist beabsichtigt, das dtec.bw ab 2027 mit einer Neuausrichtung der Forschung am sicherheits- und verteidigungsrelevanten Digitalisierungsbedarf der Bw zu verstetigen.
Das wesentliche Ziel wird die Durchführung universitärer Dual-Use Forschung zusammen mit Bundeswehrdienststellen und Industrie in einem sicheren Forschungsumfeld im Bereich Cyber/IT und damit verbundener sicherheits- und verteidigungsrelevanter Technologien sein. Damit wird die zukünftige Forschung im dtec.bw einen wissenschaftlichen Beitrag und Mehrwert zur fähigkeitsorientierten Weiterentwicklung der Clusterprogramme im Wirkverbund der Digitalisierungsplattform GB BMVg leisten.
Dr. Annika-Kathrin Belz und André Dzionara
Autoren:
Dr. Annika-Kathrin Belz ist Referentin für Wissens- und Technologietransfer des dtec.bw an der UniBw M. André Dzionara ist Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des dtec.bw.
Die dtec.bw Jahrestagung findet 2025 auf dem Campus der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H) vom 01. bis zum 03. September 2025 statt. Weitere Informationen finden Sie hier:












