Mit dem neuen Remote Carrier Multidomain Multirole Effector (RCM²) präsentiert MBDA einen Konzeptflugkörper, der in allen Dimensionen – Land, Luft und See – einsetzbar sein soll. Doch wie realistisch ist die Integration in bestehende Plattformen wie die Fregatten der Klasse F124? Ein Blick auf Potenziale, Herausforderungen und Perspektiven.

Artist Impression der RCM² (Foto: MBDA)

Ein universeller Marschflugkörper mit vielseitigem Potenzial

Bereits zur ILA, der Internationalen Luftfahrtausstellung im Juni diesen Jahres, hat MBDA Deutschland ein neues Konzept für einen universellen Marschflugkörper vorgestellt, den Remote Carrier Multidomain Multirole Effector (RCM²)(ESuT berichtete). Im Gegensatz zu dem bestehenden luftgestützten Taurus soll RCM² in allen Dimensionen eingesetzt werden können. Damit bietet er vielseitige Einsatzmöglichkeiten von unterschiedlichen Plattformen zu Land, in der Luft und zur See.

Parallel zur ILA wurde eine Illustration verwendet, die ein Schiff der Sachsen-Klasse im Zusammenhang mit dem Einsatz des neuen Flugkörpers zeigt. Am 26. November 2024 veröffentlichte MBDA auf verschiedenen sozialen Plattformen neue Illustrationen. Darunter den Abschuss des RCM² von einem vertikalen Abschusssystem (VLS) eines Kriegsschiffes – offensichtlich einer Fregatte Klasse F124.

Die derzeit sich in Konzeptualisierung und Entwicklung befindlichen Remote Carrier-Systeme sind zum großen Teil speziell für die Domäne Air vorgesehen. (Foto: MBDA)

F124 und RCM²: Ein plausibles Szenario?

Die wiederholte Verwendung einer Fregatte der Klasse F124 im Zusammenhang mit dem RCM² fällt ins Auge. Und erscheint wenig realistisch. In den vergangenen Jahren wurde die Modernisierung der F124, die in den Jahren 2004 bis 2005 in Dienst gestellt wurden, auf den Weg gebracht. Die drei Einheiten erhalten neben einer neuen Radaranlage auch neue Systeme zur Elektronischen Kampfführung. Sie bleiben das Rückgrat der Verbandsflugabwehr der Deutschen Marine. Umso mehr scheint eine Einrüstung einer VLS-Version unwahrscheinlich, da somit der Vorrat an Flugkörpern für die Luftverteidigung, also der Kernaufgabe, verknappt würde. Gleiches gälte für ihre Nachfolge, die Fregatte F127.

Im 19. Rüstungsbericht (Redaktionsschluss 30. April 2024) wird erstmals über das Rüstungsprojekt F127 informiert. Darin heißt es: „Mit dem Projekt soll der Bau von fünf Fregatten der Klasse 127 (F127) realisiert werden. Bestimmend für das Projekt ist, im Zusammenhang mit der Außerdienststellung der Fregatten der Klasse 124 (F124), der bruchfreie Erhalt der Fähigkeit zur maritimen Luftverteidigung und Verbandsflugabwehr im Weitbereich.“ Bleibt es bei diesen Absichten, so ist MBDA’s RCM² im Zusammenhang mit den Fregatten der Sachsen-Klasse mehr Wunschtraum als Realität.

RCM² beim Abschuss von einer Überwassereinheit (Rendering von MBDA)

Deutschlands maritime Optionen: Tyrfing, NSM und die Rolle des RCM²

Deutschland hat gemeinsam mit Norwegen die Entwicklung eines gemeinsamen Seezielflugkörpers mit großer Reichweite und Geschwindigkeit mit dem Namen Supersonic Strike Missile (3SM) „Tyrfing“ beschlossen. Der Haushaltsausschuss des Bundestages gab am 26. Juni 2024 die notwendigen Mittel frei – 650 Millionen Euro (ESuT berichtete). In der zur Vertragsunterzeichnung vom 12. Juli veröffentlichen Pressemitteilung erklärt das Beschaffungsamt der Bundeswehr: „Das gemeinsam zu entwickelnde Waffensystem soll auf deutscher Seite auf den neuen Fregatten der Klasse F126 ab 2035 zum Einsatz kommen.“

Parallel dazu betreibt Koblenz die Beschaffung von NSM (Naval Strike Missile) Block 1A für die Verwendung auf Fregatten der Klassen 124, 125 und 126. NSM, mit dem neben See- auch Landziele bekämpft werden können, wird aus Kastenwerfern und nicht vom Mk41 VLS abgefeuert.

Die Entwicklung eines universellen Flugkörpers ist nicht abwegig. Die USA verfolgen gemeinsam mit anderen Verbündeten den Joint Strike Missile (JSM) als einen luftgestützten Marschflugkörper mit Mehrfachfunktion. Er ist vom NSM abgeleitet. In Norwegen wird die Verwendung des JSM von U-Booten untersucht. Kongsberg versucht den Weg zu gehen, den JSM sowohl für den Bombenschacht der F-35 als auch für ein Mk 41 VLS anzupassen. Insofern trifft der RCM² von MBDA ein durchaus bestehendes operatives Erfordernis.

Artist Impression zum Beginn der Entwicklungskooperation zwischen Deutschland und Norwegen für die zukünftige Bewaffnung der neuen Fregatten F126 (Bildrechte: Kongsberg Defence & Aerospace)

Fähigkeitslücken schließen: Europas Notwendigkeit zur Eigeninitiative

Am Rande stellt sich die Frage, wieweit, um wirklich erfolgreich zu sein, RCM² auch für US-amerikanische Systeme angepasst werden kann – im Sinne von Interoperabilität und querschnittlicher Versorgung. Weitaus gewichtiger ist der zurzeit gültige Vorbehalt, wieweit die Integration eines Flugkörpers, der in allen Dimensionen unterwegs ist, in die Führungs- und Einsatzsysteme und -strukturen durchdacht ist, respektive gelöst werden kann. Multi Domain Operations, der Anspruch der Zukunft, ist ein komplexes Unterfangen, das mit einem Marketing-Auftritt nicht zu lösen sein wird. Andererseits ist zu begrüßen, dass sich Europa emanzipiert und mit einem Entwurf eines kollaborativ vorgehenden Flugkörpers mit hoher Reichweite und einsatzspezifisch zugeschnittener Nutzlast Initiative entwickelt.

Zumal seine Notwendigkeit unbestritten ist. Wie der Verlauf des Krieges in der Ukraine den europäischen Nationen die Fähigkeitslücke zur Ausführung von Schlägen in der Tiefe des Raumes vor Augen führt.

Hans Uwe Mergener