Sicherheitsrelevante Entwicklungen entstehen selten über Nacht. Oft beginnen sie unscheinbar – mit veränderten Bewegungen auf See, neuen Aktivitäten am Boden oder Mustern im Luftraum, die sich erst über längere Zeit abzeichnen. Wer solche Veränderungen erkennen will, muss große Räume dauerhaft im Blick behalten und das, was er sieht, richtig einordnen können.
Luftgestützte Aufklärung mit eigener Plattform
Genau hier setzt die NATO Intelligence, Surveillance and Reconnaissance Force (NISRF) an. Sie macht Entwicklungen sichtbar, bevor sie zur Krise werden, und trägt dazu bei, dass das Bündnis auf Grundlage eines gemeinsamen Lagebildes entscheiden kann. NISRF ist das Intel-Center der Allianz sowie die zentrale NATO-Fähigkeit für luftgestützte Aufklärung mit eigener Plattform. Sie sammelt Informationen, wertet sie aus und speist sie direkt in die Planungs- und Entscheidungsprozesse der NATO ein.
Dabei reicht ihr Auftrag von der Unterstützung aktueller Lagen bis zur langfristigen Beobachtung ganzer Regionen. Sicherheitsrelevante Veränderungen entstehen oft schrittweise – und nur wer kontinuierlich hinsieht, erkennt das Gesamtbild. Diese Aufgabe kann NISRF erfüllen, weil sie von Beginn an multinational angelegt ist.

©Bw/Christian Traeger
Multinational getragen
NISRF vereint Soldatinnen und Soldaten aus 25 NATO-Mitgliedstaaten unter einem gemeinsamen Auftrag. Diese Zusammensetzung ist kein organisatorisches Detail, sondern Teil des Konzepts: Die Fähigkeit dient nicht einzelnen nationalen Interessen, sondern dem gemeinsamen Lageverständnis der Allianz. Am Standort Sigonella arbeiten Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen eng zusammen – von Missionsplanung und Flugbetrieb über Technik und Wartung bis hin zur Analyse sicherheitsrelevanter Informationen.
Deutschland leistet dabei einen wesentlichen Beitrag. Das deutsche NISRF Kontingent ist eine der größten Auslandsdienstellen der Bundeswehr. Mit rund 120 Soldatinnen und Soldaten stellt Deutschland einen der größten nationalen Anteile innerhalb der Einheit. Deutsche Offiziere besetzen zentrale Führungsfunktionen: Ein deutscher Oberst leitet den multinationalen Stab und trägt zugleich die nationale Verantwortung für den deutschen Anteil. Ein weiterer Oberst führt die Operations Wing von NISRF. Ergänzt wird dies durch ein nationales Unterstützungselement, das truppendienstliche und administrative Aufgaben wahrnimmt und den deutschen Beitrag organisatorisch absichert.
Diese Verbindung aus multinationaler Zusammenarbeit und nationaler Verantwortung bildet die Grundlage für die operative Leistungsfähigkeit der Einheit.

Eigene Aufklärung aus großer Höhe
Ein zentraler Bestandteil von NISRF ist ihre Fähigkeit zur eigenen luftgestützten Aufklärung. Diese sogenannte organische Datensammlung erfolgt mit der NATO RQ-4D „Phoenix“. Dieses unbemannte Flugzeug mit einer größeren Spannweite als ein Airbus A320 gehört dem Bündnis selbst und ist – neben dem NATO-AWACS-Verband in Geilenkirchen – eines der wenigen Systeme, über die der Supreme Allied Commander Europe (SACEUR) unmittelbar verfügen kann.
Als sogenanntes HALE-System – High Altitude Long Endurance – operiert der RQ-4D Phoenix in großer Höhe und kann über viele Stunden hinweg im Einsatz bleiben und weite Räume überwachen. Seine radargestützte Sensorik liefert auch bei schwierigen Wetterbedingungen verlässliche Daten, erkennt Bewegungen und macht Veränderungen über längere Zeiträume nachvollziehbar.
Die gewonnenen Informationen fließen unmittelbar in NATO-Prozesse ein und werden in das gemeinsame Lagebild integriert. Als NATO-eigenes Flugzeug ergänzt der Phoenix nationale Fähigkeiten und stärkt die gemeinsame Handlungsfähigkeit der Allianz.
Daten bündeln – Entscheidungen ermöglichen
Neben der organischen Sammlung übernimmt NISRF eine zweite zentrale Aufgabe: die Auswertung von Aufklärungsdaten aus dem gesamten Bündnis. Ein großer Teil dieser Arbeit findet im sogenannten „Federated Processing, Exploitation and Dissemination“ – kurz Federated-PED – statt.
Vereinfacht gesagt, werden dabei Rohdaten aus unterschiedlichen nationalen Quellen zusammengeführt, ausgewertet und für Entscheidungsträger nutzbar gemacht. Im Februar 2023 beauftragte das Supreme Headquarters Allied Powers Europe (SHAPE) NISRF damit, in Sigonella das „Federated-PED Management Center“ einzurichten. Seither koordiniert die Einheit diese multinationalen Beiträge und synchronisiert die Auswertung NATO-weit.
Heute entfallen rund zwei Drittel der Auswerteleistung von NISRF auf diesen Bereich. Während der Phoenix die eigene Datenerhebung sicherstellt, bildet Federated-PED das Rückgrat der täglichen Analysearbeit. Beide Elemente ergänzen sich und schaffen gemeinsam die Grundlage für das Lagebild der Allianz.

©Bw/Twardy
Bewährt im Einsatz
Wie diese Struktur in der Praxis wirkt, zeigte sich bei mehreren operativen Vorhaben. Ein sichtbares Beispiel war die erstmalige Verlegung eines RQ-4D Phoenix nach Finnland im Sommer 2025. Der Einsatz stellte Personal, Technik und Abläufe vor neue Herausforderungen, aber die gewonnenen Aufklärungsdaten flossen weiterhin in die NATO-Prozesse ein.
Auch im Rahmen der NATO-Übungsreihe Neptune Strike 25-4 war NISRF tief in eine maritime Führungsstruktur eingebunden. Die Einheit führte Informationen aus verschiedenen Quellen zusammen und stellte sie mehreren Führungssträngen parallel zur Verfügung. Beide Beispiele zeigen: Schon vor Erreichen der vollen Einsatzreife leistet NISRF wertvolle Beiträge zur operativen und strategischen Aufklärung sowie zur Handlungsfähigkeit der Allianz.
Auf dem Weg zur vollen Einsatzreife
Derzeit befindet sich die Einheit im Status der „Initial Operational Capability“ (IOC). Ziel ist es, bis Sommer 2027 die volle Einsatzreife – die „Full Operational Capability“ (FOC) – zu erreichen. Dieser Weg ist kein einzelner Meilenstein, sondern ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess. Verfahren werden standardisiert, Abläufe harmonisiert und Strukturen weiter gefestigt.
Dabei geht es nicht nur um technische Aspekte, sondern vor allem um abgestimmte Arbeitsprozesse zwischen den beteiligten Nationen und eine verlässliche personelle Ausstattung. Erfahrungen aus Verlegungen, Einsätzen und multinationalen Übungen fließen direkt in die Weiterentwicklung ein und stärken die Stabilität der Fähigkeit.
Mit dem weiteren Ausbau ihrer Verfahren und der zunehmenden Integration in NATO-Prozesse wächst die Rolle von NISRF innerhalb der Allianz kontinuierlich. Die Kombination aus organischer Aufklärungsfähigkeit durch den RQ-4D Phoenix und zentraler Koordination verschafft der Einheit bereits heute eine besondere Stellung. Sie verbindet Informationen unterschiedlicher Herkunft, stärkt das Vertrauen zwischen den Nationen und trägt dazu bei, sicherheitsrelevante Entwicklungen frühzeitig einzuordnen. So entwickelt sich NISRF Schritt für Schritt weiter zu dem Ort, an dem die Allianz ihre gemeinsame ISR-Kompetenz bündelt – dem „Home of Allied ISR“.
Weitere Informationen finden Sie unter: https://nisrf.nato.int/home.
Major Nikolas Gesatzky ist der Public Affairs Officer der NATO Intelligence, Surveillance and Reconnaissance Force.









