Moderne Macht bemisst sich heute nicht mehr primär an Panzern, Kampfflugzeugen oder Fregatten, sondern an Daten, Algorithmen, Rechenkapazitäten und an der Fähigkeit, diese schnell, resilient und organisationsübergreifend in operative Entscheidungen zu überführen. In seinem Buch „Four Battlegrounds: Power in the Age of Artificial Intelligence” beschreibt Paul Scharre diese neuen Machtfelder als Datenzugang, Computing, Institutionen und Talente. Palantir Technologies Inc. steht exemplarisch für diesen Wandel: als Softwareanbieter, der zu einem strategischen Machtfaktor geworden ist und zugleich als Spiegel dafür, wie schwer sich Europa mit diesem Paradigmenwechsel tut.

Die sicherheitspolitische Großwetterlage Europas hat sich seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine grundlegend verändert. Mit steigenden Verteidigungsbudgets und einer neuen Ernsthaftigkeit in der sicherheitspolitischen Debatte rückt technologische Überlegenheit zunehmend in den Fokus. Analyseplattformen, die militärische, nachrichtendienstliche und zivile Daten in belastbare Lagebilder, Prognosen und Zielentscheidungen überführen können, werden zum operativen Rückgrat moderner Streitkräfte. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung der NATO aus dem Frühjahr 2025, das KI-gestützte Maven Smart System (MSS NATO) von Palantir zu beschaffen, weit mehr als eine klassische IT-Vergabe: Sie markiert einen strategischen Schritt hin zu softwaredefinierter Bündnisverteidigung.

Das US-Militär nutzt Systeme von Palantir, um mithilfe künstlicher Intelligenz Daten auszuwerten und operative Entscheidungen vorzubereiten.
Foto: Palantir

Zugleich wirken der Vertrauensverlust gegenüber US-Hard- und Software seit der ersten Trump-Administration sowie die systemische Rivalität mit China wie ein Katalysator. Europa möchte weder in kritischen Bereichen dauerhaft von amerikanischer Technologie abhängig sein noch chinesische Produkte einsetzen. Hier liegt der zentrale Kritikpunkt an Palantir: Europa bindet sich an einen einzelnen, nicht europäischen Anbieter, dessen Algorithmen nur begrenzt transparent sind und der tief in hochsensible Datenräume integriert ist. Von personenbezogenen Informationen bis hin zu militärischen und nachrichtendienstlichen Daten.