VAE steigen aus der OPEC aus
H.M. Lawrence
Die Vereinigten Arabischen Emirate steigen aus der OPEC aus. Förderquoten, Machtfragen und der Konflikt mit Saudi-Arabien treiben Abu Dhabi zu diesem Schritt.
Seit ihrer Gründung 1960 bemüht sich die Organisation erdölexportierender Länder, besser bekannt als OPEC, den globalen Ölmarkt zu beeinflussen. Durch die Festlegung von Förderquoten senkt oder erhöht das internationale Kartell mit Sitz in Wien das verfügbare Angebot an Rohöl und wirkt damit auf den Preis.
Saudi-Arabien gilt innerhalb der Gruppe seit Jahren als informeller Führungsstaat und zentraler Swing Producer. Doch die derzeit noch zwölf Mitglieder umfassende Organisation steht spätestens seit der Ausweitung zum OPEC+-Format im Jahr 2016 erkennbar unter Druck.
Nun verlässt mit den Vereinigten Arabischen Emiraten ein langjähriges Mitglied den Club. Ab dem 1. Mai muss sich Abu Dhabi nicht mehr an die vorgegebenen Förderquoten für sein wichtigstes Exportgut halten. Der Schritt kommt nicht völlig überraschend, könnte aber Auswirkungen sowohl auf den Ölpreis als auch auf die sicherheitspolitische Lage im Nahen Osten haben.
Abu Dhabi sucht mehr Spielraum
Während die Welt auf Verhandlungen über eine Beilegung des Krieges und eine mögliche Wiederöffnung der Straße von Hormus schaut, nehmen die Vereinigten Arabischen Emirate ihr Schicksal selbst in die Hand.
Die Fördervorgaben der OPEC hatten bislang vor allem zur Stabilisierung des Ölpreises und damit zu Planungssicherheit für Verbraucher und Industriestaaten beigetragen. Für die aus sieben Emiraten bestehenden VAE bedeuteten sie zugleich, dass das Land sein Produktionspotenzial nicht voll ausschöpfen konnte.
Eine Analyse des Baker Institute for Public Policy an der Rice University in Texas stellte bereits 2023 fest, dass ein Austritt und höhere Ölexporte zusätzliche Erlöse von mehr als 50 Milliarden US-Dollar jährlich ermöglichen könnten. Den ambitionierten Diversifizierungsplänen Abu Dhabis käme ein solcher finanzieller Spielraum entgegen. Die Blockade der Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel der globalen Versorgung mit Öl und Flüssigbrennstoffen läuft, hat der Region zudem ihre energiepolitische Verwundbarkeit deutlich vor Augen geführt.
Riad und Abu Dhabi entfernen sich voneinander
Während Öl für die VAE mittelfristig an Bedeutung verlieren soll, muss sich Abu Dhabi auch sicherheitspolitisch neu orientieren. Die Erfahrung der Verwundbarkeit gegenüber iranischen Drohnen- und Raketenangriffen, vor allem aber die wachsenden Unstimmigkeiten mit Saudi-Arabien, haben den Schritt begünstigt.
Im Dezember 2025 gerieten Riad und Abu Dhabi im Jemen-Krieg gefährlich nah an eine direkte Konfrontation. Die Erweiterung des Ölkartells zum OPEC+-Format im Jahr 2016, vorangetrieben durch Saudi-Arabien und unter Einbeziehung weiterer Förderstaaten wie Russland, Kasachstan und Aserbaidschan, hatte den relativen Einfluss der VAE bereits verringert.
So konnten sich die Emirate 2021 mit ihrer Forderung nach höheren Fördervorgaben gegen den Widerstand Riads nicht durchsetzen. Danach kursierten erstmals ernsthafte Gerüchte über einen möglichen Austritt. Für Saudi-Arabien bedeutet der Austritt des unbequemen Nachbarn zugleich einen Verlust an Einfluss.
Die VAE sind nicht das erste Mitglied, das die OPEC verlässt. Katar, Ecuador und Angola haben die Organisation in den vergangenen Jahren ebenfalls verlassen. Die Gründe reichten von strategischer Neuausrichtung bis zu Streit über Fördermengen. Früher kontrollierte die OPEC mehr als die Hälfte der weltweiten Rohölförderung. Heute ist ihr Anteil deutlich geringer. Preisstabilisierung und Marktkorrekturen werden dadurch schwieriger.
Mehr Förderung könnte den Ölpreis drücken
Nun ist der Bruch offiziell. Doch was bedeutet der Schritt für den Ölpreis? Die VAE haben in den vergangenen Jahren Milliarden in neue Bohr- und Verarbeitungstechnologie investiert. Die Abu Dhabi National Oil Company gibt ihre aktuelle Förderkapazität mit 4,85 Millionen Barrel pro Tag an und will sie bis 2027 auf fünf Millionen Barrel steigern. Ein Barrel entspricht rund 159 Litern.
Experten erwarten daher mittelfristig ein höheres weltweites Angebot, sobald die Exportwege wieder verlässlich offen sind. Das könnte den Preis drücken. Gleichzeitig dürfte der Markt volatiler werden, insbesondere wenn auch andere Förderstaaten ihre Produktion ausweiten oder Fördervorgaben weniger konsequent einhalten.
Kurzfristig bleibt eine Entlastung für deutsche Autofahrer unsicher. Zuletzt lagen Super E10 und Diesel im Bundesdurchschnitt weiterhin über zwei Euro je Liter. Die Störung der Straße von Hormus wiegt für den Markt derzeit deutlich schwerer als eine künftige Produktionssteigerung der VAE.
H.M. Lawrence









